Das Schwein von Gaza

by on 12/19/2012

© Alamode

Deutschland ist Schweinefresserland. Das hat Anke Engelke mal in irgendeinem Sketch gesagt. Andere Kulturen würden nie auf die Idee kommen, ein Schwein zu verspeisen oder auch nur zu berühren. So stellt für die Muslime in Palästina das Schwein ein unreines und verachtungswürdiges Tier dar. Wem das bewusst ist, dessen Interesse ist schon bei dem Filmtitel Das Schwein von Gaza umgehend geweckt. Was zum Henker macht ein Schwein in Gaza?

Genau diese Frage stellt sich der Fischer Jafaar (Sasson Gabai) ebenfalls, als ihm eines Tages statt der ersehnten Fischen ein Schwein ins Netz geht. Die zweite Frage, die sich auftut, ist: Was tun mit einem Schwein, das in Gaza aus religiösen Gründen nicht einmal den Boden berühren darf? Jafaar muss das Schwein loswerden und zwar so schnell wie möglich. Wenn er es gewinnbringend abstößt, kann er damit vielleicht sogar seine Schulden beim Händler bezahlen und seiner Frau endlich mal wieder mit einem kleinen Geschenk eine Freude machen. Doch wer in Gaza sollte schon ein Schwein kaufen wollen? Auch die jüdischen Nachbarn betrachten das Tier als unrein. Die jüdische Russin Yelena (Myriam Tekaïa) interessiert sich ausschließlich für das Sperma des Schweins, das sie für ihre eigene Zucht nutzen möchte. Aber wie soll Jafaar an den Samen kommen, wenn er das Tier nicht einmal berühren darf? Und was passiert, wenn die Hamas herausfindet, dass er den Juden dabei hilft, Sprengstoffspürschweine zu züchten? Das kann ja nur schief gehen!

Das Schwein von Gaza erzählt eine in der Tat absurde Geschichte, wobei ich mir sicher bin, dass sie auf uns als Deutsche und Nicht-Muslime weitaus absurder wirkt als beispielsweise auf die Bewohner Gazas selbst. Wir empfinden es als unfassbar komisch, wie Jafaar sich sträubt, sein Schwein anzufassen und dass er ihm Socken anzieht, damit es nicht den palästinensischen Boden berührt. Jemand, der an die Unreinheit dieser Tiere glaubt, wäre vielleicht weniger amüsiert und würde für den Protagonisten mehr Verständnis aufbringen. Aber Regisseur Sylvain Estibal lässt in meinen Augen keinen Zweifel daran aufkommen, dass er Menschen aller Religionen amüsieren will. Seine Inszenierung, vor allem Jafaars geradezu tänzelnde Bewegungen, haben mich stellenweise an frühen Slapstick von Charles Chaplin oder Buster Keaton erinnert. Auch die Überzeichnung einzelner Charaktere weist klar daraufhin, dass Lachen bei Das Schwein von Gaza durchaus erlaubt ist.

Aber lustig ist die Geschichte eigentlich nicht. Wegen seiner Schulden droht Jafaar eine Gefängnisstrafe. Seine Frau nimmt es gelassen, das Leben in Gaza sei ohnehin wie in einem Gefängnis, sagt sie. Doch das Schwein stellt eine noch größere Gefahr da, denn Jafaar könnte als Verräter gegen die palästinensische Sache gesehen werden. Sylvain Estibal gelingt es, die harte Lebensrealität in Gaza immer präsent zu halten, ohne auf die Tränendrüse zu drücken oder die Geschehnisse künstlich zu dramatisieren. Aber wenn Jafaar die Vorhänge aufzieht und dahinter ein als Fensters getarntes Granateneinschlagloch zum Vorschein kommt, verschlägt es uns als Zuschauer kurz die Sprache. Innerhalb der komödiantischen Inszenierung treffen uns Bilder wie diese vollkommen unvorbereitet. Je weiter der Film fortschreitet, desto deutlicher wird die fast schon verzweifelte Sehnsucht nach Frieden, desto absurder gestaltet sich – nein, nicht das Schwein – sondern der anhaltende Krieg zwischen Juden und Moslems. Nur bezüglich der Unreinheit der Borstentiere sind sie sich einig.

So absurd die Handlung auch erscheinen mag, es bleibt doch der bitte Nachgeschmack dessen, dass es Gaza wirklich gibt. Dass die Fischer dort wirklich nur wenige Seemeilen auf das Meer hinausfahren dürfen, weshalb sie kaum noch etwas fangen und ihre Existenzgrundlage verlieren. Dass Kinder wirklich davon träumen, als Märtyrer ihr Leben zu opfern, anstatt unbeschwert in eine rosige Zukunft zu blicken. Aber Sylvain Estibal will uns nicht deprimieren, er will Hoffnung schenken. Deshalb wirkt Gaza in seinem Film zwar eintönig, aber niemals trostlos. Die Sonne scheint, kleine Farbtupfer verleihen dem Straßenbild etwas Fröhliches. Und die Ruinen, in denen sich die Bewohner bewegen, nehmen wir erst auf den zweiten Blick als solche wahr. Naiv ist Das Schwein von Gaza aber ebenfalls nicht. In seiner märchenhaften Überzeichnung der Ereignisse wird insbesondere gen Ende deutlich, dass wir von der ersehnten Versöhnung noch weit entfernt sind, dass die Dinge in der Realität eben nicht so einfach sind wie in dieser Geschichte, sondern viel komplexer. Das Welt ist manchmal scheiße, aber es ist an uns, sie zu einem schöneren Ort zu machen. Und manchmal braucht es dafür vielleicht wirklich nur ein Schwein.

Verkaufsstart: 15. Februar 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

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