Deutschland und die Flucht

by on 08/28/2015

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Macht Euch nichts vor, ihr (Zitat Joko und Klaas) „Intelligenzflüchtlinge“ dort draußen. Die, die ihr glaubt, dass das „deutsche Volk“ durch die Flüchlinge und Überfremdung untergehen wird. Werft einen Blick auf die eigene, deutsche Vergangenheit und ihr werdet sehen, dass auch „die Deutschen“ mehr als einmal Flüchlinge waren. Deutsche Filme und vor allem deutsche Filmschaffende haben mehr mit Flüchtlingen zu tun, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Foto: fliegender / Titel: untitled (Lizenz: BY-NC-ND 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Foto: fliegender / Titel: untitled
(Lizenz: BY-NC-ND 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Doch kurz zum Anfang. Was ist überhaupt ein Flüchtling? Laut der Genfer Flüchtlingskonvention (Artikel 1, Absatz A 1) ist ein Flüchtling ein Mensch, der

…  aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will„.

Gehen wir daher mal an den Anfang des Jahrhunderts. Nach dem 1. Weltkrieg konnte sich die deutsche Filmindustrie schnell erholen und setzte schnell zum Höhenflug an. Deutsche Filme wie Das Cabinet des Dr. Caligari (1919) von Robert Wiene oder Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922) und Der letzte Mann (1924) von Friedrich Wilhelm Murnau feierten große Erfolge und gehören bis heute zu den Meilensteinen der Filmgeschichte. Spricht man über die 20er Jahre in Deutschland, so darf natürlich auch nicht Fritz Lang fehlen, der neben der Dr. Mabuse-Reihe (beide 1922) und Metropolis (1927), den wohl „urdeutschesten“ aller Stoffe auf die Leinwand gebracht hat: Die Niebelungen (1924).

Doch bald kamen die Nationalsozialisten an die Macht und das Gesicht Deutschlands als kulturelles Zentrum wandelte sich. So kam es, dass all die Filmschaffenden, die jahrelang die Grundpfeiler der deutschen Filmindustrie waren und ihren Erfolg mitbegründet haben, wegen ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Religion (wie z.B. Robert Wiene der Jude war) ihrer Heimat Deutschland den Rücken kehren mussten. Das betraf nicht nur Regisseure, sondern auch Schauspieler wie Peter Lorre (M von 1931; Casablanca von 1942) und solche Ikonen wie Marlene Dietrich, die sich weigerten Marionetten des NS-Regimes zu werden und nicht mehr nach Deutschland zurückkam – dies, um nur ein paar der vielen Schicksale zu nennen. Manche von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück, wie z.B. Fritz Lang. Manche erkrankten aber auch daran, wie z.B. Peter Lorre.
Wo wir gerade von Casablanca sprechen. Der Film von Michael Curtiz ist ein gutes Beispiel dafür, wie präsent die deutschen Flüchtlingen in der Hollywood Industrie waren. Neben Peter Lorre wirkten auch die geflohenen Paul Henreid und Conrad Veidt in diesem Film mit.
Und ja, auch Berthold Brecht (u.a. Drehbuch für den Film Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? von 1932), dessen nachgesagtes Zitat „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ immer wieder von rechten Gruppierungen als Geisel genommen wird, war auch ein Flüchling, der aufgrund seiner Überzeugung seine Heimat verlassen musste.

Springen wir ein paar Jahre weiter. Der Krieg neigt sich dem Ende zu und die deutschen Truppen sind auf dem Rückzug. Mit ihnen fliehen auch tausende Menschen aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten. Und ja, vielleicht wird jetzt irgendjemand aus den Reihen der „echten Deutschen“ sagen, dass diese Menschen Vertriebene waren, da die Gebiete ja „eigentlich urdeutsch“ sind. Man kann es jedoch drehen und wenden wie man will, auch sie waren Flüchlinge und mussten ihre Heimat fluchtartig verlassen. Der Krieg, den Nazideutschland in die Welt rausgetragen hatte, kam zurück.
Diese „Begriffsverwirrung“ ist vielleicht ein gute Beispiel dafür, warum dieses jahrelang tabuisierte Thema erst in den letzten Jahren filmisch verarbeitet wurde. Zu nennen hier vielleicht der TV-Zweiteiler Die Flucht (2007) von Kai Wessel mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle.

Auch die deutsch-deutsche Geschichte von 1946 bis 1990 ist eine Geschichte der Flucht. Genauso wie die Flucht der Deutschen aus Osteuropa, ist aber auch dieses Thema erst in den letzten Jahren in Film und Fernsehen angekommen. So behandeln u.a. Wir wollten aufs Meer (2012) von Toke Constantin Hebbeln das Thema der Flucht aus der DDR oder Westen (2013) von Christian Schwochow das harte Leben eine Frau in einem Flüchtlingsauffanglager in West-Berlin, nachdem diese unter Lebensgefahr zusammen mit ihrem Sohn auf der DDR geflohen ist.
Aber genau wie in den 1930er Jahren, sind auch Filmschaffende – auch wenn unter weit besseren Bedingungen – in den Westen übergesiedelt, weil sie nicht mehr mit dem Regime leben konnten. Zu nennen hier u.a. Armin Mueller-Stahl und Manfred Krug.

Am Ende steht fest, das wir in Deutschland heute in einer Glücksituation sind. Es geht uns, trotz allem Unmut über die Politik, Gott sei Dank gut. Das Land ist wiedervereinigt und wir haben seit 70 Jahren Frieden. Doch auch wir Deutschen haben Erfahrung mit der Flucht gemacht und wurden von anderen Ländern aufgenommen. Und ja, die Flüchtlinge haben, wie z.B. in den USA, die Kultur ihrer neuen Heimat bereichert und bis heute ihre Spuren hinterlassen, von denen wir alle irgendwie profitieren.

Ob Flüchtling damals oder Flüchtling heute: keiner von ihnen hat freiwillig die eigene Heimat verlassen, Familie und Freunde zurückgelassen. Doch manchmal haben die Umstände ihnen keine andere Möglichkeit gelassen.

Aus diesem Grund unterstützen wir die Aktion „Blogger für Flüchtlinge„! #bloggerfuerfluechtlinge

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