Von der Kunst, Die Frau mit der Kamera zu sein – Abisag Tüllmann

by on 05/25/2016

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© bpk/Abisag Tüllmann

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Langsam gleitet die Kamera voran und durchmisst eine kleine, etwas rümpelige Wohnung. Bücherregale biegen sich unter ihrer Last, eine ansehnliche Plattensammlung findet sich im Wohnzimmer und in der Küche stehen noch Kaffeetassen und Aschenbecher herum, als wäre ihre Besitzerin nur neue Zigaretten holen gegangen. Aber vor allem stapeln sich hier Fotos, frei herumliegende Abzüge und ordentlich aufgetürmte Agfa-Kartons in ihrem charakteristischen Orange.

Hier hat die Frau mit der Kamera gelebt, in ihrer kleinen Wohnung nahe der Frankfurter Bankentürme. Abisag Tüllmann, deren posthumes Porträt der Anlass für den Essayfilm ihrer Freundin und Regisseurin Claudia von Alemann ist, die schon in den 1960er Jahren für die dritten Programme Dokumentationen über die Studentenproteste in Frankreich drehte. Wer Zeit mit Tüllmann verbrachte, dem erschien es sicher ganz natürlich, ihr Leben dokumentieren, für die Nachwelt festhalten zu wollen. Eine Frau mit bemerkenswerten Gesichtszügen schaut von ihrem Selbstportrait herab. Sie scheint sich nicht hinter ihrer Rolleiflex zu verstecken, eher hält sie die Kamera ernst und selbstbewusst dem Spiegel entgegen. Eine kleine Frau, zierlich unter dem vielen Haar, mit einem etwas zu großen Mund und oft auch noch riesigen Brillengläsern. Als langsame, bedachte Rednerin beschreiben sie ihre Weggefährten, aber dafür mit einem umso wacheren Blick. Die Tochter jüdischer Eltern brach in den 1950er Jahren ihr Studium der Innenarchitektur ab, weil sie die Fotografie nicht nur nebenbei betreiben wollte. Es wurde ihr Beruf, der sie zu einem Teil der Geschichte der BRD machte. Sie fotografierte bei der Verlesung des Oberhausener Manifests, in Frankfurter Vorlesungssälen und beim ersten Westberliner Frauenfilmfestival, reiste später nach Algerien und in das frühere Rhodesien, begleitete die Aktivist_Innen der Black Panthers, bekam Persönlichkeiten wie Alexander Kluge, Jürgen Habermas oder Alice Schwarzer vor die Kamera.

Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann braucht nicht lange, um das Interesse für seine Protagonistin zu wecken, ihr außergewöhnliches Talent für die wirkungsvollste Perspektive, den richtigen Augenblick. Aber es dauert leider auch nicht lange, bis das Interesse wieder verebbt. Das Versprechen der tastenden Kamera aus der ersten Wohnungssequenz wird nicht eingelöst, die Anspielung des Titels auf den sowjetischen Klassiker Der Mann mit der Kamera von Dziga Vertov verpufft im luftleeren Raum. Denn wo Vertov sämtliche Mittel nutzte, die der Film seinerzeit zu bieten hatte, stellt sich bei von Alemann die Frage, ob wir überhaupt einen Film sehen, so bemerkenswert wenig Bewegung ist darin zu finden. Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann wirkt zuweilen, als hätte eine bildungsbürgerliche Rentnerin eine Powerpoint-Präsentation zusammengestellt, um anhand derer von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Wobei sie nicht müde wird, ständig auf ihre eigenen Filme zu verweisen. Auch der Voice-Over-Kommentar der Regisseurin trägt zu diesem Eindruck bei, dessen schleppende Stimme über den aneinandergereihten Fotos liegt und von Zeit zu Zeit alte Tonbandmitschnitte oder die unvermeidlichen talking heads unterbricht.

Claudia von Alemann schweift immer wieder in ihre Exkurse in die Historie der BRD der 1960er Jahre ab; Fässer, die zu groß sind, um sie in fünf Minuten gewinnbringend zu öffnen, aber die dennoch immer weiter wegführen von Abisag Tüllmann, die dem Zuschauer am Ende des Films nicht unbedingt näher ist als sie es nach der Lektüre ihres Wikipedia-Artikels wäre. Schade ist’s, weil Tüllmann anscheinend viele spannende Dinge zu sagen hatte. Gegen Ende des Films ist sie in einem Interview zu sehen, in dem sie über die Entwicklungen des Fotojournalismus Anfang der 90er Jahre spricht: alles sei so perfekt geworden, berichtet sie darin. Die Fotos, mit denen der Kriegsfotograf Frank Capa berühmt geworden sei, fielen nun wohl wegen ihrer technischen Ungeschliffenheit hinten vom Redaktionstisch herunter. Ihre eigenen Bilder beweisen, dass sie beides hatte: das technische Können und die Intuition. Schade, dass Claudia von Alemann in diesem Fall ihre Kamera nicht so spielend beherrscht wie Abisag Tüllmann die Ihre.

Kinostart: 23. Juni 2016

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