Edinburgh Film Festival – Filme unter dem Schottenrock

by on 06/30/2014

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© EIFF

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Am Wochenende ging das wichtigste Filmfestival der britischen Insel zu Ende: das Edinburgh Film Festival. Letzten Freitag wurden die Preise verliehen. Darunter einer für den deutschen Beitrag Kreuzweg (Student Critics Jury Award). Angeblich ist Edinburgh – Jahrgang 1947 – das älteste durchgängig organisierte Festival der Welt – ein Titel der zu lang ist, um sich damit zu rühmen. Jedenfalls gibt es in der Hauptstadt Schottlands jede Menge internationaler Filme und britisches Kino zu sehen. Und immerhin ist Tilda Swinton Ehrenpatronin. Die schottische Adelige war zumindest mit ihrem jüngsten Film, dem SciFi-Thriller Snowpiercer, auf dem Festival präsent; ihr privates Schloss in den Highlands ist nicht allzu weit weg vom Edinburgh Castle.

Hier ein paar Eindrücke der ersten Festivalwoche für Euch:

Am Tag vor der eigentlichen Eröffnung letzte Woche gab es für mich – bei strahlendem Sonnenschein in der Touristenstadt Edinburgh draußen – erstmal heftige Kost im dunklen Kinosaal. Für Menschen mit Pressebadge hat das Festival nämlich schon früher begonnen, die Leser wollen ja vorab wissen, was läuft (das schreibt nur meist niemand, um die mysteriöse Filmkritiker-Autorität zu wahren). Zum Einstieg wurde der Eröffnungsfilm Hyena, ein brutaler Polizei-Thriller im Londoner Untergrund, gezeigt.

Und danach gab es gleich den Rache-Splatter Let Us Pray: Der ist als düsterer Thriller mit einer blutigen Steigerung konzipiert und der Titel spielt mit der Ambivalenz zwischen pray & prey, zwischen beten und jagen. Schon im elektro-musikalisch unterlegten, stilisierten Intro steigt ein mysteriöser Mann mit langem Mantel (Game of Thrones-Mime Liam Cunningham) aus den Slow-Motion-Wellen und eine Schar Raben folgt ihm. Der Film nützt seine begrenzten Mittel geschickt und inszeniert den Großteil der unvorhersehbaren Geschichte in einer Polizeistation, in der die Heldin an diesem Abend gerade ihren Dienst beginnt – unverkennbar inspiriert von Carpenters Assault on Precinct 13. Jede der Figuren hat ein dunkles Geheimnis und früher oder später wird es sie einholen – aber anders als man vermuten würde. Der Rächer sitzt nämlich die meiste Zeit in einer Zelle und arbeitet eher mit psychologischen Mitteln: „the hour is near“ verkündet er und foltert die Bösen per Voodoo mit einem Streichhölzchen. Wicked & Weird nennt sich die Schiene, zu der dieser Film gehört. Dort findet sich etwa auch ein neues Torture Porn Jungle Cannibal Movie von Eli Roth namens Green Inferno. Für Genre-Fans ist diese Auswahl definitiv einen Blick für die Filmliste daheim wert.

Von der Berlinale fand sich auch einiges im Programm: neben den Wettbewerbsbeiträgen Kraftidioten mit Bruno Ganz und Kreuzweg (Silberner Bär ), etwa auch die teils ziemlich beeindruckende 3D-Omnibus-Architektur-Doku Cathedrals of Culture unter anderem mit Wim Wenders, Robert Redford und dem kürzlich bei Dreharbeiten verstorbenen Österreicher Michael Glawogger. Letzterer porträtierte kunstvoll die Staatsbibliothek in St.Petersburg. Mein persönlicher Lieblingsabschnitt des 166-Minuten-Episodenfilms: der Beitrag von Michael Madsen über ein Hochsicherheitsgefängnis in Norwegen.

Die weiteren Highlights und auch bekanntere Namen waren in der Programmreihe American Dreams zum US-Independent-Kino zu finden. Etwa Coppolas Coming-of-Age Drama Palo Alto. Nein, diesmal ist nicht Lost in Translation-Meisterin Sophia oder ihr Papa, Altmeister Francis Ford, am Werk. Gia Coppola ist aus der dritten Generation, Enkelin des Paten und Nichte von Tante Sophia, an deren letzten Filmen sie schon mitgearbeitet hat. Palo Alto ist ihr Debütfilm. Der Familienname schürt naturgemäß Erwartungen, die schwierig einzulösen sind. Noch dazu ist Tausendsassa James Franco mit dabei, in einer Nebenrolle als Trainer mit einer unguten Schwäche für seine minderjährigen Fußballerinnen. Von ihm stammt aber auch das Drehbuch, er hat sich also selbst diesen grinsenden 30-jährigen Loser auf den Leib geschrieben. Der Titel könnte demensprechend „James Francos Babysitterin“ lauten. Im Zentrum der Geschichte stehen die Teenager April (Emma Roberts) und Fred (Nat Wolff) und deren Clique. Die Probleme sind die aller Mittelklasse-Jugendlichen: Liebe & Sex, Party & Dummheiten inmitten der Unsicherheit und dem Ennui des Teenager-Alltags – nicht mehr und nicht weniger. Dieses Gefühl zu einem interessanten Film zu verarbeiten, bedarf schon einiger stilistischer Form, um nicht zum Mittelschichts-Neorealismus zu werden.

Man fühlt sich bei der Teenager-Geschichte schon ziemlich an Sopia Coppolas letzten Streich The Bling Ring erinnert. Die Stimmung ist aber eher eine Mischung aus Somewhere und ihrem Debut The Virgin Suicides. Die Familienvergleiche sind wohl der Preis, den man als echte Coppola zahlen muss – außer man macht es wie Cousin Nicolas Cage und legt  sich gleich einen Künstlernamen zu. Wer Sophia Coppolas Stil mag, darf das aber auch durchaus als Lob verstehen. Die tragisch-leichte Atmosphäre, zugleich distanziert und auf Augenhöhe mit den Kiddies, ist konsequent und handwerklich sauber. Alles andere ist Geschmackssache.

Mein persönlicher Favourit der ersten Festivalhälfte war aber mit Abstand A Most Wanted Man. Der Film wurde als Director’s Showcase von Anton Corbijn gezeigt, der 2007 mit dem Joy Division-Film Control einiges Aufsehen erregte. Außerdem ist es die letzte Hauptrolle von Philip Seymour Hoffman, der hier als abgeklärter Agent brilliert. Die deutsche Filmförderung hat hier auch wieder zugeschlagen und die Geschichte ist zur Gänze in Hamburg angesiedelt.

A Most Wanted Man ist eine John Le Carré-Adaption und als Film Thriller und Drama zugleich. Fast komplett ohne Action entwickelt er dennoch unglaublich viel Spannung und ist neben Hoffmann noch mit Robin Wright und Willem Defoe, Rachel McAdams und ettlichen deutschen Stars wie Daniel Brühl oder Nina Hoss hochkarätig besetzt (letztere ist hier in Edinburgh Jurymitglied). Eine Atmosphäre wie 3 Tage des Condors, mit Post-9/11-Politik und dunklem Hamburger Flair – Genrekino vom Feinsten!

Außerdem noch in Edinburgh im Programm:

  • Set Fire to the Stars: Schön schwarz-weißes Biopic über einen Literaturprofessor, der den berühmten Poeten Dylan Thomas auf einer Lesereise durch die USA betreut. Letzterer ist seines Zeichens immerhin Namenspatron für Bob Dylan, ersterer wird im Film von Elijah Wood gespielt, der auch mitproduzierte.
  • We Are Monster: Britischer Gefängnis-Psychothriller, basierend auf der wahren Geschichte des jungen rassistischen Mörders Robert  Stewart. Britische Edward Norton-Mischung aus American History X mit Primal Fear/Zwielicht.
  • Stray Dogs: Symbolische Familiengeschichte aus dem Wettbewerb von Venedig, in minutenlangen, starren Shots erzählt – nichts für Ungeduldige, aber wer kurz aufs Klo muss, verpasst wenigstens nichts!
  • Der Unfertige: Schräges 50 Minuten-Porträt eines 60-jährigen SM-Sklaven aus Sachsen namens Klaus aka Gollum – vom Deutschen Jan Soldat.
  • The Uprising: Youtube-Aufnahmen von verschiedenen arabischen Revolutionen der letzten Jahre, geschickt zu einer fiktiven 7 Tage Chronik der Massenproteste montiert. Subjektiv-shaky, aber kraftvoll.
  • Finding Vivian Maier: Kurzweilige Doku über die sensationelle Entdeckung einer der größten Street Photographers überhaupt. Zu Lebzeiten hat Vivan Meier kein einziges Foto veröffentlicht, nur durch Zufall ersteigerte der junge Co-Regisseur des Films John Maloof bei einer Hausratsauktion die abertausenden Negative und Filmrollen und versucht im Film dem mysteriösen Leben dieses heimlichen Foto-Genies auf die Spur zu kommen. Nicht nur für Fotografie-Interessierte!
  • Hide and Seek: Meilenweit entfernt vom koreanischen Thriller gleichen Namens aus dem Vorjahr ist dieser 15.000 Pfund-Debütfilm erstaunlich originell und konsequent. Thema: freie Liebe in einem englischen Landhaus zwischen zwei Frauen und zwei Männern, als sonnendurchflutete Utopie im US-Independent-Kamerastil gedreht und als Zusammenarbeit kurz nach der ersten Begegnung der britischen Regisseurin Joanna Coates mit ihrem jetzigen Ehemann, Autor und Schauspieler Daniel Metz aus den USA entstanden. Preis für den besten britischen Film!

In drei Monaten werden die Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Beim Filmfestival Edinburgh wurde bereits darüber diskutiert, wie die Filmindustrie mit dem jeweiligen Ergebnis umgehen soll. Egal wie es ausgeht: das Festival-Programm wird deswegen jedenfalls nicht kleinkariert werden. Edinburgh wird ein wichtiges B-Festival bleiben.

Marian Wilhelm
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