Das Versprechen eines Lebens – Russell Crowes 50-jährige Fuckability

by on 04/20/2015

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© Universal Pictures

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Zu Beginn von Das Versprechen eines Lebens läuft Russell Crowe mit einer Wünschelrute über trockenes, rotbraunes australisches Land. Natürlich findet er Wasser, gräbt einen schon bald sprudelnden Brunnen und schließlich zeigt ihn die Kamera von oben in Siegerpose, Gesicht und Arme ausladend gen Himmel gestreckt. Er ist ein breitbeiniger Typ, dieser Russell Crowe, scheint mir diese erste Szene sagen zu wollen. Naturburschig und ein wettergegerbter Anpacker, aber im richtigen Augenblick natürlich mit einem butterweichen Kern.

In Das Versprechen eines Lebens spielt Russell Crowe einen Vater, der sich im Jahre 1919 in die Türkei aufmacht, genauer gesagt nach Gallipoli. Dort tobte noch kurz zuvor der Erste Weltkrieg in einer besonders brutalen Schlacht, tausende Soldaten fielen. Darunter auch Connors Söhne, die sich, noch halbe Teenager, von der heimischen Farm euphorisch und ahnungslos ins Kriegsgetümmel gestürzt hatten. Nachdem sich Connors Frau (Jacqueline McKenzie) aus Kummer umbringt, bleibt ihm nur noch das blutbefleckte Tagebuch seiner Jungs und die Hoffnung, in türkischer Erde ihre Leichname zu finden und sie für eine richtige Beerdigung in die Heimat zu holen.

Vor einer Weile erst sah ich Gallipoli – An die Hölle verraten von 1981. Peter Weir hat bisher noch keinen Film gedreht, der mir nicht gefallen hätte und seinen Antikriegsfilm, in dem es ebenfalls junge Australier kaum abwarten können, endlich am Weltkrieg teilzunehmen, hat er zu einem gerade durch seine vorsichtig zurückhaltende Inszenierung besonders nachdrücklichen Erlebnis werden lassen. Das Versprechen eines Lebens ließe sich inhaltlich ohne Weiteres als eine beinahe nahtlose Fortsetzung zum Werk von Weir lesen – stilistisch und dramaturgisch könnte er aber kaum entfernter liegen. Kaum scheint sich Russell Crowe, der hier neben seiner Hauptrolle auch Regie führte, dafür entscheiden zu können, was er zeigen, welche Geschichte er eigentlich erzählen will. Die eines leidenden Vaters? Fehlgeleiteter junger Männer unter dem Einfluss romantisierender Kriegspropaganda? Von dem unvorstellbaren Leid an der Kriegsfront? Von der Historie und den kulturellen Gegebenheiten der Osmanen? „Nach einer wahren Begebenheit“ – dieser einleitende Satz nimmt den hohen Anspruch vorweg, den der Regisseur sich selbst stellt. „Ok, das ist schon mal schlecht“, murmelte ein Kollege in der Reihe vor mir unvermittelt.

© Universal Pictures

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Auf die Wünschelroutenszene folgt denn auch bald die erste Rückblende auf eines der Schlachtfelder des Krieges. Über zwei Stunden Laufzeit wird Russell Crowe immer wieder die Zeitebenen wechseln. Prinzipiell eine dramaturgische Idee, die seiner Geschichte gut zu Gesicht stünde. Nur dass er sie umsetzt wie in einem Melodrama nach Schema F: Connor schlägt das Tagebuch seiner Jungs auf, liest die ersten Zeilen und schon schlagen Granaten vor Schützengräben ein. In diesen Szenen will Das Versprechen eines Lebens ein schwer zu ertragender Antikriegsfilm sein. Er scheut sich nicht, Ängste und Heldentaten zu inszenieren und abgerissene Gliedmaßen, zerrupftes Fleisch und Gekröse zu zeigen.

Dann Szenenwechsel. In Istanbul landet Connor im Hotel von Ayshe (Olga Kurylenko), einer verwitweten Dame, hin und hergerissen zwischen kulturellem Ehrgefühl und Freiheitsdrang, konditioniertem Anstand und Gefühlen. Natürlich funkt es zwischen den beiden. In diesen Szenen kann Das Versprechen eines Lebens seine melodramatischen Bestrebungen kaum noch verbergen. Der gebrochene Held und die Unglückliche, kulturelle und gesellschaftliche Widerstände, die Katastrophen der Vergangenheit, die Fesseln der Gegenwart, das Gefühl einer letzten großen Chance. Kitsch, der sich bierernst nimmt. Aber der Regisseur verweilt zu kurz und in zu holzschnittartigen Bildern bei dem Handlungsstrang im Hotel, als dass wir uns auf die Romantik einlassen könnten. Es gilt schließlich auch noch eine Kultur zu repräsentieren. Mit Ayshes Sohn Orhan (Dylan Georgiades) stattet Connor der Hagia Sofia einen Besuch ab, Basare und pittoreske Gassen der Medina rücken ins Bild, Männer singen beseelte Revolutionslieder, die Zukunft liegt im Kaffeesatz, Geschäfte werden selbstverständlich nackt im Hamam abgeschlossen und auf einem Tanzabend in schönster osmanischer Tradition betören orientalische Klänge. Russell Crowe strengt sich ungemein an, die Türken in seinem Film nicht als die Bösen zu zeigen (diese Rolle kommt später den Griechen zu), bloß nicht über die ihm fremde Kultur zu urteilen und in diesen Szenen scheint es dann auch, als hätte die Istanbuler Tourismusbehörde kräftig mit finanziert.

© Universal Pictures

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Dass es dem Zuschauer bei diesem stetigen Wechsel zwischen Stimmungen und Bilderwelten kaum gelingen kann, sich in Das Versprechen eines Lebens einzufühlen, überrascht nicht. Also was ist der rote Faden, der diesen wilden Mix aus Genreversatzstücken und Intentionen zusammenhält? Es ist – wen wundert’s – Russell Crowe selbst. Der spürt in seinem Film natürlich nicht nur Wasser auf. Nein, auf wundersame Weise erfühlt er auch den exakten Ort der Gräber seiner Söhne. Er scheut sich nicht vor Prügeleien, wenn es hilflose Frauen zu retten gilt. Er zeigt Einsicht, wenn es die politische Korrektheit gebietet, er verdrückt im richtigen Moment ein paar Tränen oder reitet todesmutig einem gefährlich dräuenden Sandsturm entgegen.

Der konstruierte Bruch in seiner Persönlichkeit macht den Helden am Ende nur noch vermeintlich interessanter und perfekter. Sein Film mag ihm ohne Ende Screentime gewähren – sympathischer lässt er ihn aber nicht unbedingt erscheinen. Und das, nachdem Russell Crowe bereits Anfang des Jahres einen ganzen Haufen Sympathiepunkte verspielte, als er in einem Interview die Welt wissen ließ, Schauspielerinnen sollten gefälligst nur altersgemäße Rollen spielen. Altersgemäß ist seine Rolle mit Sicherheit. Nur, dass er sich eben selbst casten konnte. Und sich zwei Stunden lang in all seiner fünfzigjährigen fuckability inszenieren konnte. Das hätten seine Kolleginnen mal versuchen sollen.

Pressespiegel auf film-zeit.de

Kinostart: 07. Mai 2015

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