Elle – „Das war es, was du wolltest“

by on 02/06/2017

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© MFA+FilmDistribution

Paul Verhoevens Elle beginnt mit einer anthrazitfarbenen Katze, die bernsteinäugig auf eine Quelle unkontrollierten Stöhnens starrt. Kurz darauf ist schon der Mann in der schwarzen Strumpfmaske zu sehen, der Michèle (Isabelle Huppert) auf dem Parkett ihres Esszimmers niederdrückt und sie vergewaltigt. Verhoeven, der seit dem 2006er Historiendrama Black Book keinen Film mehr in die Kinos gebracht hat, tritt mit Elle der Altersmilde sowohl als auch der political correctness schwungvoll ins Schienbein: der Skandalfilmemacher aus den polarisierenden Zeiten von Starship Troopers oder Basic Instinct ist alive and kicking.

Wäre Elle ein Video, das auf Facebook geteilt würde, stünde groß „TRIGGERWARNUNG“ darüber. Aber Verhoeven warnt nicht, bevor er verwirrt und verstört. Der Film ist nicht darauf aus (oder gar darauf angewiesen) aus dem Vergehen an seiner Protagonistin nur einen Schauwert zu schlagen. Aber die Entscheidung für größtmögliche Drastik ist für das Kino ein Glücksfall. Gerade für das Französische, das uns jedes Jahr unzählige Wohlfühlkomödien beschert, in denen etwas neurotische Figuren in schicken Wohnungen sitzen und mit der sich um sie drehenden Welt hadern. Bruno Dumont parodierte diesen Biedermeier dieses Jahr in Die feine Gesellschaft, in dem er all die Absurdität auf die Spitze trieb. Paul Verhoeven hat einen anderen Weg gewählt. Auch bei ihm gibt es die schicken Appartements der Bourgeoisie, wie aus dem Schöner-Wohnen-Magazin. Darin all diese bedürftigen Menschen: Michèles zwanghaft jung gebliebene Mutter, die das Geld für Schönheits-OPs und Callboys aus dem Fenster schmeißt. Ihr verzogener Sohn, der auf das Geld der Mutter hofft, um seine schwangere Freundin durchzubringen. Der Exmann, der sie noch immer mit sehnsuchtsvoll feuchten Dackelaugen ansieht. Die jungen Mitarbeiter vom Typ Manbun-Träger, die ohne Michèles hartes Durchgreifen keinen Fuß vor den Anderen kriegen.

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Inmitten all dieser Verstrickungen steht nun Isabelle Huppert – und man könnte sich keine andere Darstellerin für die Rolle der Michèle vorstellen. So viel stoische Kraft strahlt dieser zierliche Körper aus, so viel Entschlossenheit das Gesicht. Manchmal ein amüsiertes Zucken der Mundwinkel, manchmal milde Überraschung, auch eine angespannte Wachsamkeit. Aber eigentlich nie Angst. Weil sie gelernt hat, dass für die Menschen in ihrer Umgebung ihre Bedürfnisse ohnehin nicht zählen, verlässt sie sich auf niemand anders als sich selbst. So wird Elle zu einem introvertierten Rape-and-Revenge-Movie. Michèles Waffen sind ihr scharfer Verstand, ihr schwarzer Humor, ihre Art, unbemerkt jene zum Narren zu halten, die ihr mit selbstverständlicher Arroganz gegenübertreten. Den Sex mit ihrer Affäre lässt sie bewegungslos über sich ergehen und als er hinterher (im Wissen um ihre Situation) ächzt: „Das war großartig. Wie bist du darauf gekommen dich totzustellen?“, antwortet sie trocken: „Das war es, was du wolltest.“

Dass Elle bei den Oscar-Nominierungen für den besten fremdsprachigen Film übergangen wurde, ist bei aller Irrelevanz der Academy Awards skandalös. Wo bei herkömmlichen Rape-and-Revenge-Movies auf die initiierende Untat zwei klar voneinander abgrenzbare Stadien folgen – die Erholung und Ermächtigung der weiblichen Hauptfigur, gefolgt von der Rache am Täter – verwischt Paul Verhoeven diese Phasen nicht nur bis zur völligen Auflösung. Mit einer einzigen Handbewegung wischt Michèle das Blut beiseite, das das Schaumbad über ihrer Körpermitte einfärbt. Verhoeven legt auch unentwegt Spuren in die unterschiedlichsten Richtungen, die uns Zuschauer herausfordern, in die Irre führen. Opfer und Täter, Straftat und Spiel, Angst und Lust, Verweigerung und consent, Aktion und Reaktion, nichts ist am Ende noch zuordenbar. „Kein Schamgefühl ist so stark, dass es uns an irgendwas hindern würde,“ stellt Michèle fest. Elle verweigert sich gegenüber klaren Interpretationen und er macht es Zuschauern nicht leicht, die gern aus dem Kino kommen, mit dem sättigenden Gefühl, einen Film zur Gänze verstanden zu haben.

Kinostart: 02. Februar 2016

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