Dior und Ich und der Geist, der über allem schwebt

by on 10/22/2015

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Herbst 2012. Ein herrschaftliches Gebäude in Paris, die Wände über und über mit Blumen bedeckt. Gerade haben sich hier Jennifer Lawrence und Marion Cotillard eingefunden, Sharon Stone und Fürstin Charlène von Monaco. Es ist ein großer Tag: die Fashion Week ist in vollem Gange und in einer opulenten Modenschau soll heute die Frühlingskollektion aus dem Hause Dior gezeigt werden. Haute Couture, die Meisterklasse der Modewelt. Alle Beteiligten sind noch gespannter als sonst: denn dies ist die erste Kollektion des neuen Kreativdirektors der renommierten Marke.

Eigentlich ist der Blick hinter die Kulissen in der Mode meist strengstens untersagt. Das Endresultat soll funkeln, Glamour verheißen, die Stars anziehen und Menschen auf der ganzen Welt tief in die Tasche greifen lassen. Wie Frédéric Tcheng es deshalb geschafft hat, Dior tatsächlich dazu zu überreden, einen Dokumentarfilm im eigentlichen Kern der Institution zu drehen, das bleibt sein großes Geheimnis. Das Haus öffnet seine Pforten zu einem Zeitpunkt großer Veränderungen, nämlich als Raf Simons auf den Plan tritt. Nach antisemitischen Äußerungen John Gallianos und seinem Rausschmiss wird ein Ersatz gebraucht und Simons überrascht als Nachfolger: der Belgier gilt als Minimalist, als Designer von Männermode kommt er von Jil Sander. Hier, das wird schon in den ersten Sekunden von Dior und Ich deutlich, ist aber ein ganz anderes Händchen gefragt.

Denn über allem hängt der Geist von Monsieur Christian Dior. Er leitet den Dokumentarfilm ein: schwarzweiße Archivaufnahmen zeigen den Modeschöpfer während der kurzen Zeit, in der er mit seinem eigens gegründeten Label den Stil der 1950er Jahre prägte, seine verlesenen Tagebucheinträge zeugen von einem schüchternen Mann, der sich vor zu vielen Menschen, Lärm und schnellen Veränderungen scheut. Der Geist Christian Diors ist aber auch wörtlich zu nehmen: nicht nur ist sein Einfluss in den Kleidern Simons deutlich wiederzuerkennen, auch die Schneiderinnen und Wachmänner in der Zentrale schwören Stein auf Bein, dass es des Nachts in den Ateliers spukt: dann sieht der alte Meister nach dem rechten.

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Auf diese Weise ergeben sich ganz natürlich die beiden Organisationsprinzipien von Dior und Ich: die Aktionen der Gegenwart müssen dem ständigen Vergleich mit der Vergangenheit standhalten und die eingangs erwähnte Modenschau ist das große Ziel, die Null im rasenden Countdown: Raf Simons hat für seine erste Kollektion bei Dior nur acht Wochen Zeit. Frédéric Tcheng begleitet den zurückhaltenden Designer in seinem kreativen Prozess: Stoffe müssen ausgewählt und Skizzen angefertigt werden, die tägliche Dosis Kunst liefert Inspiration und dann schwitzen wieder alle bei den Anproben. Neben Simons sind es vor allem die Atelier-Ersten, denen hier alle Aufmerksamkeit gilt. Die die Kleider gewissermaßen als ihre Babys adoptieren, sie päppeln, schmücken und vor dem Schlimmsten retten, bevor sie sie in die Welt entlassen müssen. Dass dabei nicht immer alles glatt geht, versteht sich von selbst. Nur vier Seidendrucker gibt es in ganz Frankreich, und der Designer lässt sich einfach nicht von einer Alternative zu seinen aufwendigen Ideen überzeugen. Raf Simons wird bei Dior freundlich empfangen und überzeugt mit Konzentration und Zurückhaltung. Aber als mitten im Kollektionsstress die Atelier-Erste zur Anprobe einer Kundin in New York verschwindet, platzt auch ihm der Kragen. Der Grund ist so banal wie gewichtig: Mehr als 300.000 Dollar lässt die Kundin jedes Jahr bei Dior – die Couture muss sich rechnen, um überleben zu können.

Als Blick hinter die Kulissen funktioniert Dior und Ich außerordentlich gut: Connaisseure kommen auf ihre Kosten und selbst Mode-Skeptiker dürften die harte Arbeit, die Detailverliebtheit und das Handwerk hinter der großen Show schätzen lernen. Insofern ist Frédéric Tchengs Film als Making Of im besten Sinne zu verstehen, auf der DVD noch ergänzt durch Extended Scenes und ein ausführliches Hintergrund-Interview mit dem Regisseur. Als für sich stehender Film jedoch, und somit gewissermaßen als eigenes Kunstwerk, kann das Werk nur bedingt überzeugen. Die Kamera bleibt stets nah am Geschehen und ein treibender elektronischer Score macht die flirrende Anspannung in den Köpfen der Protagonisten beinahe greifbar. Aber während Raf Simons Entwürfe dem alten Geist Diors eine neue, eine eigene und innovative Note hinzufügen, bleibt Tchengs Endresultat bei genauer Betrachtung recht uninspiriert. Es lebt, und damit muss sich, wer sich auf die Zusammenarbeit mit der Marke einlässt, wohl abfinden, vom alten Geist Christian Diors, der über allem schwebt.

DVD-Verkaufsstart: 22. Oktober 2015

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