Der Hobbit – Eine unerwartete Reise
Irgendwie passt der Titel Der Hobbit – Eine unerwartete Reise wie Arsch auf Eimer, denn in der Tat war einiges an diesem Film für mich ziemlich unerwartet. Ich spare mir an dieser Stelle die detaillierte Ausführung meiner Entrüstung über die Tatsache, dass das nicht mal 400 Seiten starke Buch von J.R. Tolkien auf drei drei Stunden Filme ausgewalzt wird, um den Goldesel aus Mittelerde bis zur Erschöpfung zu melken. Denn das wiederum kam nicht unerwartet. Aber zurück zum Film und der unerwarteten Kritik zu einem lang ersehnten und doch irgendwie unerwarteten Leinwandepos.
Eine unerwartete Optik
Entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten ließ ich mich von den Kollegen zu einem Sitzplatz in den vorderen Reihen überreden. So nah dran und dann auch noch 3D und 48 Frames pro Sekunde? Ich ahnte Schreckliches. Denn normalerweise wird mir bei derartiger Nähe zum Geschehen immer ganz schummrig von den hektischen Bewegungen auf der Leinwand. Die verschwimmen vor meinen Augen gerne mal zu einem unscharfen Gemälde, das in seiner Abstraktheit eher an Picasso als an einen Hollywood-Blockbuster erinnert. Nicht so in Der Hobbit – Eine unerwartete Reise. Alter Schwede, war das scharf. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh, so weit vorne zu sitzen. Aufgesogen in die Welt von Mittelerde war ich in den ersten Filmminuten so gebannt von der Optik, dass die Handlung vollends an mir vorbei ging.
Zwei Haken hat die gestochen scharfe und insgesamt sehr realistische Darstellung dann doch. Im Gegensatz zu den lebensnahen, weil auch noch dreidimensionalen, Gesichtern der Schauspieler, fallen die im Computer erzeugten Kulissen als solche stark ins Auge. Zudem entsteht durch die naturalistische Farbgebung die Aura eines Fernsehspiels, was so gar nicht zu diesem Fantasy-Epos passen möchte. Ich für meinen Teil habe mich jedoch relativ schnell an diese Ästhetik gewöhnt, so dass mir diese anfänglichen Störfaktoren im weiteren Verlauf des Films nicht mehr auffielen.
Eine unerwartete Dramaturgie
Der Hobbit – Eine unerwartete Reise arbeitet mit genau zwei dramaturgischen Strukturen: 1. Informationsübermittlung über Mono- und Dialoge. 2. Dem Notlage-Rettungs-Prinzip. Mehr hat das Drehbuch von Peter Jackson und Kollegen leider nicht zu bieten. Die Eingangssequenz, in der Bilbo (Martin Freeman) ungewollt zum Gastgeber von dreizehn Zwergen und einem Zauberer wird und in der die informative Basis für die Geschichte gelegt wird (Was war? Was ist? Was wird sein?), dauert gefühlte 30 Minuten. 30 Minuten, in denen vor allem geredet wird. Passagen dieser Art finden sich immer wieder. Der Hobbit – Eine unerwartete Reise ist überraschend dialoglastig. Der Zuschauer wird mit Informationen derart überversorgt, dass er die verschiedenen Legenden und Völker irgendwann nicht mehr auseinanderhalten kann. Peter Jackson hat sich bewusst nicht auf die Romanhandlung beschränkt, sondern auch den Inhalt des 125 Seiten langen Anhangs der Der Herr der Ringe Bücher in seine Verfilmung integriert. Mit dem Anspruch, dem Publikum jede Legende jedes Volkes von Mittelerde zu erzählen, hat sich der Regisseur meines Erachtens vollkommen übernommen. Die Geschichte droht zu zerfasern, der rote Faden ist kaum noch zu erkennen. Der Zuschauer verliert das ursprüngliche Ziel der Protagonisten aus den Augen und stolpert orientierungslos durch die Handlung.
Jetzt könnte man meinen, diese etwas konfuse Storyline würde nach 90 Minuten langweilig werden. Tatsächlich aber trägt die Geschichte unerwarteter Weise recht souverän durch die 166 Minuten. Dies ist hauptsächlich auf das nicht besonders einfallsreiche, aber funktionale Notlage-Rettungs-Prinzip zurückzuführen. Nachdem sich Bilbo entschieden hat, den Zwergen dabei zu helfen, ihre ehemalige Heimat zurückzuerobern und sich mit ihnen auf diese unerwartete Reise begeben hat, gerät die Truppe von einer Notsituation in die nächste. Sie werden von fiesen Kreaturen, von Trollen, Orks und Goblins bedroht, die stets überlegen wirken. Dass Bilbo es bis zum Ende des Films schafft, ist darauf zurückzuführen, dass diese stets aussichtslos scheinenden Situationen grundsätzlich mit einer – oft magischen – Rettung in letzter Sekunde aufgelöst werden. Puff – alles ist gut. Noch mal Glück gehabt. Durchatmen. Und auf in den nächsten Kampf. Ich persönlich fand es nach dem zweiten Mal ziemlich enttäuschend, dass sich die Helden der Geschichte in der Regel nicht durch eigene Anstrengung, sondern durch die plötzliche Einwirkung einer externen Macht aus ihrer Notlage befreien können. Der deus ex machina ist einer meiner persönlich verhasstesten Plotmechanismen, weil er mit den Figuren der Geschichte nichts zu tun hat und lediglich dazu dient, die Geschichte künstlich voran zutreiben.
Unerwartete Charaktere
Wo sich Götter aus der Maschine tummeln, bleibt wenig Platz für Charaktere. Und so ist es rückblickend nicht verwunderlich, dass die Entwicklung der Figuren in diesem ersten Teil der Trilogie ordentlich misslungen ist. Es beginnt mit Bilbos unerwarteter Entscheidung, sich trotz seiner Zweifel doch den Zwergen anzuschließen und endet mit seiner Entscheidung, sich trotz fehlender Erfahrung mitten in einen lebensgefährlichen Kampf zu stürzen. Der Weg vom friedliebenden Hobbit, der jedwede Aufregung kategorisch ablehnt, zum engagierten Abenteurer geht leider völlig in der Informationsflut und dem ewigen Wechsel von Notlage und Rettung unter.
Auch Zwergenkönig Thorin (Richard Armitage) konnte mich nicht überzeugen. Seine anhaltende Antipathie gegen Bilbo und das Elbenvolk sowie sein fast kindlicher Trotz gegenüber Gandalf (Ian McKellen) werden von Minute zu Minute immer unverständlicher. Zudem ärgert mich, dass Thorin als einziger Zwerg starke menschliche Züge hat. Es ist nicht nur schwierig, ihn durchgehend als Angehörigen der Zwergenrasse zu sehen, es ärgert mich auch, dass eine zentrale Figur automatisch unseren engstirnigen Schönheitsidealen entsprechen muss.
Das Highlight unter den Figuren ist – wie sollte es anders sein – Gollum (Andy Serkis). Die 3D- und 48fps-Technologie lässt seine Motion Capture Performance noch überzeugender wirken. Die Mimik ist diesmal noch differenzierter, was die humoristische Komponente seiner Performance im Vergleich zu den Der Herr der Ringe Filmen noch einen Tick steigert.
Eine erwartete Geschichte
Am befremdlichsten war für mich das konstante Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben. Ein Hobbit wird zu Hause aufgesucht. Er geht mit ihm bis dato unbekannten Leuten in Begleitung eines Zauberers auf eine gefährliche Reise. Sie laufen über grüne Wiesen. Sie besuchen die Elben. Sie geraten in eine brenzlige Situation auf einem Bergpass. Sie geraten in eine gefährliche Situation in einem Berg, die durch jede Menge fiese Gestalten und einbrechende Brücken entsteht. Und am Ende erscheint am Horizont der Einsame Berg, das ehemalige Zwergenreich Erendor, das es gilt, zurückzuerobern. Der Berg bildet das geographische Ziel wie einst Mordor. Und auch die restlichen Stationen der „unerwarteten“ Reise sind für den Kenner der ersten Film-Trilogie ziemlich “erwartet”.
Was dem Hobbit im Verlgeich zu Der Herr der Ringe fehlt, ist eine Lovestory. Die Geschichte von Aragorn (Viggo Mortenson) und Arwen (Liv Tyler), später ergänzt durch Éowyn (Miranda Otto), bildet einen Subplot, der die Haupthandlung auf romantische Weise ergänzt. Ein solches Element fehlt in Der Hobbit – Eine unerwartete Reise vollkommen. Überhaupt verzichtet der Film fast vollständig auf weibliche Charaktere. Lediglich Galadriel (Cate Blanchett) wird ein kurzer Auftritt zugestanden.
Es gäbe noch so viel zu sagen. Zum Beispiel über den starken moralischen Input in Der Hobbit – Eine unerwartete Reise, der durch die schlechte dramaturgische Einbettung dieses Elements besonders plakativ hervorsticht. Oder über die logischen Lücken, die sich für mich immer wieder auftaten (Wieso gelangt Gandalf unbemerkt und unbeschadet ins Zentrum einer Goblinhöhle, muss aber beim Weg hinaus um sein Leben kämpfen?). Oder über die zunehmend absurden Gestalten, die nur der Zuspitzung der Situation (Notlage-Rettungs-Prinzip) dienen, zur Handlung aber nichts beizutragen wissen. Oder diese übertrieben pathetische Inszenierung der Heldenfigur Thorin. Aber was soll’s. Es wird sich sowieso jeder Der Hobbit – Eine unerwartete Reise anschauen. Und das ist auch in Ordnung so. Letztendlich ist es eine bildgewaltige Verfilmung eines modernen Literaturklassikers und ein insgesamt spannender Blockbuster. Was die Dramaturgie und Charakterentwicklung angeht, wird er die Begeisterung des Publikums nicht verdienen. Aber was soll’s. Die Welt ist manchmal eben ein düsterer Ort…
KINOSTART: 13. Dezember 2012





Oh man. Ich kann’s kaum erwarten. Noch knapp 180 Minuten und ich seh ihn endlich. Deine tolle Kritik hat mich, trotz Tadel, noch “heißer” auf den Film gemacht. Merci.
Sie laufen. Und laufen. Und laufen. Und raufen. Und laufen. Über 3 Stunden. Und dann gibt’s nochmal 2 Filme mit einer solchen elendig langen Lauf(!)zeit. Was zum Beutelin soll daran bitte so unfassbar geil sein? Das war schon bei LotR nicht geil und wird hier auch andöden. Ich fühle mich durch deine Kritik in meiner Meinung bestärkt, Sophie…
Bei 3 filmen ist es nciht nur gelkmacherei sondenr auch ien geschenk an die fans, welche im gegensatz zu dir locker mit der handlung und der geschichte mitthalten können.
Stark fallen weder die computereffekte noch die kostüme ins auge.
Ich nehme an du hast weder simarillion, noch der hobbit, noch der herr der ringe gelesen, sonst wüsstest du dass jackson unglaubliche arbeit bei der verfilmung geleistet hat.
Man merkt dass du einfach ein totaler gegner dieser filme bist und die kein bisschen auskennst mit der geschichte. Erst lesen dann vllt nochmal nachdenken bevor man schriebt. Der film ist für fans und wer keiner ist soll ihn sich nicht anschauen.
@filmosophie: Ich habe den Film heute gesehen und war enttäuscht. Deine Kritik bringt die Schwächen sehr gut auf den Punkt.
@”du hast keine ahnung”: Was für ein qualifizierter und sprachlich wertvoller Beitrag von dir. Vielleicht solltest du nochmal nachdenken, bevor du das nächste Mal etwas “schriebst”.