Exodus – Götter und Könige und weit und breit kein Mensch

by on 12/15/2014
© 20th Centruy Fox

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Vor einiger Zeit wurde ich Zeugin der Aufführung eines Laienmusicals von Kindern: Der Auszug aus Ägypten stand auf dem Programm und anderthalb Stunden lang war zu sehen, wie putzig eine Geschichte über Mord und Todschlag, Sklaverei, Kriege und Plagen aussehen kann, wenn man dabei nur Kleinkinder in Heuschreckenkostümchen steckt. Nun gibt es genau die selbe Geschichte wieder zu sehen, aber in einem völlig anderen Kontext: einem Monumentalfilm von Ridley Scott. Die Spannung war groß, schließlich lässt sich ein aufregenderes und wechselvolleres Leben als das von Mose kaum erdenken.

Für all jene, die in ihrer Kindheit nicht zum Religionsunterricht geschickt wurden, die Kurzfassung: als die Ägypter alle erstgeborenen Hebräer töten wollen, setzt die junge Miriam (Tara Fitzgerald) ihren Bruder als Baby auf dem Nil aus – wo sie von der Tochter des Pharao gefunden werden. Die nimmt sie mit zu sich an den Hof und zieht das Kind auf wie ihren eigenen Sohn. So wächst Mose (Christian Bale) heran wie ein ägyptischer Prinz, wird zum Liebling des Pharaos (John Turturro) und zieht so immer mehr den Neid dessen leiblichen Sohnes Ramses (Joel Edgerton) auf sich. Als Mose die Wahrheit über seine Herkunft erfährt, zögert Ramses – inzwischen selbst auf dem Thron – deshalb nicht lange und verbannt ihn. Gott erscheint dem Verstoßenen und er wird zum Anführer der Hebräer, die seit 400 Jahren als elendig ausgelieferte Sklaven für die Ägypter schuften. Er soll sie aus ihrer Gefangenschaft befreien und in ihr Heimatland Kanaan führen. Als Ramses die Freilassung nicht gewährt, lässt Moses Gott neun grausame Plagen über das Volk der Pharaonen kommen.

Die erste Einstellung von Exodus – Götter und Könige erscheint auf der Leinwand und gibt mir sofort ein Wow-Gefühl. Dieser Eindruck erschöpft sich bis zum Ende des Filmes gute 150 Minuten später nicht, denn optisch hat Ridley Scott und eine ganze Armada von Visual Effects-Leuten hier ganze Arbeit geleistet. Das 3D ist gelungen, zeigt überwältigende Bilder der monumentalen Baustellen von Memphis, dynamische Schlachtensequenzen und selbst ruhige Dialogszenen falten sich in der Tiefe eindrucksvoll scherenschnittartig auf. Sattsehen kann ich mich an dem Bibelfilm also kaum – aber kann die reine Optik einen Film über zweieinhalb Stunden tragen?

Hier wird es mit Exodus – Götter und Könige schon schwieriger. Ridley Scott und seine Drehbuchautoren gönnen sich neben der Bezugnahme auf die biblische Vorlage reichlich erzählerische Freiheiten. Das muss kein Problem sein, schließlich dürfen alte Stoffe gern aktualisiert werden, wenn sie dann besser in ihre Entstehungszeit passen. Nur leider ist genau das eben nicht der Fall. Es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, als sei Exodus – Götter und Könige nichts als das Werk eines alten, weißen, privilegierten Mannes. Zum einen zeigt sich das an der eurozentristischen Besetzung, die in Hollywoods Studiosystem freilich nicht nur Scott vorzuwerfen ist: Sklaven und andere Statisten dürfen gern schwarz sein oder dem Orient entstammen und natürlich kommt es auch super an, wenn ein paar – entschuldigt den Ausdruck – „rassige Weiber“ mit dunkel wallenden Locken die Leinwand schmücken. Die Protagonisten müssen aber selbstverständlich hochbezahlte weiße Amerikaner sein, bei deren Namen die Leute nicht anders können als ins Kino zu gehen.

© 20th Centruy Fox

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Das nächste Problem sind die rudimentär ausgearbeiteten Figuren. Der Regisseur kommt völlig ohne auch nur eine interessante Frauenfigur aus und verschenkt damit haufenweise Potential. Frauen haben hier nur wahlweise würdevoll bis feindselig oder liebestrunken auf die Männer zu schauen und ihre Dialogsätze lassen sich sogar noch zusammengenommen an zwei Händen abzählen. Andere Figuren hingegen werden nur durch die Rollenbiografie ihrer Darsteller – Stichwort Sigourney Weaver oder Ben Kingsley – charakterisiert. Ein klein wenig mehr psychologisches Fleisch erhält der von Minderwertigkeitskomplexen und Neid getriebene Ramses. Und nicht zu vergessen Mose, der von Ridley Scott nicht etwa von Anfang an als tiefgläubiger Befreier gezeigt wird, sondern als zutiefst zwiegespalten und mit Gott und seiner Männlichkeit hadernd. Eigentlich glaubt er zuerst einmal an gar nichts. Und hier liegt auch eine der leider wenigen dramaturgischen Stärken von Exodus – Götter und Könige.

Während der Darstellung der Plagen und der Teilung des roten Meeres musste ich an einen alten Witz denken, der in religiösen Kreisen zirkuliert: Ein Junge sitzt jubelnd auf einer Parkbank und antwortet dem Mann, der ihn nach dem Grund dafür fragt: „Gott hat das Rote Meer geteilt – das ist doch großartig!“ Der Mann entgegnet ihm: „ Das musst du rational betrachten. Forscher haben herausgefunden, dass das Rote Meer damals an einer Stelle nur knietief war.“ Daraufhin beginnt der Junge wieder zu jubeln und der Mann fragt erneut verwundert nach dem Grund. -„Gott hat es geschafft, das gesamte ägyptische Heer in knietiefem Wasser zu ertränken.“ Wie man es dreht und wendet – in Glaubensfragen beißt sich die Katze in den Schwanz. Solange es Menschen gibt, wird sich auch der Streit nicht beilegen lassen zwischen jenen, die die Bibel wörtlich nehmen und jenen, die skeptisch und rational auf solche Geschichten blicken. In Exodus – Götter und Könige werden sich auf der narrativen Ebene beide Lager repräsentiert finden. Ridley Scott zeigt die alles verschlingenden Plagen – aber er zeigt auch die Menschen, die das Geschehen rational zu erklären versuchen. Er zeigt den brennenden Busch – aber auch einen Stein, der Mose kurz vor seiner Erscheinung am Kopf trifft. Letztlich bleibt es also einmal mehr dem Zuschauer überlassen, auf welche Seite er sich stellen möchte. Oder ob er überhaupt findet, dass sich beide Lager gegenseitig ausschließen.

Anders als Darren Aronofsky mit seinem letzten Bibelfilm Noah, entscheidet sich Ridley Scott dagegen, ein new-ageiges, fantasievolles Wunder zu zeigen. Damit riskiert er zwar, dass sein Film sich im Rückblick nicht als ganz rundes Erlebnis darstellt. Immerhin beweist er aber auch, dass er der Differenzierung nicht ganz unfähig ist.

Kinostart: 25. Dezember 2014

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