Explizit! – Der Porno kann mehr als Sex

by on 08/25/2014

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© Bertz + Fischer

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Seit geraumer Zeit beschäftige ich mich eingehender mit Pornographie und mit der Frage, wie Pornographie unsere Einstellung zu Sexualität verändert und formt, inwiefern sie Bilder von Geschlecht und sexueller Identität transportiert und wie sich ihr Konsum durch die neuen Medien verändert hat. Für mich ist Pornographie ein ebenso starker, wenn nicht gar noch stärkerer Spiegel kultureller Zusammenhänge und Muster als der klassische Spielfilm wie wir ihn sonst hier auf filmosophie.com besprechen, weshalb es für mich keine Frage ist, dass auch dieses Genre als Teil des großen Mediums Film auf unserem Blog einen Platz verdient hat.

Das Buch Explizit! – Neue Perspektiven zu Pornografie und Gesellschaft, eine Aufsatzsammlung, die aus einer interdisziplinären Lehrveranstaltung der Uni Potsdam hervorgegangen ist, beschäftigt sich mit eben diesen Überlegungen und liefert zahlreiche weitere Herangehensweisen an das Thema. Dabei besticht diese Zusammenstellung von Vorträgen und Essays in erster Linie durch ihre Vielseitigkeit. Sie beinhaltet kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Pornographie ebenso wie Studien zur Perzeption oder auch vornehmlich informative Artikel wie jenen von Oliver Castendyk zur deutschen Rechtsprechung. Abgerundet wird das Werk durch zwei persönliche Perspektiven auf das Thema durch die Performancekünstler_innen María Llopis und Sands Murrray-Wassink.

Während einige Artikel, wie jener von Oliver Castendyk, für jedermann gut lesbar sind, setzen andere Essays eine umfangreiche kulturwissenschaftliche Vorbildung voraus. Wer sich schon einmal mit Foucault beschäftigt hat, den Begriff Prostrukturalismus grob umreißen kann oder die Kernthesen Judith Butlers kennt, ist hier klar im Vorteil.

Die Vielfalt der Stimmen des Buches führt auch zu einer Vielzahl der Meinungen. So wird der Terminus Post-Pornographie erklärt und einerseits als Alternative zum Mainstreamporno entworfen, an anderer Stelle aber auch sehr kritisch hinterfragt. Dabei ist trotz der Sammlung inhaltlich sehr diverser Artikel ein roter Faden zu erkennen, der von einer Kritik des Mainstreampornos über eine Darstellung alternativer Pornographien bis hin zu einer Infragestellung und Transzendierung dieser Kategorien führt. Am Ende ist der/die Leser_in unter Umständen stark verwirrt, hat aber auch einen Eindruck von der Komplexität des Themas gewonnen.

Explizit! – Neue Perspektiven zu Pornografie und Gesellschaft ist zugleich Vermittler wie auch Manifestation der aktuellen Entwicklung, dass Pornographie aus der Schmuddelecke in den Mainstream und die Wissenschaft drängt, dass die Abbildung von Sexualität etwas ist, mit dem wir uns auseinandersetzen dürfen und wollen. Damit motiviert das Buch nicht nur dazu, eigene kritische Fragen zu formulieren, sondern macht auch Mut, sich von der Vorstellung einer „normalen“ Sexualität zu lösen und – auch auf einer ganz persönlichen Ebene – nach Alternativen zu suchen. Zudem sind die Bibliographien am Ende jeden Artikels eine wahre Fundgrube für weiterführende Lektüre.

Ich kann Explizit! – Neue Perspektiven zu Pornografie und Gesellschaft nur jedem ans Herz legen, der eine Auseinandersetzung mit Pornografie anstrebt und hierfür den richtigen Anknüpfungspunkt sucht. Manch ein Artikel ist nicht mehr als eine Exposition, das Formulieren einer Frage und dient damit als Ausgangspunkt für eine intensivere Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema. So kann sich der/die Leser_in nach der Lektüre des ganzen Buches für eine oder mehrere der hier meist nur angerissenen Teilbereiche entscheiden und hat durch den Überblickscharakter der Aufsatzsammlung gleichzeitig eine sehr gute Grundlage für weiterführende Literatur.

Mehr kann ein Buch dieser Art nicht leisten! Großartig!

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