Die Bestimmung – Divergent und stolz darauf

by on 03/27/2014

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© Concorde

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„7 Wochen ohne falsche Gewissheit“ – das ist das diesjährige Fastenmotto der evangelischen Kirche und Die Bestimmung – Divergent scheint wie gemacht, um eine Woche vor Ostern dieses Thema noch einmal filmisch zu bearbeiten. Denn in der Adaption des Romans von Veronica Roth geht es eben genau darum: Selber denken, quer denken, Regeln und Normen in Frage stellen und seinen eigenen Weg finden. Mit Sicherheit ist dieser Zusammenhang zwischen Fastenmotto und Film unbewusst, aber das heißt ja nicht, dass es ihn nicht gibt!

Auf wunderschöne Weise ist Die Bestimmung – Divergent zugleich auch ein treffendes Bild für die Pubertät, eine Zeit, in der wir unsere Identität suchen. In dem postapokalyptischen Zukunftsszenario – ein großer Krieg hat die Welt für immer verändert – ist die Gesellschaft in fünf Klassen unterteilt, die durch Charaktermerkmale gekennzeichnet sind. Die einen sind selbstlos, die anderen gütig, mutig, ehrlich oder klug. Auf der Schwelle zum Erwachsenwerden muss sich jeder Mensch für eine dieser Gruppen entscheiden. Ein Test soll dabei helfen, das eigene Wesen zu erkennen.

Das kennen wir ja auch. Irgendwann kommen wir in dieses Alter, in dem wir uns positionieren müssen. Mir zum Beispiel ist das als Jugendlichen ziemlich schwer gefallen. Schon meine Leistungskurswahl (Deutsch und Mathe) zeigt, wie unterschiedlich meine Interessen und Talente verteilt waren. Ich war fleißig, aber für einen echten Streber dann doch ein zu großer Partyhase. Ich war kreativ und musikalisch, aber zu verliebt in die Popkultur, um mich den echten Künstlerinnen anzuschließen. Infolgedessen eckte ich überall an, fühlte mich immer „anders“ und transportierte dieses Gefühl über einen außergewöhnlichen Modestil, der mir schließlich sogar die zweifelhafte Auszeichnung „Person mit dem schrillsten Modegeschmack des Jahrgangs“ einbrachte.

Tris (Shailene Woodley) ergeht es ähnlich. Sie wächst in der Gemeinschaft der Altruan, der Selbstlosen auf, entwickelt jedoch nie die natürliche Demut ihrer Familie und Mitmenschen. Von ihrem Test erhofft sie sich Klarheit, doch das Gegenteil tritt ein. Tris kann keiner Gruppe zugeordnet werden. Damit droht ihr die Existenz einer Klassenlosen, einer gesellschaftlich Ausgestoßenen. Zudem sind Querdenker, die sich nicht in das strenge System fügen, nicht gerne gesehen und stehen auf der Abschussliste der Ferox, der Furchtlosen, die als Polizeiapparat funktionieren. Vielleicht ist das der Grund, warum sich Tris schließlich vollkommen überraschend für eben jene Gruppe entscheidet. Ihre wahre Identität hütet sie, wohl wissend, dass sie ihr jederzeit zum Verhängnis werden könnte. Doch ihre Andersartigkeit bleibt nicht unbemerkt.

© Concorde

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Die Bestimmung – Divergent ist in erster Linie ganz klassischer Young Adult-Stoff, wie er gerade modern ist. Eine weibliche Heldin findet sich selbst und ihre große Liebe (das gehört scheinbar dazu) und rettet dabei die Welt oder doch zumindest einen Teil davon. Dementsprechend ist die Verfilmung auch inszeniert. Der Soundtrack ist dazu gemacht, von Teenagern auf das Smartphone kopiert und bis zum Erbrechen rauf und runter gehört zu werden, die Schauspieler sind durch die Bank hübsch anzusehen und entsprechen dem gängigen, westlichen Schönheitsideal. Letzteres ist durchaus schade, motiviert das Konzept doch eigentlich zum Querdenken. Doch an Die Bestimmung – Divergent ist leider so gar nichts queer. Das Fehlen von Alternativen zur heterosexuellen Liebe und ein ziemlich dogmatisches Körperbild legen dem jugendlichen Zuschauer im Grunde eben jenes Korsett an, von dem sich Tris im Laufe der Handlung erfolgreich befreit.

Spannend ist das allemal. Die Charaktere sind sympathisch, die Liebesgeschichte zwischen Tris und ihrem Ausbilder Four (Theo James) zwar nach Schema F inszeniert, aber durchaus romantisch. Es ließe sich einiges daran bemängeln (zum Beispiel warum die Frau sich auch hier ihre Unschuld bewahren muss), aber es lässt sich auch vieles daran loben. Szenen wie jene, in der Tris mit ihrer Mutter (Ashley Judd) bewaffnet Soldatendrohnen niederstreckt, lassen mein feministisches Herz höher schlagen. Ein wenig mehr Konsequenz in dieser Richtung wäre durchaus wünschenswert gewesen, aber mit den Ansätzen lässt sich hier durchaus sinnvoll arbeiten. Tris ist eine Mädchenfigur, die ein positives – wenn auch bedauerlich asexuelles – Frauenbild vermittelt, die dazu anregt, sich selbst zu (er)finden, die eigenen Träume zu verfolgen und sich nicht in Schubladen stecken zu lassen. All das sind Werte, die tausend Mal sinnvoller sind als die Botschaft der klassischen Teenie-Lovestory, in der es doch lediglich darum geht, den richtigen Mann zu finden.

Wer brachiale Action sucht, wird hier nicht fündig. Wer sich gerne in familiengerechte, also entschärfte Science Fiction-Szenarien reindenkt, der hat an Die Bestimmung – Divergent seine Freude. Und vielleicht fühlt sich ja auch der eine oder andere Mitläufer durch diesen Film dazu animiert, mal seinen Kopf anzuschalten und die ausgetretenen Pfade seiner Idole zu verlassen. Sieben Wochen selber denken. Mindestens. Und auf geht’s!

Kinostart: 10. April 2014

Pressespiegel bei film-zeit.de

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