End of Watch

by on 03/29/2013

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© Universal

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Wackelnde Handkameras und Found-Footage-Formate sind eine Pest. Ich werde nie verstehen, wieso solcherlei Filme immer noch Erfolg haben. Warum sich jemand überhaupt für eine solche ausdrucksarme, pseudoauthentische Art der Inszenierung entscheidet (Geld dürfte ein Faktor sein). End of Watch ist aber glücklicherweise kein Paranormal Activity sondern eher eine Art Chronicle. Bei letzterem Antiheldenfilm war das Medium eher Beiwerk, vermutlich, um einen Hype zu erzeugen (was funktionierte) und auch End of Watch lässt die wackelnden Bilder schnell hinter Plot und Darstellern verschwinden, wo sie tatsächlich Sinn ergeben. Der Text enthält ab dem dritten Absatz leichte SPOILER.

In End of Watch geht es um die beiden Polizeikollegen und besten Freunde Brian (Jake Gyllenhaal) und Miguel (Michael Peña), die für das Los Angeles Police Department Streife fahren. Die beiden gehören zu den erfolgreichsten der Truppe, lösen progressiv schwierige Konfliktsituationen mit oder ohne Gewalt und lieben ihren Job. So sehr, dass Brian das Ganze für ein Filmprojekt aufnimmt. Obwohl sie sich täglich optimistisch und auf unorthodoxe Art und Weise auf die lebensgefährliche Slum-Umgebung einlassen, führen beide ein ausgefülltes Leben. Miguel lebt verheiratet mit seiner Frau zusammen und Brian führt eine im Laufe des Films immer inniger werdende Beziehung zu seiner Freundin Janet (Anna Kendrick). All das ändert sich langsam, als eine Gruppe gnadenloser Killer aus dem örtlichen Drogen- und Waffenkartell sich zum Ziel setzt, die beiden von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Der Film lebt von den Gesprächen und der „Bromance“ zwischen Brian und Miguel. Ob sie über Beziehungen oder das nächste domestische Problem reden: Es macht einfach Spaß, ihnen zuzuhören. Auch wenn sie wohl etwas blind und überoptimistisch gegenüber den Problemen ihres Jobs sind, wirken die Dialoge natürlich, als würden Jake Gyllenhaal und Michael Peña auch im wirklichen Leben so miteinander reden. Und so überstehen sie auch die aberwitzigsten Situationen als Helden. Die meisten Momente in End of Watch lassen sich als „Oh mein Gott, haben sie das gerade wirklich getan?“ charakterisieren. Zusammen brechen die beiden in Problemhäuser ein oder werfen sich selbstlos in ein brennendes Haus. Einmal boxt Miguel mit einem riesengroßen Gangster, einfach nur, um seine Ehre zu beweisen. Gerade dieser Ansatz, den Gangstern und Kleinkriminellen auf einer Art autoritären Augenhöhe zu begegnen, macht sie so sympathisch.

Am meisten faszinierte mich bei End of Watch aber die Fähigkeit von Regisseur David Ayer, der passenderweise auch das Drehbuch zu Training Day schrieb, mich in die Irre zu führen. Am Inhalt und den kleinen Episoden, die ich im dritten Absatz angerissen habe, fühlte ich mich in Sicherheit gewogen: Miguel und Brian wirken unverletzlich, als würden sie durch die große Action-Plotmaschine beschützt. Wir bemerken dagegen aber ständig, dass etwas aufgebaut wird. Die verschiedenen Gewaltakte der Killer und schließlich der Auftrag, etwas gegen die beiden Polizisten zu unternehmen. Die Tatsache, dass sich Miguel und Brian in Dinge einmischen, die für sie scheinbar zu groß sind. Die Topf-und-Deckel-Chemie von Jake Gyllenhaal und Michael Peña. Schlußendlich noch Gespräche über die Zukunft mit Kindern und allem, was für die beiden Cops zum Glück dazugehört. Die Angst steigt, dass all das nur aufgebaut wird, um es beim Finale mit maximaler Emotionalität gegeneinander zerbersten zu lassen. Gleichzeitig haben wir aber gesehen, dass Miguel und Brian die gefährlichsten Situationen souverän, wenn auch nicht unverletzt, überstehen können. Was ist am Ende stärker?

Womit ich auch etwas zum Format sagen muss. Zwar wird der Film mit verschiedenen Kameras aufgenommen (Handkamera, Überwachungskamera im Polizeiauto etc.), aber trotzdem gibt es immer wieder Momente, die von einem Kameramann gefilmt worden sein müssen. An bestimmten Stellen geht es eben nicht anders. Die Hand- und Überwachungskameras werden wegen dieser Inkonsequenz so langsam von einem Gimmick zu einem filmischen Statement: Ihr seht einen Actionfilm mit übertriebenen Situationen und fast unmöglichen Glücksfällen. Aber täuscht euch nicht, die Realität sieht anders aus. So einfach ist es nicht.

So habe ich es zumindest interpretiert. Im Prinzip ist alles vor dem Finale in End of Watch nur der kontinuierliche Aufbau für dieses. Die idealistische Unbesiegbarkeit der beiden wird abgebaut, während die Gewalt im Film zunimmt. Und kurz vor dem Ende wusste ich dann tatsächlich nicht mehr, was mit Miguel und Brian passieren wird. In diesem Sinne ist End of Watch ein wirklich innovativer Film, der verschiedene Action- und Cop-Film-Klischees auseinandernimmt und es als typisches Beruhigungs- und Heldenbilderkino gegen die Realität abwägt, aber ohne sich selbst als Realität zu bezeichnen. Denn die ist in Los Angeles nicht so leicht zu bewältigen, wie es am Anfang des Films wirkt.

Eine noch bitterere Note erhält End of Watch natürlich durch die jüngsten Ereignisse in Los Angeles selbst: Der Ex-Polizist Christopher Dorner zog los, um nach eigenen Angaben beim als korrupt verschrieenen LAPD aufzuräumen – mit tödlichen Resultaten. Das Hochspannungsdrama setzte sich bis zum Tod des Mannes am 12. Februar fort und Dorner wurde aufgrund seiner Guerilla-Ausbildung in der Armee als eine Art Rambo inszeniert, der sich wie der Film-Antiheld auf unkonventionelle Art und Weise durch die Wälder schlug. Es steht mir nicht zu, von hier aus Schlüsse über die Hintergründe zu ziehen, die diese Tragödie hervorgerufen haben. Ihre Inszenierung und die Selbstinszenierung Dorners als einsamer Rächer (und die Tatsache, dass sein Tod im Internet teilweise als genieartige Täuschung betrachtet wird)  ruft aber noch einmal die Botschaft des doppeldeutigen Titels End of Watch hervor: Heutzutage wird die Realität fast schon zwanghaft in eine filmisch-ästhetische Plotform gepresst (was im Film natürlich absolut in Ordnung ist). Alles andere ist uns scheinbar zu komplex geworden.

VERKAUFSSTART: 11. April 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

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