5 Dinge, die wir in der Broadway Therapy lernen können

by on 08/04/2015

Flattr this!

© Ascot Elite

© Ascot Elite

Dieser Film hatte schon viele Titel. Squirrel to the Nuts zuerst, dann She’s Funny That Way, seinen amerikanischen Verleihtitel, und nun schließlich Broadway Therapy. Das neue Werk des legendären Regie-Altmeisters Peter Bogdanovich, oho! Es ist eine ganze Weile her, dass er seinen letzten Kinospielfilm drehte. 14 Jahre, um genau zu sein, seit The Cat’s Meow. Wie immer, wenn jemand mit einem derart großen Namen wieder auf dem Spielfeld von Hollywood aufschlägt, ist jede Menge Hysterie unvermeidlich: große Erwartungen, die Angst vor einer Enttäuschung.

Entspannt euch, kann ich da nur sagen. Ein kleines bisschen Therapie kann nicht schaden. In New York Fucking City hat spätestens seit Woody Allen ohnehin jeder seinen eigenen Therapeuten. Aus der Broadway Therapy können wir ein paar wichtige Lektionen mitnehmen. Hier sind sie:

1. Vermische nie Privates und Berufliches

Das könnte nämlich zu Dramen von umvorhersagbarer Absurdität führen. So eben auch in Broadway Therapy, wo wir die Bekanntschaft des Regisseurs Arnold (Owen Wilson) machen, eines auf den ersten Blick recht unscheinbaren, nervösen Durchschnittstypen, der unter dem Pseudonym Derek in ein New Yorker Hotel eincheckt. Wo er sich („Hallo Schatz, wie geht’s den Kindern? Ich bin gut angekommen.“) zuerst einmal eine Escortlady bestellt. Diese erscheint umgehend, nennt sich Glow (Imogen Poots) und verrät ihrem Klienten schon bald, dass sie eigentlich Izzy heißt und Schauspielerin werden will. Dass er Regisseur ist, verschweigt er zwar gekonnt, dafür überlässt er ihr aber großzügige 30.000 Dollar, um die Karriere in Gang zu bringen. Und – wer hätte es geahnt? – am nächsten Tag sehen sie sich im Casting für die Rolle einer Prostituierten wieder. Nur, dass jetzt auch Arnolds eifersüchtige Ehefrau (Kathryn Hahn) und eine komplette Theatercrew mit dabei ist.

Mit dem Schlagwort „Squirrel to the Nuts“, den temporeichen Dialogen und internen Verstrickungen hat Peter Bogdanovich eine erneute Homage an die Screwball-Komödie gedreht, wie schon 1972 mit Is’ was, Doc?. Und natürlich geht es darin drunter und drüber: die schauspielernde Ehefrau hat eine schlüpfrige Vergangenheit mit ihrem Co-Star (Rhys Ifans), der Drehbuchautor (Will Forte) fährt auf Izzy ab, hat aber gleichzeitig noch… ach, lassen wir das. Jeder kennt hier jeden, und doch blickt nie einer je durch. Halten wir fest: wer sich die richtig teure Langzeittherapie lieber sparen will, ist gut damit beraten, Ehefrau, Escortlady und Kollegen fein säuberlich auseinanderzuhalten.

2. Es ist nie zu spät für eine Typveränderung

Dafür ist Jennifer Aniston der lebende Beweis. Was ist eigentlich in die Frau gefahren? Nach jahrzehntelangem Abo auf Mittelscheitel und sexy-süße Rollen in Beziehungskomödien scheint die Schauspielerin gerade die Vielfalt des Filmfachs zu entdecken – und macht dabei keine schlechte Figur. Erst legte sie für Cake mit viel Lob den Hochglanzlook ab und ihre Rolle in Broadway Therapy mag nun zwar nicht oscarverdächtig sein, dafür beweist sie aber Vielseitigkeit und Gespür für Timing. Sie spielt eine Therapeutin auf der Gefühlsskala irgendwo zwischen schlecht unterdrücktem Frust und außerordentlich schlagkräftigen Wutausbrüchen, die gut daran täte, selbst einmal ein paar Stunden auf einer Couch zu verbringen. Und während die perfekt besetzte Imogen Poots in ihrer Rolle nicht viel falsch machen kann und die generell wunderbare Kathryn Hahn in ihrer schrillen Dampfwaltzigkeit schon fast manchmal nervt, findet Aniston eine funktionierende Balance zwischen Overacting auf der ganzen Bandbreite und einer fast verwunderlichen Authentizität. Als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Chapeau.

© Ascot Elite

© Ascot Elite

3. Verhalte dich als Privatdetektiv möglichst auffällig, vielleicht hat dein Opfer Spaß daran

Die Screwball-Komödie beschäftigt sich traditionell mit dem Spannungsverhältnis zwischen Mann und Frau und das ist so ziemlich das älteste Thema der Welt. Prostitution – oder eben Escort, nennen wir es, wie wir wollen – ist wiederum der älteste Job der Welt. Im Grunde erzählt Peter Bogdanovich hier also keine sonderlich neue Geschichte. Und kreiert auch keinen sonderlich originellen Humor. Da ist diese Figur, die Karikatur eines Privatdetektivs, die ganz in schwarz, mit Hut und dem Versuch einer Verkleidung hinter Izzy herstreunt und sich schon mal auffällig mit ihr in den selben Fahrstuhl stellt. Ein bisschen lahm scheint dieser Running Gag zuerst, weil der Regisseur darauf immer wieder herumreitet. Aber Izzy? Die freut sich, weil sie sich unter den Augen eines eigens auf sie angesetzten Privatdetektivs plötzlich so wichtig fühlt. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Bogdanovich inszeniert ausufernde Telefongespräche mit drei, vier Gesprächspartnern in verschiedenen Leitungen, extremem Sprachtempo, er schreckt vor Wortwitz und schallenden Ohrfeigen nicht zurück und assoziiert New York mit duseliger Jazzmusik. Aaaalles nichts Neues. Aber es ist gerade der überdrehte, selbstreflexive Zitatemix, der Broadway Therapy doch zu etwas Vergnüglichem macht.

4. Fakten sollten einer guten Geschichte nie im Wege stehen

Das ist der Punkt. Die Geschichte von Broadway Therapy wird aus Izzys Erinnerung heraus erzählt, obwohl sie nicht einmal in allen Szenen dabei ist. Wir erleben die Perspektive einer jungen Frau, die nimmt, was sie bekommt und so ihrem Traum immer näher rückt. Die an Wunder glaubt, und dass ein kleines bisschen Magie die Welt ein kleines bisschen besser macht. Ganz genau wie Audrey Hepburn: „I believe in pink.“ Und deswegen ist es auch völlig egal, ob sich diese verworrene, abgedrehte Story tatsächlich genauso zugetragen haben kann. Es ist die subjektive, fantasiegespickte Wahrnehmung einer Einzelnen; einfach eine Geschichte, deren Existenz zählt.

5. Wenn du zu viel hast – steig doch einfach aus!

Es mag ja wahr sein: Broadway Therapy ist nicht unbedingt das große Spätwerk von Peter Bogdanovich. Dafür sprach schon der auffällige Age Gap im Kino: während sich die älteren Semester hörbar amüsierten, gab sich das jüngere Publikum recht verhalten. Es mag an dem etwas in die Jahre gekommenen Genre liegen, an den Sehgewohnheiten der Mittzwanziger, woran auch immer. Auch die Idee, die Handlung in die Klammer eines Interviews einzufügen, das Izzy einer zynischen Reporterin gibt, wirkt etwas angestaubt, wenn sie auch nicht nur zum Selbstzweck vorhanden ist. Aber dennoch: den Film den eigenen Erwartungen an irgendein Meisterwerk anheim fallen zu lassen, wird ihm nicht gerecht. Wer sich damit nicht anfreunden kann, möge es statt zu Keifen lieber machen wie ein Taxifahrer auf halber Strecke: als er das Gegeifere von Kathryn Hahn und Owen Wilson nicht mehr ertragen kann, steigt er einfach aus dem Auto und lässt seine Fahrgäste sitzen. So einfach, so existenzialistisch. Und für alle Parteien wesentlich entspannter.

Kinostart: 20. August 2015

Pressespiegel auf film-zeit.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 7+0=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.