Mein erstes Mal auf dem Hofbauer-Kongress: Durch den Nebel in die Nacht

by on 01/13/2016

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HofbauerIm Bus auf der Autobahn, auf der Fahrt von Nürnberg nach Berlin. Draußen dichter Nebel, drinnen die Nachricht vom Tod David Bowies. Die erste Nachricht nach vier Tagen, und gleich eine so Niederschmetternde. Auch die vergangenen Tage waren grau, neblig, nass, dunkel. Aber sie spielten sich in einer kleinen, mit Glückseligkeit bis an den Rand gefüllten Blase ab. Und zwar auf dem Außerordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos. Dem Fünfzehnten an der Zahl, meinem ersten Mal.

Dort standen verlockende Titel auf dem Programm: Mädchen beim Frauenarzt, Hörig bis zur letzten Sünde, Die Spanische Fliege und mehr. Trotzdem hatte die Einladung mich erst einmal eingeschüchtert: vier Tage auf einem seit Jahren eingeschworenen, zahlenmäßig überschaubaren Kongress zu verbringen kann bedeuten, Fremdkörper in einem funktionierenden Organismus zu bleiben; Angst vor erzwungen blödsinnigem Smalltalk und Schlafentzug. Keine Ahnung von den zu erwartenden Filmen, und was, wenn sie nicht gefallen? Ich bin dann doch gefahren. Aus Neugier, dem Wunsch Wissenslücken zu füllen und noch ein paar anderen Gründen. Und ohne einen blassen Schimmer davon, wie schwer hinterher das Vorbei-Gefühl einschlagen würde.

Der Hofbauer-Kongress findet im KommKino statt, einem kleinen Nürnberger Programmkino in Bahnhofsnähe. Zumindest während der Veranstaltungstage kann dort vom Kinosterben nicht die Rede sein: Das Foyer und sämtliche raucherfreundlichen Orte sind gut gefüllt mit Kino- und Filmmaterialbegeisterten, die über die Jahre ihren eigenen Jargon ausgebildet haben und schon vor dem offiziellen Startschuss nicht anders können als über Kommendes und Vergangenes zu fachsimpeln, über Wiederentdecktes, Heißgeliebtes, Durchlittenes. Nur Vergessenswertes scheint es hier nicht zu geben. Die Atmosphäre dabei: nicht akademisch, nicht machohaft trotz des eindeutigen Männerüberschusses. Eher wie eine ausgelassene Klassenfahrt, nur ohne hierarchische Grüppchenbildung; dafür mit viel Liebe, Wissen, Euphorie.

Um 17:00 Uhr beginnt die erste Vorführung: Thriller – Ein unbarmherziger Film von Bo Arne Vibenius. Rape-and-Revenge, eine Inspirationsquelle für Quentin Tarantinos Kill Bill. Ein Werk, das für gemütliche Filmabende nicht unbedingt ganz oben auf meiner Wunschliste stehen würde – wie übrigens viele der hier gezeigten Beiträge. Glücklicherweise stellt sich dann schnell heraus, dass das überhaupt nichts macht. Weil im breit gefächerten Programm zum Einen jeder sein persönliches Schmankerl finden wird. Weil echte Perlen darunter sind (Thriller gehört dazu). Und weil zum Anderen die Stimmung im Kinosaal mit keinem anderen Kino-Erlebnis vergleichbar wäre: feinsinnig ist sie, ausgelassen und laut und dann wieder ganz still im richtigen Moment. Das ist auch nötig, denn neben klamaukigen Komödien und fantasievollen Striptease-Nummern gibt es dort auch immer wieder Blicke in finsterste Abgründe.

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Die Perle der Karibik ist so ein Film, der sich ins Gedächtnis eingebrannt hat. BRD, 1981, Regie Manfred Stelzer. So trostlos wie eine Fototapete mit Südseekitsch, die in einer Schlüsselszene übrigens auch einen prominenten Platz im Bild einnimmt. Dem Buchhalter-Typen Diethard (Diethard Wendlandt) fehlt nur noch ein Puzzlesteinchen zu seinem ganz persönlichen Glück: eine Ehefrau, die auf den noch nicht abbezahlten Polstermöbeln der funktional eingerichteten Neubaublockwohnung Platz nehmen kann, die das Frühstück macht und die Einkäufe erledigt. Wie praktisch, dass es Kataloge für solche Frauen gibt. Als Beanboat Banani (Alisa Saltzman) aus der Karibik am Flughafen Tegel eintrifft, scheint die künftige Idylle noch wie vertraglich ausgemacht. Aber so wie uns Zuschauern geht auch ihr die ordentliche, streng reglementierte und ideenlose Lebensweise der Bundesbürger in ihrem Block bald gewaltig gegen den Strich. Die Perle der Karibik ist ein unendlich schmerzhafter Film. Man möchte lachen, um sich diesen Schmerz vom Leib zu halten, aber die Strategie taugt nicht viel. Wenn die Kamera durch endlose Flure fährt, wirken die Wohnungen dahinter wie Zellen, Toaster und Eierkocher werden zu Instrumenten der umfassenden Kontrolle und wenn – wie in so vielen Filmen dieser Zeit – die Cognacgläschen auf den Tisch gestellt werden, um sich ein wenig zeitlich und räumlich begrenzte Ausgelassenheit zu gönnen, mutet das an wie eine traurige Kapitulation vor der Unberechenbarkeit dessen, was passieren kann, wenn diese Kontrolle für einen Moment abhanden kommt.

11218919_890159391099296_7854407751622524547_nÄhnlich harter Stoff ist Die Spalte, 1971, von Gustav Ehmck. Schon der empathiebefreite Titel kündigt an, was hier über anderthalb Stunden gnadenlos inszeniert wird: die Zwangsprostitution eines Mädchens aus dem Heim, die von skrupellosen Typen herbeigeführte Produktwerdung ihres Körpers, ihre brutale Ausbeutung, bis nichts mehr von ihrer Persönlichkeit übrig zu bleiben scheint. Es ist beinahe unerträglich zu sehen, wie zahllose Männer sich Ihrer in einer wie mechanisch montierten Sequenz bedienen. Wie sogar noch ihre Retter zu Wortführern werden, neben denen die weiblichen Opfer sprachlos stehen – machtlos gegenüber den Tätern, machtlos gegenüber einem System, das solche Verbrechen als Kollateralschäden zugunsten des Anscheins von Ruhe und Ordnung akzeptiert.

Auch andere Filme des Kongresses verlangen ihrem Publikum einiges ab. Die spanische Fliege  von Carl Boese lässt sich ohne Weiteres als Kommentar zur verschwiegenen deutschen Nachkriegsgesellschaft lesen, Peter Baumgartners …und noch nicht Sechzehn mit der umwerfenden Sängerin Helen Vita zeichnet in einem experimentell schwarzweißen Bildersog die Geschichte eines Mädchens von der Straße, dessen Jugend im Dunkel der Nacht ausgenutzt wird, und Monika und die Sechzehnjährigen mit Liselotte Pulver ist ein außerordentlich verwirrendes Stück Film über die Verführung eines jungen Mannes mit Priesterambitionen und zweifelhafte Froschexperimente. Freude, Poesie und albernes Juchzen kommen bei Hofbauers aber trotzdem nicht zu kurz: der 1990er Musikfilm Lambada von Giandomenico Curi und Joel Silberg verleiht rechtwinkligen Koordinatensystemen und gleichschenkligen Dreiecken eine nie da gewesene Coolness, Die Girls vom Crazy Horse bezaubern mit illustren Strip-Nummern und bringen das Blut in Wallung und schließlich bildet der 70er Jahre-Gayporn L.A.Tool and Die einen würdigen Abschluss, ein liebevoll warmes Fest der Körperlichkeit, der Berührungen und der Lust.

Ein Teilnehmer prägt im Laufe des Kongresses den Begriff des im Kino vorsorglich einzuhaltenden „digitalen Sicherheitsabstandes“, bei einem Großteil der Projektionen möchte man aber doch lieber ganz weit vorn sitzen und Korn um Korn der 35- und 16mm-Kopien abzählen, die leuchtenden Farben gut erhaltener Filmrollen genießen oder sich im Magentastich des beginnenden Verfalls suhlen. Eine Stammbesucherin schießt während des Kongresses ein paar Fotos, die diesen Zustand wohligster geistiger Umnachtung perfekt einfangen: sie sind unterbelichtet, verwaschen und rauschig, die Menschen darauf erscheinen geisterhaft losgelöst von ihrer Umgebung, im düsteren Kinosaal sitzend oder mit der Zigarette in der Hand ins Gespräch vertieft. Sie strahlen die Essenz des Außerordentlichen Kongress des Hofbauer-Kommandos aus: eine geradezu verschworene Intimität, unverhohlene Freude am nicht Perfekten, den Blick in die Vergangenheit, den Hang zur Melancholie. Es passt, von diesem Kongress aus durch dichten Nebel nach Hause zu fahren. Ganz sachte taucht man wieder in der Realität auf, setzt den ersten Fuß in den Alltag und denkt verträumt an die verstrahlten Nächte von Nürnberg.

 

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Obacht! Verzagt hier gerade jemand ob des Festes, das er verpasst hat? Keine Sorge, jeder kann an den Freuden teilhaben, die das Hofbauer-Kommando der Welt beschert. Der Perser und die Schwedin gehört zu den ganz großen Entdeckungen vergangener Kongresse und ist trotzdem vom Tode bedroht – weil die einzig verbleibenden Kopien sich das Essig-Syndrom eingefangen haben. Wer die Digitalisierung des Films bis zum 31. Januar 2016 mit einer Spende unterstützt, bekommt auf DVD und/oder Bluray sein ganz persönliches Portiönchen Hofbauer-Kongress nach Hause geschickt. Hier geht es zur Crowdfunding-Aktion.

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