Eisenstein in Guanajuato – Scheiße, Kotze und wedelnde Schwänze

by on 02/12/2015

Mit seiner Attraktionsmontage wollte der Russe Sergej Eisenstein ein Ganzes entstehen lassen, dass mehr als die Summe seiner Teile ergibt. Ein Bild plus ein zweites Bild sollte also ein drittes Bild ergeben. Peter Greenaway zeigt in seinem Film von vornherein drei Bilder. Nebeneinander stehen sie und machen damit schon die Ankunft des Regisseurs in der mexikanischen Stadt Guanajuato zum Ereignis.

Der Name ist hier nämlich Programm: Eisenstein in Guanajuato erzählt davon, wie der sowjetische Vorzeigeregisseur 1931 nach seinen drei großen Erfolgen – Streik, Panzerkreuzer Potemkin und Oktober – den Plan fasste, den monumentalen Film Que Viva Mexico in eben jenem titelgebenden Städtchen zu drehen. Oktober trug in Amerika im Übrigen den Titel 10 days that shook the world. Greenaways Film, das sind die 10 days that shook Eisenstein. Statt produktiv an der Entstehung eines neuen Meisterwerks zu arbeiten, interessierte sich der Filmemacher nämlich viel mehr für seinen mexikanischen Tourguide Palomino Canedo (Luis Alberti), mit dem er erstmals seine Homosexualität ausleben kann.

© Berlinale

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Die Sache mit der Attraktionsmontage nimmt Peter Greenaway in seinem Film übrigens wörtlich: er ist eine einzige Attraktion. Allerdings stehen dem Filmemacher heute wesentlich mehr Mittel zur Verfügung als den Regisseuren der 1920er Jahre, und so bedeutet Montage hier (wie es das Wort ja eigentlich auch meint) viel mehr als einen aufwendigen Schnitt. Greenaway wartet mit konventionellem Handwerk auf, greift aber auch tief in die digitale Trickkiste. Bei ihm werden die Bilder durch mehrfache Splitscreens fragmentiert, durch Kamerafahrten und Schwenks, durch unablässiges Umkreisen der Figuren oder durch Bildelemente wie breite Säulen. Er biegt geradezu die gezeigte Architektur durch extreme Weitwinkelaufnahmen, stellt seine Darsteller offensichtlich vor den Greenscreen oder lässt durch die HDR-Technik surreal überdrehte Farbwelten entstehen. Er macht Sergej Eisenstein fit für das 21. Jahrhundert.

Das ist nicht nur für VFX-Nerds interessant, sondern auch für den Laien sehr unterhaltsam. Zum abwechslungsreichen Stil gesellt sich das umwerfende Charisma des Eisenstein-Darstellers Elmer Bäck, der mit seiner gedrungenen Figur und der explodierten Frisur aussieht wie ein Clown, und die für Peter Greenaway typische Körperlichkeit, die sich mal in Morbidität, mal in schreiendem Witz manifestiert. Eisenstein in Guanajuato ist voll von Scheiße, Kotze und fröhlich in der Gegend herum wedelnden Schwänzen – und man mag es kaum für möglich halten, aber das sieht toll aus.

Es stellt sich nun natürlich die Frage, ob auch bei Peter Greenaway das Ganze mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Und tatsächlich scheint anfangs die Gefahr zu bestehen, dass der Film unter seinem künstlichen Stil zusehends verschwindet. Die Angst erweist sich jedoch als unbegründet. Auf der stilistischen sowohl als auch auf der narrativen Ebene kämpft ununterbrochen Eros gegen Thanatos und irgendwann kommt unter diesem Konzept mehr und mehr der Mensch zum Vorschein. Eisenstein selbst ist überrascht von dieser Wandlung. Und der Zuschauer ist überrascht von dem aussagekräftigen Reichtum des Films. So sehr, dass ich mir wünschte, vor der Sichtung nicht nur ein wenig mehr Kaffee getrunken zu haben, sondern auch mehr Hintergrundwissen angehäuft zu haben. Aber eigentlich ist das gerade das Schöne: Eisenstein in Guanajuato funktioniert auf intellektueller sowohl als auf emotionaler Ebene oder auch schlicht als clevere Unterhaltung. Ein Film zum immer wieder sehen und immer mehr entdecken. Schon allein wegen der schönsten, romantischsten und gleichzeitig witzigsten und intellektuellsten analen Entjungferungsszene der Filmgeschichte.

Eisenstein in Guanajuato auf der offiziellen Berlinale-Website

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