Eine kurze Geschichte der (Film)Zeit

by on 06/12/2014

Ich schreibe selbst als Filmkritiker, aber über Film schreiben heißt nicht zwangsläufig, dass man das nur im Form einer Kritik oder Rezension machen muss. Dies geht auch aus film- und medienwissenschaftlicher Sicht. In meiner Kolumne “Back To The Film Studies” will ich mich daher aktuellen aber auch nicht aktuellen Filmen, Serien und ganzen Genres widmen und hier einzelne interessante Aspekte aus film- und medienwissenschaftlicher Sichtweise beleuchten und besprechen.

Foto: Alan Cleaver / Titel: Time (Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Foto: Alan Cleaver / Titel: Time
(Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Als ich jüngst einen Blick auf meine Kolumne warf, fiel mir auf, dass ich schon seit einigen Monaten nichts mehr dafür geschrieben hatte. Da dachte ich mir, dass es wieder einmal an der Zeit wäre, einen Text dafür zu verfassen –  und warum nicht passend zum Thema Zeit?

Wie immer kann dieser Einblick auch nur an der Oberfläche kratzen, doch ich möchte anhand verschiedener Beispiele versuchen zu zeigen, was genau sich hinter dem Begriff Zeit im Film so alles versteckt und dabei auch ein paar andere filmwissenschaftliche Themen streifen. Bevor ich jedoch in die Materie eintauche, ist es sinnvoll, ein paar filmwissenschaftliche Begriffe zu erklären, die ich im weiteren Verlauf nutzen will.
Keine Sorge, nur ein paar Zeilen, der spannende Teil und die Beispiele kommen gleich danach.

Auf der einen Seite gibt es den Begriff „diegetisch“ und auf der anderen Seite den Begriff „nicht-diegetisch“.
Mit „diegetisch“ werden all die Elemente des Films beschrieben, die Teil des filmischen Universums der jeweiligen Geschichte sind. Somit sind all die Geräusche, die Orte und daher auch die Figuren Teil dieses Universums und daher diegetisch. Nicht-diegetisch sind hingegen all die Elemente, die nicht Teil dieses filmischen Universums sind, wie zum Beispiel die Filmtitel oder die bekannten Texteinblendungen der Art „20 Jahre später“. Letztere informieren zwar über das filmische Universum und die Handlung die dort stattfindet, sie sind jedoch nicht Teil dieses Universums.
Es gibt aber Fälle, in denen die Unterscheidung nicht immer so eindeutig ist oder sogar bewusst damit gearbeitet wird. Ein Fall ist die Filmmusik oder besser gesagt der Score wie zum Beispiel der „Raiders March“ aus den Indiana Jones-Filmen. Der Score ist eigentlich ein nicht-diegetisches Element, weil er nicht Teil des Universums der Figuren ist und diese ihn somit auch nicht hören können. Die Ausnahme bestätigt aber die Regel und somit gibt es auch Regisseure, die bewusst damit spielen. Ein sehr amüsanter Fall ist die Western-Parodie Blazing Saddles von Mel Brooks. In den ersten Einstellungen des Films sehen wir die Hauptfigur auf dem Pferd sitzen und wir hören die jazzige Filmmusik wie gewohnt als Score. Somit ein klassischer Fall, in dem die Filmmusik ein nicht-diegetisches Element ist. Doch als die Hauptfigur weiter durch die Wüste reitet, entdecken wir das Count Basie Orchestra, das genau die Filmmusik spielt, die wir kurze Zeit vorher noch als nicht-diegetisch empfunden habe. Somit wird die Filmmusik auf einmal zu einem diegetischen Element, beziehungsweise war sie es von Anfang an schon, auch wenn wir es nicht gemerkt haben.

Ich will es hierbei belassen. Wer aber mehr über diese beiden Begriffe erfahren will, dem empfehle ich den Text „Diegese, Diegesis, diegetisch: Versuch einer Begriffsentwirrung“ von Anton Fuxjäger, der bei Montage AV erschienen und im Netz als PDF verfügbar ist.

Als erstes Beispiel für das Thema Zeit im Film möchte ich mit meinen Lieblingsfilmen anfangen und zwar mit denen der Zurück in die Zukunft-Trilogie von Robert Zemeckis. Ich lasse hier und auch für anderen Beispiel unsere reale Zeit, also die, die wir jeden Tag leben, mal außen vor. Aber gehen wir nun für dieses Beispiel und für all die folgenden Beispiele von der allgemeinen Annahme aus, dass die Zeit – alle Quantenphysiker sollten sich mal kurz die Ohren zuhalten – eine Linie ist. Würde man daher im vorliegenden Beispiel all die Jahreszahlen aus der Trilogie nehmen und ihnen entsprechend Buchstaben zuweisen, würde folgendes Schema entstehen:

1885 (A) => 1955 (B) => 1985 (C) => 2015 (D)

Die Zeit verläuft entsprechend linear von A nach D. Wenn also Marty McFly im Verlauf des ersten Teils der Trilogie von 1985 ins Jahr 1955 reist, so bewegt er sich entgegen dem Zeitstrahl von C nach B. Da haben wir aber schon unseren ersten Unterschied, denn wir haben hier eigentlich schon zwei Arten von Zeit, die wir auch in den folgenden Beispielen wiederfinden werden. Ich möchte sie an dieser Stelle mal die diegetische und die nicht-diegetische Zeit nennen. Die diegetische Zeit ist die des filmischen Universums, in der Marty durch die Zeit reist. Die andere hingegen ist die nicht-diegetische Zeit des Films, die wir als Zuschauer erleben und die eben die Länge des Films ausmacht, also im Fall des ersten Teils der Trilogie einer Länge von circa 116 Minuten entspricht. Oder um es mal an einem haptischen Beispiel zu erklären: wenn der Film auf eine Filmrolle passen würde, würde diese nicht-diegetische Zeit enden, sobald die Rolle zu Ende ist. Während sich die diegetische Zeit verändern kann, wird die nicht-diegetische Zeit immer unaufhörlich und linear von 0 bis 116 Minuten verlaufen. Daher haben auch all die Veränderungen der Zeitlinie im filmischen Universum (wie zum Beispiel die alternative Zeitlinie im zweiten Teil) keinen Einfluss auf die unsere wahrgenommen nicht-diegetische Zeit des Films und schon gar nicht auf unsere gelebte Zeit.

Gehen wir nun einen Schritt weiter und werfen wir einen Blick auf Memento von Christopher Nolan aus dem Jahr 2000.
Hier haben wir neben der bereits erwähnten nicht-diegetischen Zeit auch wieder die diegetische Zeit, die eben dem Handlungsablauf, der erzählten Geschichte entspricht. Genau wie die nicht-diegetischen Zeit verläuft auch sie von

Anfang (A) => Ende (Z)

oder um es mal in Zahlen auszudrücken von 0 bis Minute 109. Erschwerend kommt in Memento noch hinzu, dass wir hier eine dritte Zeitlinie haben, die den Erinnerungen von Protagonist Leonard Shelby (Guy Pearce) entspricht. Auch sie ist diegetisch, jedoch verläuft sie rückwärts und somit von

Z => A

Sie trifft sich am Ende mit der anderen diegetischen Zeitlinie, die vorwärts verläuft. Tricky bei dieser Sache ist aber, dass diese rückwärts laufende Zeitlinie zwar de facto rückwärst läuft, die Erzählung zwar auf dramaturgischer Ebene beeinflusst, aber auf zeitlicher Ebene eigentlich keinen Einfluss auf die Geschichte, beziehungsweise den Verlauf der normal verlaufenden Zeitlinie hat.

Es ist nun an der Zeit, einen weiteren Knoten in das Gehirn zu machen und einen Blick auf Und täglich grüßt das Murmeltier von Harold Ramis und Edge of Tomorrow zu werfen. Auch in der Welt von Phil Connors alias Bill Murray verläuft die Zeit linear von

A => Z

doch an einem bestimmten Punkt der Zeitlinie, genauer gesagt am Abend des Murmeltiertags (nennen wir ihn mal M2), verlässt die Zeit ihren üblichen Verlauf und es beginnt eine Schleife, so dass die Hauptfigur wieder am Morgen des Murmeltiertags aufwacht (nennen wir ihn M1). Grafisch würde das wie folgt aussehen:

A => M1 => M2 => Z

Die Zeitschleife in der Phil Connors steckt, führt dazu, dass er, sobald er bei Punkt M2 angelangt ist, wieder zurück zu Punkt M1 springt und so eigentlich nie bis zum Ende Z kommen kann. Nur wenn er sich selbst und sein Verhalten gegenüber anderen ändert, kann er aus dieser Zeitschleife entkommen. Auch in diesem Fall gibt es mehrere Zeitebenen: die nicht-diegetische, die einer Länge von circa 101 Minuten, und die diegetische Zeit, die der Handlung entspricht. Genau wie in Memento hat auch die Zeitschleife in Und täglich grüßt das Murmeltier aber keinen Einfluss auf den zeitlichen Ablauf der Geschichte. Vielmehr müsste man sogar sagen, dass die Zeitschleife eigentlich nur die Figur Phil Connors betrifft, denn für all die anderen Figuren im Film ist es immer der gleiche Tag und sie wissen nicht, dass Connors ihn immer wieder aufs Neue erlebt.

Edge of Tomorrow von Doug Liman mit Tom Cruise in der Hauptrolle folgt einem ähnlichem Schema. Auch hier erlebt die Hauptfigur Major William Cage immer wieder den gleichen Tag: sobald er auf dem Schlachtfeld stirbt (E2), beginnt der gleiche Tag wieder von vorne (E1).

A  => E1 => E2 => Z

Es gibt aber einen kleinen und sehr interessanten Unterschied zwischen Und täglich grüßt das Murmeltier und Edge of Tomorrow, und der liegt in der filmischen Umsetzung der Zeitschleife.
In beiden Fällen vollzieht sich die Handlung innerhalb des kleinen, abgeschotteten Universums der Zeitschleife. Während aber Phil Connors mehr oder weniger immer die gleichen Handlungen ausführt, immer die gleichen Personen trifft, immer irgendwie auf der Stelle tritt und der Schlüssel zum Entfliehen eigentlich in ihm selber steckt, geht – beziehungsweise muss William Cage in Edge of Tomorrow weiter gehen, um aus der Schleife zu entfliehen. Er ist wie eine Spielfigur in einem Videospiel, die umgebracht wird bevor sie zum Endgegner kommt. Sie schafft es nicht, ins nächste Level zu geraten und kratzt dabei immer am Rand dieses nächsten Levels, dieses neuen Tages. Die Genialität von Edge of Tomorrow ist, dass er zwar immer in dieser Zeitschleife bleibt, Cage aber jedes Mal einen Schritt weiter kommt und der Film durch den Schnitt somit immer mehr und mehr von der Handlung dieses scheinbar nicht mehr enden wollenden Tages erzählt, die Handlung immer weiterführt und somit die Zeitschleife bis zum Endgegner ausdehnt.

Am Ende noch ein sehr interessantes Beispiel: das Langzeitexperiment Boyhood von Richard Linklater aus dem Jahr 2014.
Hier haben wir auch wieder die nicht-diegetische Zeit und nicht die diegetische Zeit, die in diesem Fall von 0 bis Minute 163 dauert. Hinzu kommt aber noch eine dritte Ebene – und zwar die der Zeit von 12 Jahren, die der Film darstellen will. Es ist klar, dass diese 12 Jahre nicht durchgehend gezeigt werden können. So werden die verschiedenen Lebensabschnitte von Mason (Ellar Coltrane) und Samantha (Lorelei Linklater) durch Schnitte verbunden. Als Zuschauer nehmen wir das genau so an, wie wenn eine Person in einer Einstellung zur Haustür herein geht und in der nächsten Einstellung schon vor der Wohnungstür im 5. Stock steht. Denn wir wissen, dass diese nicht geflogen sein kann und die Distanz im kinematographischem Off gemacht hat.

Das Interessante an diesem Beispiel ist aber, dass sich in Boyhood die nicht-diegetische Zeit und diegetische Zeit auf eine sehr seltene Art berühren und gegenseitig bedingen. Da der Film über 12 Jahre gedreht wurde, das Leben der beiden Schauspieler begleitet und diese sich auch immer selbst in den verschiedenen Altersabschnitten darstellen, entsprechen die 12 Jahre die der Film zeigen will (diegetische Zeit) auch den realen 12 Jahren, in denen die Schauspieler um 12 Jahre gealtert sind. Und in beiden Fällen erfahren wir nichts über die Abschnitte der 12 Jahre, die aus Platzgründen nicht in den Film gepackt wurden.

Wie Anfangs erwähnt, habe ich nur an der Oberfläche gekratzt, doch ich hoffe, ich habe einen kurzen und interessanten Einblick geben können. Die Komplexität der Diskussion über Zeit im Film besteht darin, dass sie eigentlich nur selten von der Geschichte, also der Dramaturgie des jeweiligen Films getrennt werden kann, denn in den meisten Fällen wird die Zeit oder genauer gesagt das Ablaufen der Zeit erst durch das Ablaufen der Handlung ermöglicht, so dass das Eine oft das Andere bedingt. Und auch wenn selbst ich am Ende dieses Textes einen kleinen Knoten im Gehirn habe, finde ich es jedoch immer wieder interessant, über das Thema Zeit nachzudenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.