El Clan – Kritik und Fragen an Pablo Trapero

by on 03/02/2016

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© filmcoopi

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Das Leben schreibt die besten Geschichten. Die Geschichte des kolumbianischen Drogen-Zars Pablo Escobar in Narcos zum Beispiel, der im Prinzip nach Lust und Laune morden konnte. Aber Kolumbien ist nicht das einzige südamerikanische Land mit einer Geschichte reich an Abstrusitäten. El Clan von Pablo Trapero dramatisiert das Leben einer argentinischen Familie, deren primäres Einkommen der Patriarch durch Entführungen zustandebringt. Die Charakterstudie dieser Familienverhältnisse zeigt auch, wie durchlässig gutes mittelständisches Verhalten für die größten Grausamkeiten ist. El Clan schlug in Argentinien ein wie eine Bombe und wir und einige andere Blogs haben neben einer Kritik auch die Gelegenheit bekommen, Pablo Trapero selbst ein paar Fragen zu stellen (Mini-Interview und Kooperationslinks unten).

Wer die Geschichte nicht kennt, wird von El Clan ein bißchen ins kalte Wasser geworfen. Um einen kurzen Abriss zu geben: Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) ist ein Familienvater in San Isidro, einem Vorort von Buenos Aires. Die mittelständische Familie droht ihren Status zu verlieren, als Arquímedes aus dem Geheimdienst gefeuert wird. Den Gedanken kann dieser nicht verkraften und beginnt ein lukratives Geschäft: Die Entführung berühmter Menschen mit Lösegeldforderung. Die Familie nimmt dies stillschweigend in Kauf und Sohn Alejandro (Peter Lanzani), genannt Alex und pikanterweise hauptberuflich ein aufsteigender Rugby-Spieler, macht auch noch mit. Das „Familienglück“ wird erneut gefährdet, als Argentinien im Jahr 1983 wieder demokratisch wird und Arquímedes seine Beziehungen in der Politik und dem Militär spielen lassen muss. Trotz seiner Bemühungen droht der „Clan“ aufgrund der moralischen Bedenklichkeit zu zerfallen und sein Geschäftsmodell aufzufliegen.

Wie gesagt: Die besten Geschichten schreibt das Leben. Es ist kein Wunder, dass Pablo Trapero selbst lange von den Verbrechen der Puccio-Familie fasziniert war. Seine schon lange andauernden eigenen Recherchebemühungen, die auch Interviews mit Familienangehörigen von Opfern mit einschließen, verleihen dem Familiendrama ein solides Fundament.

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Es ist aber natürlich insbesondere die Beziehung zwischen Vater und Sohn, die El Clan untersucht. Und hier glänzt El Clan mit Gegensätzen: Arquímedes Puccio ist der kalte, kalkulierende Patriarch, Alejandro Puccio der warme, leidenschaftliche und naive Jüngling. Das äußert sich vor allem auch in Äußerlichkeiten. Alejandro mit seinen Locken, seinem leicht puffigen Äußeren und den Sportklamotten. Arquímedes mit seinem Gesicht, dass ausgenommen der Wutausbrüche wie aufgesetzt wirkt, als sei es nicht mit den Nerven und Muskeln darunter verbunden. Besonders deutlich wird dies in einer Sequenz, in der eine Auto-Sex-Szene von Alejandro, die gegengeschnitten wird mit der Arquímedes Planung eines besonders abgebrühten Verbrechens. Die Interessen der beiden könnten nicht unterschiedlicher sein und sind gegenläufig (zum Beispiel bei der Entführung eines Team-Kollegen von Alex), aber dennoch ist klar, dass der Patriarch sein Handwerk weitergeben will. Und wenn es ins Disaster führt.

Die bedrohliche Präsenz von Arquímedes Puccio in El Clan ist Guillermo Francella geschuldet. Ich kannte ihn zuvor nicht, aber in Argentinien ist er insbesondere für Komödien bekannt. Das lässt sich an seiner Rolle in El Clan nicht ablesen und ließ mich durch den Kontrast an Steve Carell in Foxcatcher denken. Trotz eines insgesamt sehr gut besetzten Casts sind es dementsprechend Francella und Peter Lanzani, die den Film darstellerisch tragen und definieren.

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Neben Plot und Darstellern hat El Clan aber einige andere interessante Eigenheiten: Der Soundtrack ist ähnlich eklektisch ausgewählt wie der eines Tarantino-Films und wird oft eingesetzt, um die Grausamkeit durch Kontrastbildung zu verschärfen und mit einer großzügigen Portion schwarzem Humor zu versehen. Daneben setzt Pablo Trapero einige Tracking-Shots ein (einer davon im Trailer), um eben solche Effekte hervorzurufen, was dem Film eine gewisse Nonchalance verleiht und an die Lässigkeit der Gangsterfilme Martin Scorseses oder wie erwähnt Quentin Tarantinos erinnert.

Wenn ich nun sagen würde, dass El Clan damit ein typischer Hollywood-Film ist, müsste ich lügen. Das ist dieser für Pablo Trapero übrigens (bisher) sehr untypische Film nicht. El Clan ist vielmehr so etwas wie eine argentinische Zusammensetzung teils Hollywood-artiger Stilmittel. Und das gibt dem Film nicht nur eine ungemeine Unterhaltsamkeit, sondern gleichzeitig etwas Bodenständiges. Gerade von letzterem kann sich Hollywood eine gehörige Scheibe abschneiden.

3 Fragen an Pablo Trapero:

Die Treibkräfte dieser Verbrechen, Arquímedes Puccio und Alejandro Puccio, sind bereits verstorben. Hatten Sie bei Ihren Recherchen eine Chance, mit ihnen zu sprechen. Wenn nicht, wie war es, den Film ohne ihren eigenen, selbstgegebenen Standpunkt zu drehen?

Als das Projekt erstmals angekündigt wurde (2012) war Arquimedes Puccio noch am Leben und in ein paar Interviews hat er Journalisten gesagt, dass er mir die wahre Geschichte erzählen will und dass er unschuldig in jeder Hinsicht ist. Während ich in Indien für ein Projekt recherchierte, starb Arquimedes. Alejandro war auch schon tot. Wir mussten unsere eigenen Nachforschungen machen. Ich sprach mit Freunden der Familie, Rugby-Teammitgliedern, die teilweise immer noch seine Unschuld verteidigten, Anwälten, Nachbarn… wir konstruierten das Skript unter Berücksichtigung aller Informationen aus den gerichtlichen Akten und den Zeugenaussagen der Opfer und Verwandten.

Fragen an Pablo Trapero auf DIE NACHT DER LEBENDEN TEXTE

Fragen an Pablo Trapero auf Kino7

Fragen an Pablo Trapero auf We Want Media

Fragen an Pablo Trapero auf Myofb.de

Kinostart: 3. März 2016

Pressespiegel auf film-zeit.de

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