Der große Trip – Wild oder warum ein blutiger Zeh noch keinen wilden Film macht

by on 01/12/2015

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© 20th Century Fox

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Der große Trip – Wild beginnt mit einem blutigen Zeh. Mit einer sehr unschönen Aufnahme von einem blutigen Zeh, um genau zu sein. Damit sind sofort alle Illusionen beseitigt: keine bloße Urlaubsreise gibt es hier zu sehen, keine Luxusreise, keine Wanderung mit Sicherheitsnetz, keinen Spaziergang. Den Pacific Crest Trail zu laufen, ist ein hartes Stück Arbeit. Wer ihn sich vornimmt, ist meist auf der Suche nach etwas, das nicht mal eben so am alltäglichen Wegesrand zu finden ist.

Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) ist an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem eigentlich nur noch ein Wort wie „fuck“ die Situation ausreichend beschreibt. Sie sagt das auch tatsächlich ziemlich oft. Weil sie den viel zu frühen Tod ihrer Mutter (sehr schön: Laura Dern) nicht überwinden kann, rutscht sie ab in den Drogensumpf, spritzt Heroin, lässt keine Therapie zu, schläft mit reihenweise fremden Männern und lässt darüber ihre Ehe zerbrechen, wird schwanger… und dann ist da dieses Buch über den Pacific Crest Trail. Und mit einem Mal gibt es wieder eine Chance, die starke Frau zu werden, die ihre Mutter immer in ihr sah. Cheryl kauft sich ein Zelt, einen Gaskocher, Funktionsunterwäsche, Bücher und einen monströsen Rucksack – und dann geht es auch schon los.

Der Literaturwissenschaftler und Kritiker Franco Moretti schrieb einmal, das Weinen des Zuschauers werde im Melodrama durch eine zeitliche Manipulation ausgelöst. Wir weinen nicht einfach über die Traurigkeit einer Figur. Wir weinen erst an dem Moment, an dem ihr selbst aufgeht, was wir längst wissen: nämlich, dass ihre Begierde vergeblich ist. Es könnte gut sein, dass Jean-Marc Vallée dies ebenfalls gelesen hat. Sein neuer Film spielt unentwegt mit dem Wissen des Zuschauers. Szenen und Reaktionen seiner Hauptfigur, die sich uns zu Beginn möglicherweise nicht ganz erschließen, wiederholt er notfalls zu einem späteren Zeitpunkt bruchstückhaft, um uns das volle Ausmaß der Tragödie der Cheryl Strayed klarzumachen. Als Vorlage dienten ihm die Memoiren eben jener Frau, die sich Mitte der 1990er Jahre im Alter von 26 Jahren tatsächlich dazu entschied, 1100 Meilen durch den Westen der USA zu laufen.

© 20th Century Fox

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Das Wort kündigt es schon an: Memoiren sind eine eher rückwärtsgewandte Gattung. Und so erklärt sich auch der dramaturgische Aufbau des Films, der wie die Buchvorlage die Wanderung mit Momenten aus Strayeds vorherigem Leben verknüpft. Trotzdem: ein Film ist eben kein Buch, und bei einem oscarprämierten Regisseur hege ich gewissen Erwartungen. Jean-Marc Vallée macht es sich oft etwas einfach. Sicher, er beherrscht sein Handwerk: schenkt uns hübsche Momentaufnahmen, spektakuläre Landschaften, lässt keine Langeweile aufkommen. Letztlich ist Der große Trip – Wild aber in erster Linie eine stilsichere Abarbeitung von Standardsituationen. Glückliche Kindheitserinnerungen mischen sich mit ersten Anzeichen des Horrors wegen eines prügelnden Vaters, die Diagnose und Krankheit der Mutter, abwechselnde Momente der Verzweiflung und Kontemplation, nette Bekanntschaften und gruselige Typen, Probleme beim Zeltaufbau, wunde Füße, die obligatorische Klapperschlange auf dem Weg.

Natürlich sind all diese Ereignisse im Grunde hochgradig dramatisch – aber trotzdem bleibt uns trotz einer durchaus passablen Performance von Reese Witherspoon die Figur Cheryl Strayed seltsam fremd. Das mag an der immer wieder einsetzenden Voice-Over-Narration liegen, die dem Zuschauer etwas die Gelegenheit zum selber Denken nimmt. Es mag auch daran liegen, dass Strayed nicht unbedingt die begnadetste Literatin ist. Trotzdem verschenkt Vallée hier jede Menge Potential. Und das allein schon, weil die in Gender-Studies versierte Autorin sich zwar als Feministin bezeichnet – der Film dieser Verantwortung aber leider nicht zur Gänze gerecht wird. Sicher wähnt er sich auf der Seite der Frauen, wenn er Cheryls Mutter zeigt, die zwischen ihren aufreibenden Rollen als Mutter, Ehefrau und später Studentin rotiert oder Cheryl wahrheitsgemäß erklären lässt, dass weniger Frauen den PCT wandern, weil sie oft aufgrund ihrer Verantwortung für andere Menschen nicht einfach aus ihrem Leben aussteigen können. Trotzdem verpasst er die günstige Gelegenheit, seine Protagonistin als wirklich starkes Individuum zu zeigen. Cheryls Identität formt sich hier ausschließlich durch ihre Vergangenheit und manchmal scheint es fast so, als müsse sie sich durch ihr Martyrium von den Sünden ihrer Vergangenheit freikaufen – eine im Grunde zutiefst sexistische Perspektive. Nach all dem Hin- und Hergespringe zwischen den Zeitebenen ist es denn auch direkt ein wenig zu abrupt, als Cheryl am Endpunkt ihrer Reise ankommt und sich scheinbar alle Probleme in Wohlgefallen auflösen.

Es werden sich durchaus viele Zuschauer auf Der große Trip – Wild einigen können – wegen seiner versierten glossy Hollywood-Machart, aber auch allein schon wegen der populären Hauptdarstellerin und den gelungenen Naturaufnahmen. Wer hingegen nach stärkeren Figuren und mehr Tiefe sucht, lasse sich an dieser Stelle vertrauensvoll an Spuren verweisen, ein Drama aus dem vergangenen Sommer, in dem Mia Wasikowska 2000 Meilen durch die australische Wüste läuft. Da wird es dann wirklich wild.

Kinostart: 15. Januar 2015

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