Der Butler

by on 08/21/2013

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© Prokino

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Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ist ein Pool großartiger, mitreißender und auch heldenhafter Geschichten und es verwundert mich immer wieder, dass dieser Teil der jungen US-amerikanischen Geschichte nicht viel öfter Schauplatz großer Hollywood-Produktionen ist. Seit ich 2006 auf den Fußspuren Martin Luther King Jr.’s durch die USA reiste und mich mit eigenen Augen davon überzeugen konnte, dass die Diskriminierung von Afroamerikanern nicht Bestandteil der Geschichte, sondern der Gegenwart des Landes ist, mag ich für dieses Thema ein besonderes Interesse entwickelt haben. Nichtsdestotrotz glaube und hoffe ich, dass Der Butler auch bei jenen Leuten ankommt, denen bei der Erwähnung von Martin Luther King Jr. nicht direkt die Tränen in die Augen steigen.

Kürzlich hatte ich mich noch über Lee Daniels‚ Inszenierung afroamerikanischer Charaktere in The Paperboy gewundert. Das ist umso absonderlicher, als dass Daniels auch den wirklich wunderbaren Precious – Das Leben ist kostbar gedreht hat. Glücklicher Weise ist von den Stereotypen, die mir in The Paperboy so negativ aufgestoßen waren, in Der Butler nichts zu merken. Zumindest für mich nicht. Lee Daniels und der Drehbuchautor Danny Strong gehen mit ihrem Thema sehr clever um und rollen die Bürgerrechtsbewegung anhand einer Vater-Sohn-Geschichte auf, die auf wahren Begebenheiten beruht. Dabei ist es, so vermute ich, vor allem die Figur des Vaters (Forest Whitaker als Cecil Gaines), die dem wahren Leben entnommen ist. Als Butler serviert er einem Präsidenten nach dem anderen in der notwendigen Demutshaltung Kaffee, während sein Sohn Louis (David Oyelowo) sich erst bei den Freedom Riders und später bei den Black Panthers engagiert. Gewohnt, sich durch gute Miene zum bösen Spiel seinen Platz in der Gesellschaft zu verschaffen, kann Cecil die Rebellion seines Sohnes nicht nachvollziehen und es kommt nach langwierigen Konflikten zu einem für beide Seiten äußerst schmerzhaften Bruch.

Indem die verschiedenen Stationen der Bürgerrechtsbewegung – von Little Rock über Martin Luther King Jr. bis hin zu Obama – anhand zweier persönlicher Schicksale erzählt werden, können wir als Außenstehende begreifen, was diese Ereignisse für die Betroffenen bedeutet haben. Und wir sind doppelt Ausstehende: Wir leben in einem anderen Land und viele von uns haben niemals erlebt, wie es sich anfühlt, als Minderheit in den eigenen Rechten beschnitten zu werden. Insbesondere wer sich noch nie mit diesem Kapitel der US-Geschichte beschäftigt hat, kann so die Bedeutung der Freedom Riders, der gewaltlosen Proteste gegen die Rassentrennung, ermessen und nachfühlen, welch tiefer und persönlicher Schmerz für manche Menschen mit der Ermordung von John F. Kennedy oder Martin Luther King Jr. verbunden war. Obwohl der Film stolze 130 Minuten lang ist, kann er selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Besonders bedauerlich ist das Fehlen des Marsches nach Washington und der „I Have a Dream“ Rede, welches ich mir mit dem knappen Budget der Independent-Produktion erkläre und somit – wenn auch sehr schweren Herzens – verschmerzen kann.

Ein Film über Männer

Der Blick auf die Historie ist in meinen Augen gelungen. Weniger gelungen ist die Inszenierung der Figuren und ihrer Beziehungen. Richtungsänderungen der Protagonisten kommen zu plötzlich, wirken zu aufgesetzt und entwickeln sich oft nicht aus den Charakteren selbst. Insbesondere die Ehe zwischen Cecil und seiner Frau Gloria (Oprah Winfrey) konnte ich schwer begreifen. Grundsätzlich gelingt es Lee Daniels leider nicht, den Frauen seiner Geschichte ihren wohl verdienten Platz einzuräumen. Durch die Bank bleiben sie blasse Anhängsel ihrer Männer. Zwar deutet die Geschichte an, dass die Frauen durch ihre Zeitungslektüre oft besser über den Stand der Dinge Bescheid wissen als ihre Gatten, doch verpufft dieser Aspekt umgehend, ohne dass Lee Daniels ihn dafür nutzen würde, seine sehr weiblichen Figuren weiterzuentwickeln. Der Butler ist ein Film über Männer und in diesem Kontext verwundert es wahrlich nicht, dass Rosa Parks, eine der wichtigsten Schlüsselfiguren der Bürgerrechtsbewegung, keine Erwähnung findet.

Wie es sich für einen amerikanischen Film gehört, gleitet auch Der Butler immer wieder ins Pathetische ab. Aber irgendwie, so dachte ich mir am Ende, ist das auch gut so. Wie viele pathetische Inszenierungen weißer US-Amerikaner haben wir schon ertragen müssen? Wie viele vermeintliche Heldengeschichten, die doch im Grunde nichts sind als der Ausdruck eines übersteigerten Superioritätsglaubens? So gesehen stören mich die heldenhaften Bürgerrechtler weniger, selbst wenn Der Butler schließlich wie ein zweistündiger Wahlwerbespot für Obama wirkt. Was mich jedoch gestört hat, war die großzügige Verwendung von Licht und Weichzeichner, die vor allem zu Beginn den Realismus des Films unnötiger Weise untergraben hat.

Besetzungspannen

Störend empfand ich auch die eine oder andere Besetzungsentscheidung. Forest Whitaker spielt wie gewohnt fantastisch. Ihm gelingt es sehr überzeugend, die wohlwollende Demutshaltung des Butlers einzunehmen, der seinen Platz in der Gesellschaft niemals anzweifelt. Mit Lenny Kravitz und Cuba Gooding Jr. werden ihm jedoch zwei Männer als Kollegen an die Seite gestellt, deren Präsenz mit ihrer Rolle nicht zu vereinen ist. Mehrfach erklärt Cecil dem Zuschauer, ein Butler müsse sich so dezent verhalten, dass er nahezu unsichtbar würde. Lenny Kravitz und Cuba Gooding Jr. mögen viele Talente haben, aber dieses gehört mit Sicherheit nicht dazu! Auch der Cast der amerikanischen Präsidenten hat mich rückblickend nicht überzeugt. Nicht, weil Robin Williams als Eisenhower, John Cusack als Nixon, James Marsden als Kennedy, Liev Schreiber als Lyndon B. Johnson oder Alan Rickman als Reagan nicht glaubwürdig wären. Vielmehr produzieren diese Gesichter einen viel zu großen Unterhaltungsfaktor. Das mag jedoch auch an der übertriebenen Maske liegen. Die Komik jedenfalls erzeugt eine Distanz zu der Geschichte. Wir beginnen über das Geschehen zu lachen, anstatt es ernst zu nehmen und zu reflektieren.

Ja, Der Butler hat Schwächen und ebenso dramaturgische Längen. In meinen Augen ist er trotzdem gelungen. Und wichtig noch dazu. Im Gegensatz zu The Paperboy sehe ich in Der Butler die Perspektive von innen, den afroamerikanischen Blick auf afroamerikanische Protagonisten und ihre in diesem Fall bedeutungsvolle Geschichte. Das wirkt zugegebener Weise manchmal sehr oberlehrerhaft, aber verfilmte Geschichtsbücher sehen wir mit Filmen wie Lincoln sowieso ständig. Warum also nicht mal eine Unterrichtseinheit zur Geschichte der Bürgerrechstbewegung verfilmen und dabei wirklich mal etwas dazu lernen?!

Kinostart: 10. Oktober 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

 

Zwei Filme über Stars der Bürgerrechtsbewegung und zwei sehr unterschiedliche Filme über die Sklaverei in den USA:

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