Die Geliebten Schwestern – ∆ + O + // = Liebe zu Dritt

by on 06/25/2014

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Ein Kreis, ein Dreieck und ein Doppelstrich – mit diesen Symbolen sind die codierten Briefe versehen, die im Sommer 1788 zwischen Friedrich Schiller (Florian Stetter) und den beiden Schwestern Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) und Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung) hin und her gehen. Die beiden Frauen sind seit dem frühen Tod ihres Vaters ein Herz und eine Seele. Ein Schwur hält sie zusammen, den sie sich vor Jahren während einer Reise am Rheinfall von Schaffhausen gaben: immer alles zu teilen, offen zueinander zu sein und sich nie voneinander zu entfernen. Die tosende Macht des Wassers besiegelte den Pakt. Als Schiller in die Leben der beiden tritt, scheint es dann auch, als würde die sich bald entwickelnde Dreiecksbeziehung den freiheitlichen Geistern die Krone aufsetzen.

Mit Die Geliebten Schwestern ist Dominik Graf ins Kino zurückgekehrt. Die Premiere seines ersten Kinospielfilms seit dreizehn Jahren im Wettbewerb der Berlinale 2014 wurde von den meisten Cinephilen heiß erwartet – von mir ehrlich gesagt nicht. Denn als beinahe kategorische Fernsehfilmverweigerin war das Phänomen Graf jahrelang völlig an mir vorbeigegangen. Aber dann erschienen mit der Premiere die ersten Kritiken und Fotos und weckten mein Interesse. Besonders ein Filmstill hatte es mir angetan. Es ist ein Bild, auf dem an einem scheinbar warmen Sommertag der pitschnasse Schiller inmitten seiner Eroberungen steht: die eine hält er im Arm, die andere schmiegt sich an seinen Rücken. An ein unkonventionelles und überraschenderweise doch harmonisches Liebesidyll dachte ich dabei und setzte den Film umgehend auf meine Merkliste. Selten so getäuscht. Leben kann ich mit dieser Erkenntnis aber sehr gut. Denn erstens gab es die erwartete Dreieckskonstellation durchaus zu sehen und zweitens wurde es darüber hinaus noch viel besser. Meine erste Fehlinterpretation lag dabei schon in dem eben beschriebenen Bild. Tatsächlich stammt die Aufnahme aus einer Sequenz aus dem ersten Drittel des Films, in der der gesundheitlich angeschlagene Schiller wagemutig in die Saale springt, um ein Mädchen vor dem Ertrinken zu retten – ungeachtet der Tatsache, dass er selbst nicht schwimmen kann. Mit vereinten Kräften ziehen die Schwestern ihn nach vollbrachter Tat aus dem Wasser und sorgen für ihn.

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Es ist dies eine der vielen Szenen in Die Geliebten Schwestern, die zeigen, dass wir es hier nicht mit der bloßen Nacherzählung einer ohnehin nicht verbürgten illustren Episode aus der deutschen Kulturgeschichte zu tun haben. Dominik Graf handelt die Historie eher beiläufig ab, baut Goethe als fast ausschließlich in seiner Abwesenheit präsenten Running Gag ein; zeigt Männer, die um sich selbst, ihre Ideale und ihre Idole kreisen und Frauen, die inmitten all der Unruhen stoisch den Lauf der Welt vorantreiben: sie lassen die Männer in ihre Leben hineintreten und bringen sie unter die Erde, setzen Kinder in die Welt und sind sich letztlich untereinander selbst am nächsten. So verhält es sich auch bei Caroline, Charlotte und der gemeinsamen Mutter (Claudia Messner), deren exzellent gespieltes Verhältnis zueinander im Grunde weitaus interessanter scheint als das zu Schiller.

Die Geliebten Schwestern sei ein ungewöhnliches Werk, um in die Arbeiten Dominik Grafs einzusteigen, habe ich mir sagen lassen. Und tatsächlich: bei der Lektüre eines Textes über den Regisseur fallen als erstes Merkmale wie Action und Krimi ins Auge, schnelle Schnitte, zerfetzte Dialoge oder fragmentarische Bilderfolgen. Das neue Historiendrama ist da schon ein ganzes Stück weit ruhiger und konventioneller erzählt – kommt es doch sogar in der verhältnismäßig kurzen Kinofassung noch auf 139 Minuten Laufzeit. Und doch: sie sind da, diese Stilmittel, die für mich ein Werk entstehen lassen, das meinen Vorstellungen eines typischen Dominik Graf-Films entspricht. Die Montage zum Beispiel ist mir in Die Geliebten Schwestern schnell ins Auge gefallen – nur eben nicht vorrangig in Form staccato-artiger Schnittfolgen. Dialoge und Figurenkonstellationen werden vielmehr direkt im Bild fragmentiert: da gehen die Rufe der Schwestern im Tosen und in der Gischt des Rheinfalls unter, drehen Figuren einander den Rücken zu und üben sich in gestochenem Französisch, um ihre Worte voreinander zu verbergen. Graf positioniert seine Schauspieler im Raum in geometrischen und symmetrischen Konstellationen, filmt durch streng kadrierende Türrahmen hindurch oder lässt klar abgrenzende theatrale Situationen entstehen.

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Worte nur schlicht und einfach auszusprechen, wäre in diesem Kontext wohl einfach zu platt. Dominik Graf nutzt lieber das Medium des Briefeschreibens, um in den vielschichtigen Ebenen zwischenmenschlicher Kommunikation zu schwelgen. Er lässt in Die Geliebten Schwestern die Schreibenden ihre Texte selbst verlesen, sie dabei direkt in die Kamera schauen, überblendet ineinander fließende Aufnahmen. Ich kann mich gar nicht satt sehen an diesem lebhaften, unterhaltsamen, modernen und intelligenten deutschen Kino, das alle meine Vorbehalte über den Haufen wirft. Es bleibt zu hoffen, dass Dominik Graf nicht sofort wieder in der Fernsehlandschaft verschwindet.

Kinostart: 31. Juli 2014

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