Einfach das Ende der Welt – Ein Familiendrama als Farbstrudel

by on 12/19/2016

Flattr this!

© Weltkino Filmverleih

© Weltkino Filmverleih

Louis (Gaspard Ulliel) schaut aus dem Autofenster. Neben ihm lässt sein älterer Bruder Antoine (Vincent Cassel) eine seiner berüchtigten Tiraden vom Stapel. Es hat keinen Sinn ihm ins Wort zu fallen. Und so schaut Louis einfach aus dem Fenster, während Antoine das Auto immer schneller durch die grüne Provinz steuert. Auf den Scheiben reflektiert rast die Umwelt an ihm vorbei, die verwaschenen Schemen von Bäumen, Strom-Masten, Gebäuden, dem Himmel.

Louis, der Theaterautor, war seit zwölf Jahren nicht mehr zuhause. Nun ist er heimgekehrt, sterbenskrank. Um seiner Familie zu sagen, dass der Tod kommen wird, unausweichlich. Mit Einfach das Ende der Welt hat Xavier Dolan auf dem Filmfestival von Cannes im Mai 2016 den Grand Prix der Jury gewonnen, den zweitwichtigsten Preis. Und zugleich wurde er von einem Großteil der Kritik böse verrissen, ohne das je so richtig klar wurde, wieso eigentlich. Außer für den Punkt, dass er trotz seines jungen Alters bereits seinen Stil gefunden zu haben scheint. Einfach das Ende der Welt ist eigentlich ein Theaterstück, das der AIDS-kranke Jean-Luc Lagarce geschrieben hat. Ein Stück über die unmögliche Kommunikation zwischen Familienmitgliedern. Über Konflikte, die sich in jahrelanger intimster Koexistenz aufgebaut und in jahrelanger Abwesenheit und Entfremdung vertieft haben. Ein Stoff, der nach erklärenden Dialogen schreit. Völlig unfilmisch.

So reduziert wie dieser neue Film daherkommt, erscheint es beinahe als logische Konsequenz, dass er nach dem Meisterwerk Mommy einen schweren Stand haben muss. Einem Film voller Ornamente, der wirklich alles Erdenkliche auffuhr, bis hin zur Anpassung des Bildformats an den Gefühlszustand seiner Figuren. Einfach das Ende der Welt schließt eher an den ebenfalls minimalistisch inszenierten Thriller Sag nicht, wer du bist an, der mit der Rückkehr seines Protagonisten in die Stadt endete, mit einem unfokussierten Blick auf Montréal. Hier lernen wir nun Louis im Flugzeug sitzend kennen. Im Moment seiner Ankunft nimmt die Kamera seine Perspektive ein, findet ebenfalls keinen Fokus mehr. Farben, Konturen verschwimmen. Es ist die Art, wie Louis, der Autor, der Künstler, die Welt wahrnimmt. Als einen nie versiegenden Strudel aus Farben, Texturen und Formen, der alle Bedeutung generiert.

© Weltkino Filmverleih

© Weltkino Filmverleih

Damit trifft er auf Menschen, die sich über ihre Jobs austauschen wollen, über die Kinder und das Wetter. Sein großer Bruder, zerrissen zwischen Minderwertigkeitskomplexen und zu hohem Verantwortungsgefühl. Seine rehäugige Ehefrau Catherine (Marion Cotillard), allein gelassen mit ihrem Bedürfnis nach Harmonie. Die kleine Schwester Suzanne (Léa Seydoux), ganz klein in grenzenloser Vergötterung ihres abwesenden Bruders, hungernd nach seiner Anerkennung. Und schließlich Nathalie Baye als typische Dolan-Mutter mit schrillem Make-up und altmodisch glamourösem Stil, bei der die Einzelteile kein bisschen passen und im Zusammenspiel doch ein seltsam konsistentes Gesamtkunstwerk ergeben. Die mütterlich-naiv wirkt und am Ende doch viel mehr versteht als gedacht.

Es ist Xavier Dolans Verdienst und Zeichen seiner Reife als Filmemacher (vielleicht auch Privatperson), dass sich die grundlegenden, so verworrenen und intimen Konflikte in Einfach das Ende der Welt so schnell erschließen. Dass der dialoglastige Theaterstoff bei ihm zu einem rein filmischen, sinnlichen Erlebnis wird. Dass die wabernden Silhouetten von Bäumen auf einem Autofenster nicht nur visuelle Zugabe sind, sondern ganz beiläufig Figuren, ihre Weltsicht und ihr Menschenbild konturieren. Genau wie die zahlreichen Groß- und Detailaufnahmen, an denen sich Dolan hier erstmals in dieser Intensität versucht. Die Musik, die in den richtigen Augenblicken das Gespräch zu überlagern scheint, so wie das Jeder kennt, der den Eindruck erweckt, als könne er gut zuhören. Der aber die meiste Zeit abdriftet und sich wieder auf das Zusammenspiel von Farben, Texturen, Klängen konzentriert. Alles wäre manchmal so viel einfacher, wenn Menschen nicht reden könnten.

Kinostart: 29. Dezember 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 1+2=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.