Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

by on 11/19/2014
© Neue Visionen

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Ich sehe in regelmäßigen Abständen Filme aus Skandinavien und irgendwie scheinen sich die Macher darin nicht gerade mit Lob für ihre Heimatländer zu überschlagen. Schweden, Dänemark und Co erscheinen dann nicht selten als Orte ohne Sonnenschein, dafür aber perfekt organisiert, unterkühlt und überreguliert. In 1001 Gramm vereinsamt eine norwegische Forscherin beim Brüten über dem Prototypen des Kilogramm, in Ruben Östlunds Play verstößt eine falsch abgestellte Wiege gegen die Regeln zur Gepäckablage im Zug nach Göteborg und im Nachfolgefilm Höhere Gewalt kann auch der fortgeschrittene gesellschaftliche Diskurs die emotionalen Probleme eines schwedischen Ehepaars nicht lösen.

Ich persönlich halte es in meinem durchaus sympathisierenden Blick auf Skandinavien ja ganz gern mit der Band Die Ärzte, die einst in einem sehr beschwingten Lied sang: „Wie gerne würd‘ ich jetzt in Schweden sein / Weil jeder Schwede lacht und singt / und pausenlos das Tanzbein schwingt / bei vierzig Grad und Sonnenschein“. Mit weniger brachialer Ironie, dafür aber mit knäckebrotiger Trockenheit geht Roy Andersson ans Werk, der mit seinem Film Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach seine Trilogie über das Menschsein beendet. Und was gehört zum Menschsein nun einmal unausweichlich dazu? Der Tod. Drei Begegnungen mit dem Lebensende sind es denn auch, die als eine Exposition in das Filmgeschehen einführen. Ein Mann erleidet einen Herzinfarkt beim Entkorken einer Weinflasche, eine alte Frau im Hospiz will unbedingt die Tasche mit ihren Reichtümern mit in den Himmel nehmen, ein Mann fällt auf einer Fähre tot um und sein noch nicht angerührtes Essen bleibt stehen. Es sind Situationen, völlig aus jeglichem Kontext gerissen, die uns die Trivialität des Menschseins vor Augen führen. Was machen wir zu Lebzeiten einen Wind um den Tod, ängstigen uns, sparen für eine pompöse Beerdigung und malen uns das Leben danach aus – und dann passiert es in einer stillen Ecke wenn gerade keiner guckt, die Ehefrau beschäftigt in der Küche steht oder die Nachkommen nur die Verwaltung des Erbes interessiert.

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Die Exposition legt die Stimmung fest, in die wir im weiteren Verlauf von Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach eintauchen. Für seine Verhältnisse verfolgt der Regisseur Roy Andersson hier eine ungewöhnlich straff organisierte Geschichte. Er erzählt von zwei glücklosen Verkäufern von Scherzartikeln (Holger Andersson und Nils Westblom). Die beiden Laurel und Hardy-Figuren ziehen mit Lachsäcken, Vampirgebissen und Schreckmasken durch die Läden der Stadt und wollen den Menschen beim Lachen helfen, das betonen sie immer wieder. Nur haben sie dabei selbst nicht allzu viel zu lachen, denn kaum jemand ist an ihren Produkten interessiert, die wenigen Käufer zahlen nicht pünktlich und sie selbst hausen in einer heruntergekommenen Absteige. Immer wieder weben sich aber auch andere Handlungsstränge in den Film ein: eine Flamencolehrerin kann mit ihren Gefühlen für ihren jungen Tanzschüler nicht hinter dem Berg halten, Soldaten in einer alten Göteborger Kneipe zahlen ihre Schnäpse mit Küssen für die Wirtin und der stolze König Karl XII. zieht in die blutige Schlacht von Poltawa.

Es sind die alltäglichen Lebensmittelpunkte der Menschen, die sich Roy Andersson vorgenommen hat – die Arbeit, Begierden und Beziehungen, die Unterhaltungsindustrie, Politik und der gesellige Feierabend in der Kneipe – und die er in seinem Film weniger auseinandernimmt als vielmehr auf ihren banalen Kern eindampft: die Eintönigkeit des Seins und unseren nichtsdestotrotz drängenden Wunsch, das Beste daraus zu machen. Sein Ziel erreicht der Regisseur dabei nicht nur durch seine Erzählung, sondern auch durch seinen visuellen Stil. Seine Bilder sind zugleich flächig und von dynamischer Tiefe. Die digitale Aufnahmetechnik radiert jede Unschärfe aus, dafür komponiert Andersson seine Sets aber virtuos in die Tiefe. Meist blicken wir nicht nur auf zwei Figuren in einer Kulisse, sondern gleichzeitig auch noch durch Fenster oder offene Türen, in hintergründige Landschaften oder weitere sich eröffnende Räume. Tatsächlich gibt es in den Bildern so viel zu entdecken, dass sich der Film trotz der langsamen Erzählweise kaum in die Länge zieht. Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach mag vielleicht das Menschsein erforschen und abstrahieren; einen Anspruch auf dokumentarischen Realismus, pessimistische Anklage oder Allgemeingültigkeit stellt er aber nicht. Roy Andersson zeigt uns zwar ebenfalls einen grauen und überregulierten Norden, aber er hat auch durchaus seinen Spaß an dieser Beobachtung. Auch er scheint vom Schweden zu erzählen, der bei vierzig Grad und Sonnenschein lacht und singt und pausenlos das Tanzbein schwingt.

Kinostart: 01. Januar 2015

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