Enemy – Der Traum einer Spinne?

by on 04/17/2014
© Capelight

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Wenn es einem Film gelingt, neun Kritikerköpfe im Anschluss an die Vorführung über der Frage qualmen zu lassen, was sie denn eigentlich gerade gesehen haben, dann ist das positiv zu werten. Welcher Film ist schon so kontrovers oder mysteriös, dass man anschließend den ultimativen Drang fühlt, sich darüber auszutauschen? Ich glaube, der letzte Film, nachdem ich wirklich verwirrt und gleichzeitig darauf erpicht war, das Rätsel zu lösen, war Mullholland Drive. Und das ist wie ihr wisst eine ganze Weile her.

In gewisser Weise war Enemy für mich völlig unerwartet. Meine Reaktion auf diesen Film war mir bisher fremd. In der letzten Szene machte sich ein großes WHAT THE FUCK in meinem Kopf breit, nur um wenige Sekunden später von einem euphorischen GEIL abgelöst zu werden. Ich bin davon überzeugt, dass das Rätsel, dass uns Enemy aufgibt, nicht zu lösen ist, dass der Film es auch nicht lösen will und ich finde keine andere Umschreibung dafür als das zugegebener Maßen ziemlich vulgäre Fazit „geil“.

Jetzt die Handlung zusammenzufassen ist ein fast unmögliches, wenn nicht gar sinnloses Unterfangen. Ich will es trotzdem einmal versuchen, um euch zumindest einen Eindruck davon zu geben, was euch erwartet. Der isoliert lebende und schüchterne Universitätsprofessor Adam (Jake Gyllenhaal) entdeckt in einem Film zufällig seinen Doppelgänger. Vollkommen verwirrt versucht Adam den Schauspieler ausfindig zu machen, um das Rätsel um ihre Ähnlichkeit zu lüften. Doch die Begegnung mit Anthony (Jake Gyllenhaal) macht es nur noch schlimmer.

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Regisseur Denis Villeneuve spielt von der ersten Minute an mit dem psychischen Wohlbefinden seiner Zuschauer. Der Film hat noch gar nicht richtig angefangen, da haben wir schon das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Das Bild hat einen giftigen Gelbstich, die Farben sind trüb und kontrastarm. Auch der Schnitt wirkt chaotisch und zerstückelt die Handlung eher in isolierte Fragmente, als dass er einen Zusammenhang herstellen würde. Villeneuve nimmt seinen Zuschauer mit hinein in die Psychose seiner Hauptfigur. Aber ist das überhaupt eine Psychose? Oder ist das einfach nur ein Mann, der einen anderen Mann trifft, der zufällig so aussieht wie er selbst? Ist es Zufall, dass sowohl Adam als auch Anthony eine Beziehung zu einer blonden Frau (Mélanie Laurent und Sarah Gordon) haben? Sind die beiden männlichen Charaktere einfach nur zwei Seiten derselben Medaille, einer gespaltenen Persönlichkeit? Denis Villeneuve gibt Hinweise, aber keine Lösung. Es ist, als würde er durch die hoffnungslose Verwirrung seines Zuschauers eine perverse Befriedigung  erfahren, denn wann immer sich kleine Aha-Momente einschleichen, werden sie doch umgehend von der nächsten Irritation überlagert.

Enemy ist ein langsamer Film, in dem es weniger um die Handlung selbst, als um ein Gefühl geht. Denis Villeneuve spielt mit dem Motiv der Spinne und ihres Netzes, in dem sich sowohl Adam/Anthony als auch wir als Zuschauer immer mehr verfangen, bis es schlicht und einfach keinen Ausweg mehr gibt. Es lassen sich zahllose Theorien aufstellen und herrlich über ihre Gültigkeit diskutieren, doch Antworten bleiben aus.

Enemy ist ein Film, den man mehrfach sehen muss, um die vielen subtilen Anspielungen und Hinweise zu erkennen und miteinander in Beziehung zu setzen. Ich freue mich jetzt schon auf komplizierte Abhandlungen der Kollegen, die darüber philosophieren, was sich in diesen Film alles hineinlesen ließe. Eigentlich kann ich diese Art des Filmemachens ja gar nicht leiden. Terrence Malicks To the Wonder ist hier für mich so ein Negativbeispiel eines Films, der einen irrsinnig großen Bedeutungsspielraum aufmacht, ohne ihn mit irgendetwas anderem zu füllen, als der Beweihräucherung der eigenen Genialität. Im Gegensatz dazu spielt Denis Villeneuve in seiner Inszenierung derart mit den Gefühlen und Gedanken seines Zuschauers, stellt ihm durch immens subtile visuelle und narrative Techniken die Nackenhaare auf, dass egal ist, ob dieses Schauspiel auch einen Inhalt vorweisen kann. Gerade das in Aussicht stellen einer Lösung und die maßlose und kraftvolle Frustration dieser Erwartungshaltung machen den Film in meinen Augen so genial.

In unserer kleinen Kritikerselbsthilfegruppe einigten wir uns aus Mangel an Alternativen schließlich auf das recht schlüssige Erklärungsmodell, dass es sich bei der gesamten Handlung nur um den Traum einer Spinne gehandelt habe. Wer weiß, vielleicht haben wir sogar Recht.

Kinostart: 22. Mai 2014

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