Die Jagd – Das Problem mit dem Kindermund

by on 08/26/2013

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© Universum

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Kindermund tut Wahrheit kund. Das sagt man zumindest. Irgendwann habe ich in meinem längst verdrängten Psychologiestudium auch einmal gelernt, dass bewusstes Lügen einen kognitiven Entwicklungsstand voraussetzt, den kleine Kinder noch gar nicht besitzen. Aber was ist denn eigentlich eine Lüge?

Als die kleine Klara (Annika Wedderkopp) ihrer Kindergärtnerin erzählt, Betreuer Felix (Mads Mikkelsen) habe ihr seinen Penis gezeigt, ist sich die Kleine des Ausmaßes dieser Flunkerei nicht bewusst. Sie ist böse, weil Felix ihr Geschenk abgelehnt und gesagt hat, sie solle ihn nicht auf den Mund küssen. Und da ist dieses Bild eines erigierten Penis, das ihr der ältere Bruder lachend auf dem iPad gezeigt hat. Das muss etwas Schlimmes sein, so wie er sich verhalten hat. Also ist einen Penis zu haben, der „nach oben“ zeigt, wohl etwas Schlimmes.Und sie will gerne etwas Schlimmes über Felix sagen. Weil sie böse ist. So oder so ähnlich setzt sich ihre aus der Luft gegriffene Anschuldigung zusammen. Bei der Kindergärtnerin schellen alle Alarmglocken. Ein Psychologe muss her. Der wiederum bestätigt durch eine Reihe schlecht gewählter Suggestivfragen den Verdacht, ohne die Tat selbst jemals wirklich angezweifelt zu haben. Und – schwups – ist ein ganzes Dorf hinter Felix her, der doch eigentlich nichts Anderes wollte, als nach der Scheidung von seiner Frau endlich wieder ein normales Leben zu führen.

Die Dänen haben es drauf, beklemmende Filme zu machen. Wir sehen, wie sich die Schlinge um den Hals des Protagonisten immer enger zieht und noch bevor er es selbst merkt, wird uns klar, dass es von hier aus nur noch abwärts gehen kann. Seine Tatenlosigkeit macht uns wütend. Warum wehrt sich Felix nicht? Warum sagt er bei den ersten Anschuldigungen nicht direkt, dass er es nicht war? Vielleicht weil er meint, auch die anderen müssten doch die Absurdität dieser Vorwürfe erkennen? Auch Theo (Thomas Bo Larsen), der zwar Klaras Vater, aber ebenso auch Lukas’ bester Freund ist, lässt sich von der hasserfüllten Stimmung mitreißen.

Wieder setzt sich Thomas Vinterberg mit dem Thema sexuellen Missbrauchs auseinander. Doch im Gegensatz zu Das Fest erzählt er seine Geschichte diesmal aus der vermeintlichen Täterperspektive, wobei Lukas natürlich eigentlich das Opfer ist. Dabei zieht sich das Jagd-Motiv durch den ganzen Film. Lukas wird zum Abschuss freigegeben und wie uns Vinterberg ganz am Ende deutlich macht, ist so eine Entwicklung kaum umkehrbar. Als Zuschauer sind wir der Hauptfigur sehr nah, erleben die Erniedrigungen des Umfelds und können die Ungerechtigkeit und Grausamkeit kaum mehr ertragen. Ich fühlte mich dabei an die Filme von Lars von Trier, insbesondere an Dancer in the Dark und Dogville erinnert, beides Geschichten, die mich emotional schwer mitgenommen haben. Aus eben diesem Grund: Weil ich es nicht ertragen konnte, mit anzusehen, was Menschen anderen Menschen antun.

In Die Jagd gibt es keinen Täter. Wenn überhaupt wäre es wohl Klara, die wir verantwortlich machen müssten. Aber das können wir nicht, denn schließlich ist sie ein kleines Mädchen. Die Kindergärtnerin? Können wir der etwas anhängen? Für mich ist Grethe (Susse Wold) noch am ehesten die Person, der ich so etwas wie Schuld zusprechen würde. Sicher muss sie derartige Beschuldigungen ernst nehmen. Doch die Art und Weise wie sie auf Lukas reagiert, wie sie umgehend alle Eltern informiert und damit eine Hysterie auslöst, lässt sie dennoch als Katalysator des Übels erscheinen.

Bei all dem ist es natürlich wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass derartige Dinge selbstverständlich geschehen. Im schon erwähnten Psychologiestudium habe ich einst ein Seminar zu diesem Thema besucht, in dem auch ausführlich über die Schwierigkeit der Begutachtung gesprochen wurde. Welchen Kinderaussagen ist zu trauen und welchen nicht? Welche Symptome sind eindeutig? Ich musste lachen, als Grethe die Eltern informiert, Kopfschmerzen und Albträume könnten Anzeichen eines Missbrauchs sein und sollten daher ernst genommen werden. Ich meine, wie viele Kinder haben wohl Kopfschmerzen und Albträume?!

Indem Thomas Vinterberg uns so furchtbar mit seiner Hauptfigur mitleiden lässt, droht er uns von all diesen Überlegungen abzulenken und dabei das eigentliche Thema aus dem Blick zu verlieren: Menschlichkeit. Wollen oder sollen wir Sexualverbrechern Menschlichkeit entgegenbringen? Mit welchem Recht enthalten wir sie ihnen vor?

Diese und andere Frage gingen mir im Nachgang durch den Kopf. Die Jagd ist wahrlich kein Film für einen unbeschwerten Fernsehabend, kein Film den wir sehen und dann vergessen, sondern ein Film, der nachhallt, hängen bleibt. Für meinen Geschmack hätte Thomas Vinterberg hier mit weniger mehr erreicht. Wäre Lukas nicht so klar das Opfer der Geschichte, würde uns die Ambivalenz der Geschichte noch stärker dazu herausfordern, selbst Position zu beziehen. Doch ich will gar nicht meckern. Die Jagd ist ein extrem starker Film, vor dem das Hollywood-Kino demütig den Hut ziehen sollte.

Verkaufsstart: 23.8.2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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