Der Chor – Stimmen des Herzens treffen ins Ohr, nicht ins Hirn

by on 08/24/2015

Flattr this!

© Universum

© Universum

Du bist ein Musikfan? Wie wäre es dann mal wieder mit einem Besuch im Kino!? Du bist ein Filmfreund? Ach, dann bleib doch lieber zuhause.

Was paradox klingt, ist ein gut gemeinter Ratschlag. Denn schauen wir doch mal: Was braucht ein Film alles? Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Einen Regisseur mit einer Vision, eine spannende Geschichte in einem einfühlsamen Drehbuch, einen Kameramann mit einem scharfen Auge, Schauspieler mit einem Gespür für ihre Rolle. Um es kurz zu machen: das alles hat Der Chor – Stimmen des Herzens nicht. Schon klar, das klingt furchtbar hart, eigentlich ist es aber gar nicht gehässig gemeint. Der Film ärgert seinen Zuschauer nicht (auch wenn manchmal schon die Frage aufkommt, wie man mit so einem Drehbuch Geldgeber und Kathy Bates bekommt). Er droht nur manchmal zu langweilen und manchmal zu belustigen.

Der Regisseur Francois Girard (nach Filmen wie Die Rote Violine ist er scheinbar auf Musikfilme abonniert) erzählt eine entsprechende Geschichte auch in Der Chor – Stimmen des Herzens. Stet (Garrett Wareing) lebt in einer ärmlichen, ungemütlichen Gegend und geht auf eine öffentliche Schule, die ihn offensichtlich unterfordert. Überfordert ist hingegen seine trinkende Mutter, die in einem Autounfall verunglückt, als Stet gerade einmal elf Jahre alt ist. Der Junge scheint nun ganz allein zu sein, aber immerhin gibt es da noch die Schuldirektorin, die sein Potential entdeckt. Sie spürt Stets Erzeuger (Josh Lucas) auf und sorgt dafür, dass er auf das National Boychoir-Jungeninternat kommt. Stets Stimme ist nämlich ausgezeichnet.

Es ist quasi unmöglich, Der Chor – Stimmen des Herzens etwas übel zu nehmen, denn der Film ist auf beinahe anrührende Weise naiv. Das beginnt schon mit der Darstellung des perspektivlosen Ghettos, das Stets Kindheit ausmacht, der unmotivierten Klasse und der auf der Couch liegenden Mutter, die er mit vorwurfsvollem Blick anschaut, als er ihren Wodka in den Ausguss kippt. Es sind dies zweifelsohne Zustände, die man keinem Kind wünscht und die Sarkasmus eigentlich verbieten, doch die Art, wie Francois Girard wie nach dem Handbuch ein Klischee nach dem anderen abarbeitet, verhindert jegliche Einfühlung in die Schicksale der Figuren. Auf das Ghetto-Klischee folgt der Elite-Stereotyp: reiche Jungen in Strickpullundern, die die Tonart eines quietschenden Schuhs bestimmen können, unterrichtet von akkurat gescheitelten Musiklehrern, deren absolutes Gehör nur noch von ihrer Forderung nach absoluter Disziplin übertroffen wird. Stet ist hier der klare Außenseiter, und setzt sich schon optisch mit seiner Surferfrisur von den perfekten kleinen Erwachsenen ab, die die Schule bevölkern. Dann kommen Kathy Bates und Dustin Hoffman ins Spiel. Sie eine enervierte Internatsdirektorin, er der wortkarge Leiter des Tourneechores. Die beiden altgedienten Akteure bilden noch einen Höhepunkt des Films, das Drehbuch bietet ihnen jedoch herzlich wenig Fleisch, um ihr Können wirklich auszuspielen, und dass Hoffman es leider nicht schafft im Takt zu dirigieren, ist der Sache auch nicht sonderlich zuträglich.

© Universum

© Universum

Eine weitere Schablone in Der Chor – Stimmen des Herzens, die bald ungewollt ins Humoristische kippt: Stets Vater, der sich von der unehrenhaften Existenz seines Sohnes nicht in seinem idyllischen Familienleben in New York stören lassen will. Der unsympathische Businesstyp, sonst unnahbar im schwarzen Anzug und mit Handy am Ohr, steht in einer stillen Minute mit gerunzelter Stirn und nacktem Oberkörper am Fenster und starrt in die Nacht hinaus. Ja, das ist genauso lächerlich wie es sich anhört. Francois Girard verwendet nur äußerst ungern Gedanken darauf, wie er seine Geschichte organisch entwickeln, die Motive seiner Figuren nachvollziehbar und die erzählerischen Wendungen glaubhaft wirken lassen kann. Die in Falten gelegte Stirn muss ausreichen, um einen sich abzeichnenden Sinneswandel anzukündigen.

So ziemlich jede Minute in Der Chor – Stimmen des Herzens ist vorhersehbar – aber dann kommt die Musik. Die klaren Stimmen der Jungen, die Händel-Arien vortragen und die 40-stimmige Motette Spem in Alium von Tallis, den Messias oder Karl Jenkins Adiemus. Es empfiehlt sich, sich während des Films zurückzulehnen, die Augen zu schließen und auf die Choreinsätze zu warten. Möglichst in einem Kino mit guter Soundanlange. Oder sich einfach den Soundtrack zu kaufen. Der schlimmste Vorwurf, den man Der Chor – Stimmen des Herzens machen kann, ist Zeitverschwendung – die der Beteiligten und die des Publikums. Aber auf die anderthalb Stunden kommt es nun auch nicht mehr an.

Kinostart: 27. August 2015

Pressespiegel auf film-zeit.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 6+1=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.