Dating Queen oder warum Konventionen manchmal unkonventionell sind

by on 07/06/2015

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© Universal Pictures International Germany GmbH

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„Monogamie ist unrealistisch“. Nach dem dritten Glas Rotwein kommt dieses Thema bei jeder drittklassigen WG-Party auf. Dass ein in Scheidung lebender Vater dieses Konzept seinen zwei vorpubertären Töchtern anhand ihrer Puppen erklärt, das ist schon viel weniger konventionell. Aber was ist in Dating Queen schon konventionell – abgesehen von diesem deutschen Vermarktungstitel? Eigentlich heißt das Werk nämlich Trainwreck und erzählt von einer ziemlich kaputten Frau.

Für die Regie von Dating Queen zeichnet Judd Apatow verantwortlich, aber die eigentliche Showmasterin ist Amy Schumer. Die bisherige Fernsehschauspielerin und Comedienne hat ihr Drehbuchdebüt für einen Kinofilm geschrieben und die Hauptrolle übernommen – und hinter ihrer Präsenz tritt der eigentlich recht namhafte Apatow diskussionslos zurück in den Schatten. Es sind Amys Worte, Amys Humor, Amys Blick auf die ganze komplizierte Beziehungskiste, die hier zählt. Schumer spielt hier eine Amy, die die Lektion ihres Vaters verinnerlicht hat. Mit Männern anzubandeln, macht ihr keine Probleme. Die Kunst der Verführung liegt ihr im Blut. Die Probleme stellen sich erst hinterher ein: wenn er Löffelchen will, aber sie nur nach Hause. Amy übernachtet niemals bei ihren Eroberungen, lieber zelebriert sie den anschließenden Walk of Shame quer durch Manhattan oder, wenn es ganz schlimm kommt, auch mit der Fähre zurück von Staten Island.

Für mich entsteht an dieser Stelle schon das erste potentielle Problem: warum wird eine Frau, die promiskuitiven Sex hat wie ein Männerklischee aus der Mottenkiste, immer gleich als kaputt bezeichnet? Könnte es nicht sein, dass sie schlicht und einfach ihre Vorlieben in vollen Zügen auslebt und dadurch ein wesentlich gesünderer Mensch ist als all ihre heuchlerischen RomCom-Ahnen? Tatsächlich baut Amy Schumer ihre Geschichte ganz klassisch nach den Regeln einer Romantischen Komödie auf – nur eben mit vertauschten Rollen auf jeglicher Ebene. Sie ist die Hauptfigur mit dem vielen Sex, die sonst so nobelblasse Tilda Swinton ist ihre gebräunte und türkis belidschattete Redakteurin und dann läuft ihr endlich ein Mann über den Weg, der ihre bisherigen Ideale des guten, alten no-strings-attached über den Haufen wirft. Bill Hader spielt diesen Mann, einen Sportarzt namens Aaron Connors, über den Amy einen Artikel schreiben soll. „Ich will den Hass“, beauftragt Tilda ihre sport-animose Autorin, aber stattdessen gibt es Liebe.

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Zumindest stellt sich die von Seiten Aarons sehr schnell ein. Amy mag den ersten, körperlichen Schritt gehen, aber während sie noch damit beschäftigt ist, sich zu fragen, warum sie ihre Übernachtungsregel gebrochen hat, erzählt er schon begeistert seinem besten Freund von ihr. Hier kommt im Übrigen ein wunderbarer Sidekick von Dating Queen ins Spiel – der Basketballprofi LeBron James, der eine sensible Pfennigfuchserversion seiner Selbst spielt und dabei kein bisschen „Schauspielamateur“ auf seiner Stirn zu stehen hat. Zwar übernimmt er die leicht zu identifizierende Rolle der besten Freundin mit den wertvollen Ratschlägen aus der klassischen RomCom, Amy Schumer beweist aber trotzdem ihr Talent im Spiel mit den Genrekonventionen: ihre Geschichte entwickelt sie nicht aus wahnwitzigen Plotwendungen heraus, sondern so schlicht wie wirkungsvoll aus den Charaktereigenschaften ihrer Hauptfigur. Das mag manchmal einen Tick zu sentimental und platt geraten, wie in dem Handlungsstrang mit dem inzwischen in die Jahre gekommenen Vater (Colin Quinn), der an MS leidend in einem Altersheim lebt. Oder in der Gegenüberstellung mit ihrer Schwester Kim (Brie Larson), die den entgegengesetzten Weg einschlägt und sich Mann und Kind anschafft.

Letztlich vermeidet die Autorin durch die persönliche Perspektive auf ihre Geschichte aber, den Frauen das Recht auf ihre experimentellen Phasen abzusprechen. Amy wird für ihre Bettgeschichten weder bestraft, noch wird sie messianisch bekehrt. Sie beginnt lediglich eine neue Lebensphase und muss lernen, sich darauf einzulassen. Und an dieser Stelle – wer hätte gedacht, dass ich das einmal schreibe – bin ich sogar dem deutschen Verleih für den augenscheinlich so sinnentstellten Titel dankbar. Amy Schumer darf ruhigen Gewissens eine Dating Queen sein, solange sie will. Und das Publikum wird ebenfalls nicht mit dem Kopf darauf gestoßen: seht her, hier leidet eine Frau unter ihrem eigenen Anspruch an die Unabhängigkeit! Es geht mit den Erwartungen an eine konventionelle RomCom ins Kino – und bekommt eine RomCom, die kein großes Drama daraus macht, dass hier die Rollen eben nicht mehr den alten Konventionen aus der Mottenkiste entsprechen. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Kinostart: 13. August 2015

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