Doc of the Dead – Der Zombie im Kontext

by on 11/27/2014

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© EntertainmentOne

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Ich würde mich nicht unbedingt als einen Zombie-Experten begreifen. Für das Genre interessierte ich mich zum ersten Mal richtig, nachdem ich neugierig ein paar Ausgaben von Robert Kirkmans Comic The Walking Dead gelesen hatte. Film-Klassiker wie Night of the Living Dead, Dawn of the Dead und Day of the Dead, alle vom Genre-Neuerfinder George A. Romero, folgten nebst neueren Vertretern wie 28 Days Later oder Parodien wie Peter Jacksons Braindead. Viel mehr aber auch nicht. Dank Filmen wie Shaun of the Dead und der Fernseh-Adaption von The Walking Dead ist der Zombie als Figur aber mittlerweile aber in aller Munde. Und schmeckt vielleicht auch nicht mehr so ganz wie früher. Warum er trotzdem nicht totzukriegen ist (hahaha) beleuchtet die Dokumentation Doc of the Dead von The People Against George Lucas – Schöpfer Alexandre O. Philippe und zieht dazu einige sehr interessante Kontexte heran.

Denn vielen ist nicht so ganz bewusst, dass Zombie nicht immer gleich Zombie war. Vampir, Werwolf und Frankensteinsches Monster sind einigen Verwandlungen unterworfen gewesen (zum Beispiel von Bela Lugosi zum Sparkle-Vampir), aber der Zombie war doch eigentlich immer gleich, oder? Tot, schlurft (oder rennt), isst Menschenfleisch (beziehungsweise -gehirne), leicht dümmlich (aber wehe sie kreisen dich ein) und infiziert durch seinen Biss. Falsch. Das sind alles Dinge, die George A. Romero mit Night of the Living Dead beisteuerte und damals kannte er das Wort Zombie noch nicht einmal. Das gab es aber schon vorher.

Und zwar im Vodoo-Kontext. Doc of the Dead geht ausführlich darauf ein und zeigt, dass der Zombie schon lange in der Filmlandschaft existierte. Nur eben nicht in der heute bekannten, popularisierten Form. Ein Zombie war ein wiederbelebter „Toter“, der vom Vodoo-Kundigen als Sklave benutzt wurde. Mit einem bestimmten Pulver, das aus einer bestimmten Pflanze hergestellt wird, konnte ein Mensch seiner höheren Hirnfunktionen beraubt werden und tot und willenlos erscheinen. Diese faszinierende und grausame „Zauberei“ wird in Doc of the Dead von Vodoo-Spezialisten erklärt und in Verbindung gesetzt zu der filmischen Darstellung.

In der zeigt sich dann auch die eigentliche Funktion der Zombie-Figur. Filme wie White Zombie von Victor Halperin (wieder mit Bela Lugosi) inszenieren den Zombie als durch haitianischen Vodoo geschaffenen Sklaven. Doc of the Dead beruft sich auf Interviews mit Kulturwissenschaftlern, Größen wie George A. Romero selbst oder Genre-Verfechtern wie Max Brooks (Zombie Survival Guide, World War Z) und eröffnet eine Argumentation, nach der der Zombie grundsätzlich für die diffuse Angst vor der „dunklen Seite“ des Menschen steht. Was demnach den Zombie ursprünglich als Horror interessant machte, war die Sklavenkomponente: Die ehemaligen Sklaven haben die Mittel, sich für die himmelsschreienden Ungerechtigkeiten zu rächen, die sie durch die Hand der Weißen Oppressoren erfahren mussten. Der Zombie ist ein filmisch personifiziertes schlechtes Gewissen. Karma. Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Das funktioniert ganz gut, auch in Abgrenzung etwa zu unserer unterdrückten Sexualität, personifiziert durch Vampire, und unserer unterdrückten tierischen Seite, personifiziert durch Werwölfe. Der Zombie muss sich aber noch stärker weiterentwickeln, weil sich unsere Ängste noch stärker verändern. Die Einkaufszentren-affinen Zombies in Dawn of the Dead, die viral und medial infizierten Wut-„Zombies“ aus Danny Boyles 28 Days Later oder die durch bestimmte abgedroschene Wortkombinationen regressierten Zombies in dem kleinen aber feinen Kammerspiel-Film Pontypool. Die in Doc of the Dead von Romero, Brooks und anderen gepriesene Wandelbarkeit des Zombie-Konzepts ermöglicht eine Anpassung an so ziemlich jede auf endgültige Gesellschaftskritik. Ob nun schlurfend, rennend, superstark oder schwach, schlau oder dumm, gehirn- oder allesfressend. Sie werden dich kriegen.

Doc of the Dead ist aber bei weitem nicht nur theoretische Ausführung auf dem hohen Ross. Die Doku ist gepfeffert mit zahlreichen lustigen und kreativen Filmsegmenten, unter anderem auch von RedLetter Media (Half in the Bag, Star Wars Episode 1 Review), die hier auch produzieren, weshalb ich überhaupt erst auf Doc of the Dead aufmerksam wurde. Lustig ist auch die Überraschung seitens George A. Romero, Robert Kirkman und Max Brooks über die gigantische Industrie, die sich aus dem Konzept entwickelt hat und die sie absolut nicht nachvollziehen können. Videospiele, Filme, Comics, Bücher. Zombies sind wie die Superhelden längst ein transmediales Phänomen. Eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Wie bei den Superhelden stellt sich nur die Frage: Wie lange noch?

Ein bisschen werden die Zombies auf jeden Fall noch schlurfen. Statt Marathons können Zombie-Fans nun, und das ist für Romero die größte Irritation, an Zombie-Walks teilnehmen und stundenlang  und massenhaft blutverströmt duch Innenstädte wandeln. Die Sicherheits- und Überlebensindustrie bietet Zombie-Übungspuppen und Zombie-gesicherte Bunker an. Bruce Campbell erzählt von der Zombie-Cosplay-Hochzeit, bei der er als Pastor fungierte (und was er nur für einen ordentlichen Scheck nochmal tun würde). Der Einfluss auf das allgemeine Leben, wo Zombies nicht nur ein Symbol, sondern auch ein niedlicher Merchandise-Kuschelfaktor und eine „reale“ Bedrohung gleichzeitig sein können ist ein größeres Thema in Doc of the Dead.

Abschließend kann ich Doc of the Dead jedem empfehlen, der sich als Zombie-Fan bezeichnet und mehr über die Hintergründe erfahren möchte. Oder aber denjenigen, die Zombies an sich langweilig oder eklig finden und bei dem Thema etwas mehr Hirnnahrung brauchen. Und grundsätzlich jedem, der sich für Filme interessiert. Neben den schon genannten kommen nämlich auch zahlreiche andere, wie etwa Joss Whedon, Bruce Campbell, Tom Savini oder Simon Pegg zu Wort. Wer also mehr zum Thema wissen möchte, auch über die Frage nach der richtigen Fortbewegungsgeschwindigkeit für die Untoten hinaus, dem sei Doc of the Dead wärmstens ans saftige Herz gelegt.

Verkaufsstart: 28. November 2014

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