Drecksau – Fest der Rohheit

by on 02/19/2014
© Ascot Elite

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Es gibt Filme, die sind so hochkonzeptuell, dass sie unsere allerhöchsten intellektuellen Gehirnareale ansprechen. Natürlich sind die meisten Filme irgendwo hochkonzeptualisiert und durchgeplant. Aber dann gibt es gegenüber den Stanley Kubricks unserer Zeit auch diejenigen, die nicht die höchsten der Gefühle ansprechen, sondern die allerniedrigsten. Als Autor gehört Irving Welsh (Trainspotting) dazu. Drecksau (Filth) wurde nun ebenfalls adaptiert. Die Verfilmung von Jon S. Baird (Cass) ist ein Fest der Direktheit, das mich für einen Moment lang die zivilisatorischen Fesseln abstreifen ließ.

In Drecksau geht es um den aufstrebenden Polizisten und Egomanen Bruce Robertson (James McAvoy), der im irischen Edinburgh alles dafür tut, endlich zum Detective Inspector aufzusteigen. Er hetzt seine Konkurrenten gegeneinander auf, schläft mit deren Frauen oder dichtet ihnen Homosexualität an. Nur, um dann den darauf reagierenden, konservativen Chef zur Toleranz zu mahnen. Raffiniert für einen Rassisten und Homo-Hasser. All diese Dinge tut Bruce aber nicht nur, um im Beruf aufzusteigen, sondern auch einfach so. Er ist ein Arschloch legendären Ausmaßes, so wie es im wirklichen Leben wohl kaum anzutreffen wäre. Bruces Pläne gehen immer auf und anderen geht es darum schlechter. Er kokst, vergewaltigt, lässt sich bestechen, intrigiert und kommt mit all dem davon. Bis ein Trip nach Hamburg mit seinem unterwürfigen, von Bruce regelmäßig bloßgestellten Freund Clifford Blades (Eddie Marsan), alles durcheinander bringt. Plötzlich klappt gar nichts mehr und wir erhalten tiefere Blicke in dieses sadistische „Genie“, das bei näherer Betrachtung nicht mehr als solches zu bezeichnen ist.

Der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte in Drecksau ist natürlich dieser Einblick. Es interessiert uns nicht, wer nun bei der Polizei aufsteigen darf. Interessant ist, warum Bruce das tut, was er tut, wenn es trotz schützender Leinwand sogar das so manches gewohnte Publikum schockiert. Gleich vorweg muss ich sagen, dass diese Auflösung etwas enttäuscht. Die Auflösung kommt in Drecksau mehr oder weniger aus dem Nichts und wird auch durch Nichts vorbereitet. Das größte Manko dieses Films ist, dass seine Plotelemente nicht besonders harmonisch ineinandergreifen und stellenweise sogar wie aufgesetzt wirken. Auf einer Metaebene lässt sich auch das rechtfertigen. Aber dazu mehr in zwei Absätzen.

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Das blieb glücklicherweise aber auch das einzige Manko, denn alle anderen wurden von James McAvoy überschattet. Ich finde, dass die Worte tour de force viel zu oft benutzt werden, aber bei Drecksau sind sie wirklich angebracht. James McAvoy erfindet in diesem Film quasi ganz neue Kategorien im Feld der Extrem-Gesichtsausdrücke. Selten habe ich mich von einem Grinsen gleichermaßen belustigt und verängstigt gefühlt. Bruce ist ein manischer Protagonist, aber James McAvoy schafft es, diese Manie tatsächlich über eine allen Handlungen zugrundeliegende Verzweiflung herüberzubringen. Selbst dann, wenn Bruce als der Strippenzieher dasteht. Seine Impulsivität tut ein weiteres und beschwor in ihrer Ungehemmtheit völlig neue Dimensionen der Unbehaglichkeit in mein Gesicht. Hinzu kommt die Heruntergekommenheit, die sich durch jede Facette des Set Designs und gerade auch James McAvoys Garderobe zieht. Selten sah jemand so „am Ende“ aus.

Alles in Drecksau dreht sich um Bruce, der die Geschichte wie ein Atomkern zusammenhält. Selbst die Kamera findet immer wieder den Weg zu seinem im Laufe des Films auseinanderfallenden Gesicht. Und mit der Zeit wird es klar, dass wir eigentlich nur seinen Blick zu sehen bekommen. Darauf spiele ich mit der Metaebene an. Drecksau ist eine Aneinanderreihung unterhaltsamer Szenen, die bis zu einem Punkt Bruces Aufstieg durch Skrupellosigkeit zeigen. Bis zu einem gewissen Punkt. Während auch alle Figuren vorher nur Pappaufsteller für Bruces eigene Szenenbilder waren, bekommen sie ab diesem Punkt ein Eigenleben und können zurückschlagen oder ihm einfach nur den Spiegel vorhalten. Die Geschichte wird von Bruce erzählt und es wird dann auch klar, dass er ein unverlässlichler Erzähler ist, geplagt von ungerechtfertigten Stereotypen und anderen Simplifizierungen.

Während ich solche Spielereien normalerweise sehr gern habe, und sie funktionieren auch in Drecksau, ändern sie nichts an besagtem Plot-Twist. Selbst, wenn Bruce ihn selbst nicht hat kommen sehen: Auflösungen aus dem Nichts wirken meist wie eine Sackgasse im (Dreh-)Buch, aus der kein Ausweg gefunden wurde. Trotzdem hat Drecksau etwas, das es von den meisten Filmen dieser Art abhebt. Rohheit. Rohheit im Ausdruck niederster Fantasien, aber auch deren Konsequenzen. Und mit James McAvoy einen Schauspieler, der diese gleichzeitig unterhaltsam und abschreckend herüberbringt.

VERKAUFSSTART: 25. Februar 2014

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