Every Thing Will Be Fine oder auch nicht

by on 02/11/2015

Ich bin ja tatsächlich einer dieser merkwürdigen Menschen, die Wim Wenders mögen. Gut, hauptsächlich natürlich für die Sachen aus den Siebzigern, aber sogar Pina konnte ich noch etwas abgewinnen und Das Salz der Erde fand ich zuletzt sogar ziemlich großartig. Auf Every Thing Will Be Fine wollte ich mich deshalb unbedingt freuen – und bin mit großem Optimismus ins Kino gegangen. Schließlich klang die Vorankündigung ja wenn vielleicht auch nicht berauschend, so doch zumindest interessant. Ein Drama mit dem unvermeidlichen James Franco, Rachel McAdams und Charlotte Gainsbourg in den Hauptrollen und das alles auch noch in 3D. Bei dem Regisseur, der es bisher noch immer geschafft hat durch seine Bilder zu überzeugen, konnte das doch eigentlich nur Gutes bedeuten.

Und tatsächlich. In Every Thing Will Be Fine zeigt Wim Wenders, dass 3D auch ohne Explosionen, Autorennen oder andere Action funktionieren kann. Nicht, dass der Film diese Technik unbedingt gebraucht hätte. Trotzdem weiß der Regisseur sie immer wieder sinnvoll einzusetzen. Zum Einen sicherlich zugunsten des Schauwertes, zum Anderen aber auch, um immer wieder Suspense heraufzubeschwören, wenn er beispielsweise auf einem bunt erleuchteten Rummelplatz das Bild so sehr in die Tiefe staffelt, dass eine Orientierung kaum noch möglich wird, durch Fensterscheiben filmt oder seine Schauplätze besonders in Innenaufnahmen optisch fragmentiert.

© NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

© NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

Nur leider – und das schreibe ich nicht gern – war es das an dieser Stelle mit den positiven Erinnerungen an Every Thing Will Be Fine. Wim Wenders erzählt hier die Geschichte eines uninspirierten Schriftstellers, der eines Winters ein Kind überfährt und diese schmerzliche Gewissheit für die nächsten Jahre mit sich herumträgt. Die Schuldgefühle verarbeitet er in seinen zunehmend erfolgreichen Romanen und irgendwo finden sich auch immer Frauen, die bereit sind, sich mit seinen Neurosen herumzuschlagen. Aber vergessen kann er natürlich nicht, und deswegen stimmt er auch zu, als der Bruder (Robert Naylor) des verstorbenen Kindes ihn Jahre später aufsuchen möchte. ‚Alles wird gut‘, diese Floskel mag natürlich in Momenten der Verzweiflung tröstlich klingen, wirklich ändern kann sie allein aber nichts. Vielleicht ist das auch Wim Wenders irgendwann aufgefallen. Dass James Franco diese Phrase in jedem möglichen oder unmöglichen Moment wiederholt, lässt ihn nicht zur emphatischeren Figur werden. Sonst sagt er nämlich nicht besonders viel, sondern verlegt sich lieber darauf, mit möglichst sorgenvoller Stirnfalte in die Ferne zu schauen. Charlotte Gainsbourg hingegen, deren Mutterfigur gerade ein Kleinkind verloren hat, wird während der sich über viele Jahre erstreckenden Story zwei Mal beim Weinen gezeigt, das muss der Verarbeitung genügen.

© NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

© NEUE ROAD MOVIES GmbH, photograph by Donata Wenders

Also, was macht man als Regisseur, wenn man bemerkt, dass die eigentliche Geschichte nichts Neues zu erzählen weiß, die Gewichtung der Narration eine merkwürdige Aussage nach der Anderen trifft und des Pudels Kern auch gut und gern in einem Kurzfilm abgehandelt wäre? Man versucht sich an einer besonders gemächlichen, weil elaborierten Inszenierung. An dieser Stelle kommt der vorhin erwähnte Suspense zum Einsatz: die unübersichtlichen Räume, dazu gespannte Klimpermusik von Alexandre Desplat – das kann doch nur Eines bedeuten: Gleich passiert etwas! Vielleicht ein Unfall, ein Mord, ein Skandal? …na? Wenn die Erwartungen eins, zwei Mal enttäuscht werden, mag das vielleicht noch als raffiniert durchgehen. Aber wenn am Ende des Films noch immer nichts passiert ist, ist das für den Zuschauer nichts weiter als schlicht frustrierend. Ausgerechnet Wim Wenders, der mich mit seiner filmischen Sogkraft schon so oft vor dem Bildschirm festhypnotisiert hat wie ein Karnickel, entlockt mir hier nichts weiter als ein herzhaftes Gähnen.

Aber halt, da gab es doch einen Moment, in dem das ganze Kino sich amüsierte! Nein, ich meine nicht den Beginn des Abspanns, als das Publikum irritiert und erlöst auflachte. Natürlich kann auch Wenders es sich nicht verkneifen, ein paar Witze auf Kosten seines Hauptdarstellers zu machen, das kommt beim meta-verliebten Festivalpublikum nämlich immer gut an. So muss James Franco denn auch Autogramme für Fans seiner Bücher schreiben, verzeiht es gnädig, wenn jemand ihn nicht erkennt und muss dabei zusehen, wie Charlotte Gainsbourg vor seinen Augen einen Faulkner verfeuert. „Ja und nein“, antwortet er, als sie ihn danach fragt, ob er den Schriftsteller mag. Ja und nein, das muss ich auch auf die Frage antworten, ob ich James Franco und Wim Wenders noch mag.

Kinostart: 02. April 2015

Every Thing Will Be Fine auf der offiziellen Berlinale-Website

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