Der Mohnblumenberg – Das Ghibli-typische Glücksgefühl

by on 09/24/2013
© Toho Company

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Als ein Kind, das seine Grundschulzeit um die Jahrtausendwende herum erlebte, machte ich selbstverständlich eine ausgeprägte Manga-Phase durch. Keine Ahnung, wie viele Nachmittage ich damit verbracht habe, mit einer guten Freundin Sailor Moon, Pokémon, Detective Conan und Jeanne, die Kamikaze-Diebin zu schauen. Irgendwann rutschten wir dann aber in unsere Teenagerzeit hinein, und da galten die Fans von Beyblade und Yu-Gi-Oh! dann doch eher als Freaks. Animé war lange Zeit für mich gestorben, bis ich Jahre später durch einen Zufall auf die Filme des japanischen Studio Ghibli stieß. Die liebevoll handgezeichneten Animationen und die detailreichen Fantasywelten überzeugten mich schnell davon, dass Animé eben doch alles andere als Kinderkram ist. Und so war auch klar, dass ich mir so bald wie möglich Der Mohnblumenberg anschauen musste.

Umi (in der US-Version synchronisiert von Sarah Bolger) lebt gemeinsam mit ihrer Großmutter und zwei Geschwistern in einem Haus oberhalb des Hafens von Yokohama. Dort hisst sie jeden Morgen die Flaggen, um die Seeleute zu grüßen, für deren sicheres Heimkommen sie betet. Eines Tages erscheint in der Schülerzeitung ein Gedicht über das Mädchen mit den Flaggen, woraufhin sie Kontakt zum Verfasser aufnimmt. Shun (Anton Yelchin) ist aber nicht nur Autor bei der Schülerzeitung, er kämpft auch für die Rettung des alten Clubhauses der Schule, das einem seelenlosen Neubau weichen soll. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine zaghafte Anziehungskraft, aber Umi ahnt nicht, wie sehr die Leben der beiden tatsächlich zusammenhängen. Ein dunkles Geheimnis verbindet Shun mit ihrem Vater, der vor Jahren auf See im Koreakrieg starb.

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Der kurze Abriss der Story lässt schon erahnen: wer in Sachen Studio Ghibli sprechende Schweine, glibbrige Badegäste und putzige Waldgeister mit rotierenden Köpfen bevorzugt, wird in Der Mohnblumenberg nicht fündig werden. Das neuste Werk von Goro Miyazaki kommt so realistisch daher, wie ein Animationsfilm eben daherkommen kann. Und das auf allen Ebenen: die Optik gewährt einen glaubhaften Einblick in das biedere Japan der 1960er Jahre und die Geschichte plätschert ohne dramatisierende Höhepunkte dahin. Erstaunlich, wie die Filme des Studio Ghibli es schaffen, ihre Zuschauer auch ohne eine mit umwerfenden Twists überladene Story über die gesamte Laufzeit bei der Stange zu halten.

In dieser Hinsicht ist Der Mohnblumenberg ein typischer Ghibli-Film, der deutlich auch die Handschrift des Altmeisters Hayao Miyazaki trägt, der für seinen Sohn das Drehbuch verfasste. Und auch insofern ist er typisch, als dass ich den Kinosaal mit dem obligatorisch warmen Glücksgefühl verließ, das sich nach den Animationsfilmen des japanischen Studios so gern einstellt. Im Grunde ist das verwunderlich, denn auf die schon oben erwähnte Biederkeit lege ich im Regelfall so gar keinen Wert.

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Es stieß mir demzufolge schon ein wenig auf, dass die Figuren in Der Mohnblumenberg sich nur allzu leicht in Stereotype und konservative Geschlechterrollen sortieren lassen. So ist Umi das klassische Aschenputtel, mit dem der Zuschauer wegen seiner Gutherzigkeit und der abwesenden Eltern sofort mitfühlt. Und als in einem weiteren Erzählstrang des Filmes das ausschließlich von Jungs bevölkerte Clubhaus der Schule gerettet werden soll und eine ganze Mädchenkolonne komplett mit Feudeltüchern und Atemmasken zum Hausputz anrückt, verfallen Drehbuch und Inszenierung schon in arg veraltete Genderkategorien. Andererseits: Der Mohnblumenberg spielt eben in den 1960ern und nicht in der Gegenwart. Insofern scheinen auch die augenscheinlichen Schwachpunkte eher zur Authentizität des Filmes beizutragen. Und wenn Umi morgens das Frühstück zubereitet, während über dem Meer die Sonne aufgeht und die Schiffe ihren Flaggen antworten, dann ist das ein Anflug von Kitsch, mit dem ich gut leben kann. Die abgedrehten Fantasywelten aus dem Hause Ghibli bevorzuge ich noch immer. Aber dieses warme Glücksgefühl ist doch auch etwas wert.

Kinostart: 21. November 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

Meine Lieblingsfilme aus dem Studio Ghibli:

2 Responses to “Der Mohnblumenberg – Das Ghibli-typische Glücksgefühl”

  • Politischandersdenkender says:

    In Frankreich ist der Film schon seit über einen Jahr auf DVD zu haben. Wieso dauert das hier so lange?

    • dennis says:

      Lieber Carsten,

      in vielen Fällen liegt das an den verschiedenen Verleihfirmen, die von Land zu Land unterschiedlich sein können.

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