Ein Hologramm für den König – 85% Füllmaterial

by on 03/08/2016

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© Warner Bros./X-Verleih

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Das Plakat sieht für meine Begriffe ziemlich schick aus. Tom Hanks steht darauf im unglamourösen Anzug eines Vertreters mitten im Nichts. Darunter verkündet auf weißem Grund die minimalistische Typografie den Titel Ein Hologramm für den König, der zumindest für Nichtleser des zugrundeliegenden Romans von Dave Eggers wie mich irgendwie geheimnisvoll klingt. Offen. Wind lässt Hanks Krawatte flattern, er schaut fragend, und ich denke daran, dass man bei einem Film von Tom Tykwer so ziemlich alles bekommen kann: von spektakulärer Action-Inszenierung à la The International über zärtliche Beobachtungen wie in Drei bis hin zum öffentlich geförderten Gefälligkeitsschmu Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders.

Ich muss es leider sagen: das schicke Plakat führt in die Irre. Nicht, dass der Film überhaupt nicht hübsch wäre. Mit Sicherheit nicht sonderlich visuell virtuos, eher etwas uninspiriert, eben auch nicht anders als eine ordentlich gemachte Bausparwerbung. Die setzen ja heutzutage auch auf Emotion. In die Irre führt es vor allem deshalb, weil nicht wie auf dem Plakat Tom Hanks die Substanz ist, die die Leere der Wüste füllt. Viel eher ist Tom Hanks wie ausgehöhlt und sucht Erfüllung in einem fremden Land. Visiert man mit solchen Filmen ein weibliches Publikum an, gießt man noch eine Klangschale Esoterik über ihnen aus und nennt sie Eat, Pray, Love. Tom Hanks ist aber ein Mann, und deswegen kommt er in Ein Hologramm für den König auch selbstverständlich der Arbeit wegen nach Saudi-Arabien. Seine Firma hat eine neue Telekommunikationstechnik entwickelt, bei der Hologramme zum Einsatz kommen. Und weil der König der Saudis mitten in der Wüste eine neue Hightech-Stadt aus dem Boden stampfen will, muss er als guter Sales-Mann natürlich hin. Fehlt nur noch der König.

Die Idee wäre ja nun durchaus problembehaftet, aber doch auch irgendwie charmant, dass ein gestresster Geschäftsmann in der Wüste sitzt und auf einen nie erscheinenden König wartet, während sich die Welt weiterdreht. Es wäre eine Leere, mit der man leben könnte. Tom Tykwer hat jedoch den Anspruch, es nicht bei der Leere zu belassen. Wäre sein Film ein Postpäckchen, wäre es zu etwa 85% mit Füllmaterial vollgestopft. Nur leider nicht mit der guten Luftpolsterfolie zum Zerdrücken, sondern mit irgendwelchem labbrigen Pappkram. Klar ausgedrückt bedeutet das: wir bekommen sämtliche Privatbefindlichkeiten des Alan Clay in Flashbacks ausgebreitet: die Scheidung und das schwierige Verhältnis zu seiner Ex, das schlechte Gewissen gegenüber der eigenen Tochter, dem Vater, den Angestellten in seiner alten Firma, das Gefühl von Leere, die Angst vor körperlichem Versagen, womit man sich eben so rumschlägt. Es mag zynisch klingen, solche Probleme in einem Satz als Banalitäten abzuwatschen. Zynisch ist es aber eigentlich nur, sie als bloße Staffage für einen Film auszunutzen, ohne sich wirklich für sie zu interessieren – und sie dann aber doch so aufzubauschen, dass sie eine Umgebung suggerieren, aus der sich der arme Alan unbedingt befreien muss.

© Warner Bros./X-Verleih

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Das beginnt schon in der ersten Szene, in der Tom Hanks in aggressivem Werbesprech die Kamera anvisiert und dem Publikum entgegenschreit, was ihm alles verloren gehen kann: Haus und Auto verpuffen in lila Wölkchen und eine Frau keift mit wutverzerrtem Gesicht hinter ihm her. Ah ja, natürlich. Die böse Ehefrau, die ihn an seiner Entfaltung hindert. Glücklicherweise wartet in Saudi-Arabien schon eine exotische Schönheit (Sarita Choudhury), die unter ihrem Tschador viel weibliche Hitze und hinter ihrer anfänglich zurückhaltenden Art Zuneigung im Überfluss bereit hält.

Es scheint, als könne sich Tom Tykwer einfach nicht so recht entscheiden: ist Saudi-Arabien nun gut oder böse? Diese Frage ist natürlich sinnlos, Ein Hologramm für den König kennt aber nun mal nur einfache Wahrheiten. Zuerst gibt man sich noch viel Mühe, um den einreisenden Alan Clay als staunenden Neuankömmling zu inszenieren: Wow, in weiße Kleider gehüllte Männer, die auf ihrem iPad Rollenspiele zocken? Die sind ja hier gar nicht so anders als wir! Später dann ein kleines Mädchen, das gerüffelt wird, weil es Alan zu offen in die Augen sieht – Islamkritik abgehakt. Nun können wir wieder dazu übergehen, die Liebesgeschichte zwischen Alan und seiner weiblichen Ärztin zu zeigen – in einem Land, das die Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben so strikt praktiziert wie kein Anderes auf der Welt. Wie plausibel. Aber, ach, Plausibilität, da machen wir uns mal keine Sorgen. In einer Szene bläst Alan schließlich der Zigarettenqualm seiner skypenden Tochter in schönster Amélie-Manier aus dem Laptop-Monitor entgegen. Und die bedeutungsvolle Hologramm-Metapher haben wir auch! Wer solche verrückten Einfälle hat, braucht sich doch um Plausibilität nicht zu sorgen. Ein Hologramm für den König hüllt alles in eine fluffige Opiumwolke, fröhlich beschwingt, alles wird gut. Gefälligkeitsschmu, diesmal medienboardgefördert.

Kinostart: 28. April 2016

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