Democracy – Warum wir das Internet nicht einholen

by on 01/29/2016

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Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Es ist ein bisschen wie das Frankenstein-Monster: im Übermut erschaffen und nun unkontrolliert von der Leine gelassen eine Gefahr für die Menschheit. Das World Wide Web ist uns schon jetzt Lichtjahre voraus. Unsere politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen hängen der virtuellen Realität unseres Lebens weit hinterher und die Aufholjagd scheint vollkommen aussichtslos. Aber woran liegt das eigentlich?

© Indi Film - Marcus Winterbauer

© Indi Film – Marcus Winterbauer

Wie der Titel Democracy – Im Rausch der Daten schon verrät, geht es Regisseur David Bernet weniger um das was als um das wie. Sein Einblick in das EU-Parlament in Brüssel ist vor allem ein Einblick in die Arbeit von Politker_innen, Bürgerrechtler_innen und Lobbyist_innen und weniger eine inhaltliche Analyse der Datenschutzdebatte. Wenn er Jan Philipp Albrecht bei der Konzeption eines neuen Datenschutzgesetzes über die Schulter sieht, dann blickt der Film auf das Verfahren und nicht auf den Paragraphen selbst.

Das Europaparlament, so wie es David Bernet darstellt, erinnert ein wenig an das „Haus, das Verrückte macht“ aus Asterix erobert Rom. Der Prozess – von der Idee eines neuen Gesetzes bis zu seiner Implementierung – ist nicht nur lang, sondern verschlungen, ja zuweilen fast kreisförmig. Im Januar 2012 beginnt die Arbeit am neuen Datenschutzgesetz. Bis heute ist es nicht in Kraft getreten.

Und so ist Democracy – Im Rausch der Daten  im Kern ein Film über die Tücken der Demokratie. Wahnwitzige 4.000 Änderungsanträge werden in Reaktion auf den ersten Gesetzesentwurf vorgelegt. Mich erinnerte das auf verstörende Weise an den Streik der Berliner Unis vor etwa 10 Jahren, beziehungsweise an eine ganz konkrete ergebnislose Vollversammlungen, in der es vor lauter Anträgen zu Verfahrensweisen und inhaltlichen Details schließlich zu keiner Abstimmung über das Ende des Streiks kommen konnte (weshalb dieser ganz offiziell eigentlich niemals geendet hat…). In Brüssel herrschen frappierende vergleichbare Zustände: Während dort monatelang über Paragraphen und Anträge diskutiert und abgestimmt wird, bricht mit Edward Snowden plötzlich die Realität in die abstrakte Bürokratie ein. Datenschutz ist nun nicht mehr nur irgendein Thema. Es ist DAS Thema der zeitgenössischen Politik. Doch das Europarlament ist nicht in der Lage, darauf angemessen zu reagieren.

© Indi Film - Dieter Stürmer

© Indi Film – Dieter Stürmer

Es liegt ein Funken Ironie in Bernets Inszenierung, deren Dramaturgie stark an ein US-Amerikanisches Polit-Drama erinnert. Insbesondere die Musikuntermalung suggeriert Spannung, wo gar keine ist. Die blaustichige Schwarz-Weiß-Optik wiederum verleiht dem Film prätentiöse Größe. Ja, im ehrwürdigen Brüssel werden wichtige Probleme diskutiert. Doch auf der Suche nach Lösungen stellt sich das System selbst ein Bein.

Ganz gelingt es Bernet leider nicht, dieses Drama in das Korsett einer Spannungsdramaturgie einzuschnüren. Immens wortlastig und selten bildgestützt, wirkt Democracy – Im Rausch der Daten zu oft wie ein Lehrfilm. Auch fehlen ein Voice Over oder Grafiken, die weniger vorgebildeten Zuschauer_innen einen Zugang zu den Themen Datenschutz und Europapolitik ermöglichen könnten. Das Zielpublikum von Democracy – Im Rausch der Daten  ist dementsprechend stark auf das Bildungsbürgertum beschränkt, also auf Menschen, die sich den dargestellten Problemkomplexen vermutlich ohnehin bewusst sind. Es ist eben eine große Kunst, komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen und Democracy – Im Rausch der Daten  scheitert auf ganzer Linie an diesem Unterfangen.

Aber vielleicht müssen wir die Zusammenhänge auch gar nicht verstehen. Oder besser gesagt: Vielleicht können wir sie auch gar nicht verstehen. Vielleicht ist es Absicht, dass sich die Prozesse in Brüssel hier so kryptisch gestalten? Liegt hierin eine scharfe Demokratie-Kritik?

Am Ende sehen wir Ruinen altgriechischer Tempelbauten, eine Erinnerung an die Erfinder der Demokratie. Doch sie sind nicht majestätisch. Sie sind in Auflösung begriffen. Das System der Demokratie, so scheint es, ist ein Relikt aus einer längst vergangenen Ära und in seiner jetzigen Form der Geschwindigkeit des modernen virtuellen Lebens einfach nicht mehr gewachsen.

Kinostart: 12. November 2015

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