Fassbinder – Lieben ohne zu fordern

by on 02/07/2015

Als ich vor viereinhalb Jahren in mein Filmwissenschaftsstudium startete, wusste ich über viele Episoden der Kinogeschichte herzlich wenig. Deshalb war mein erstes Vorhaben, mich durch den einführenden Kanon des filmwissenschaftlichen Instituts zu kämpfen. Ich habe sie alle verschlungen, die Franzosen und Italiener, Hollywood in seinen verschiedensten Phasen und auch eine schöne Prise Fernost. Nur um die Deutschen wollte ich mich am liebsten herumdrücken, wenn deutscher Film bedeutete für mich (und tut es leider auch heute noch in den meisten Fällen) gähnende Langeweile und Fernsehfilmästhetik. Also doch mal alle Nerven zusammengenommen und mich an Expressionismus und Neue Sachlichkeit herangetraut. Wow, das hatte so gar nichts zu tun mit meinen pessimistischen Vorstellungen. Dann das Nachkriegskino und schließlich die Autoren der 1970er Jahre. Spätestens da war es um mich geschehen.

Ohne Rainer Werner Fassbinder ist die deutsche, europäische, internationale Filmgeschichte kaum denkbar – und meine persönliche Entdeckungsreise durch die Filme der Welt auch nicht. Der Dokumentarfilm Fassbinder – Lieben ohne zu fordern führt noch einmal vor Augen, warum das so ist. Der dänische Regisseur und Historiker Christian Braad Thomsen erinnert sich in seinem essayistischen Werk an die, wie er es nannte, „respektvoll distanzierte“ Freundschaft, die ihn mit Fassbinder verband. Sein Film ist persönlich, vor allem insofern, als dass er nicht nur die Filme des Regisseurs auseinandernimmt, sondern vor allem ihn als Person und psychologisches Individuum. Er versucht herauszufinden, was Rainer Werner Fassbinder zu dem Menschen machte, an den wir uns bis heute erinnern.

© Dino Raymond Hansen

© Dino Raymond Hansen

Das ist vor allem deshalb so interessant, weil der bayrische Filmemacher eine so unstrittig streitbare Figur abgab. Christian Braad Thomsen verwendet für sein Werk diverse Interviews, die er über die Jahre führte. Fassbinder konnte in all den Aufnahmen verletzlich und jungenhaft wirken, zweifelsohne auch immer intellektuell, mit seinem Denken und Reden in radikalen Thesen, die ihm in der Öffentlichkeit das Image des unberechenbaren Bürgerschrecks bescherten. Er konnte aber auch wirken wie ein Unsympath vor dem Herren. Mit aufgeknöpftem Hemdkragen, fettigen Haaren und unreiner Haut, der Zigarette in der Linken und einem Glas in der Rechten lümmelt er da breitbeinig in einem Hotelzimmer in Cannes herum und grummelt vor sich hin. Fassbinder – Lieben ohne zu fordern idealisiert seinen Protagonisten nicht oder hebt ihn in einen ideologischen Himmel. Ganz im Gegenteil – der geneigte Fassbinder-Fan muss hier eine Menge aushalten. Dabei werden weniger die Dinge zum Thema, die der Mann sich selbst antat, als Solche, die der Clan um ihn ertragen musste. Das Ausnutzen und Vorführen seiner Schauspieler_Innen; der geradezu devoten Irm Hermann, die hier in einem Interview mit bewundernswerter Gelassenheit über die dramatischen Episoden ihrer Vergangenheit mit Fassbinder spricht. Harry Baer, Armin Meier, El Hedi ben Salem, die Liste ist lang.

Aber auch manche von Fassbinders Aussagen, wie beispielsweise solche über die Sexualität zwischen Eltern und Kind, gehören heute alles andere als zum gesellschaftlichen Konsens. Fassbinder war kein Konsens-Künstler, und wollte das freilich auch nie sein. Christian Braad Thomsen formuliert es am Ende so: „Man kann nichts über Fassbinder sagen, ohne nicht auch das Gegenteil zu sagen.“ Dass er dieses Ziel erreicht, wird schon in den ersten Einstellungen des Films klar, die zeigen, wie der damals noch junge Regisseur für seinen Film Liebe ist kälter als der Tod auf der Berlinale ausgebuht wurde und hinterher der versammelten Filmkritik Provinzialität vorwarf. Die Anerkennung sollte später folgen und in einem wahnsinnigen Tempo drehte Fassbinder einen Film nach dem Anderen. Filme, die das Verstaubte der alten Bundesrepublik schmerzhaft ungeschminkt einfingen und selbst heute noch tief unter die Haut gehen.

Fassbinder – Lieben ohne zu fordern ist in sieben Kapitel unterteilt, die Titel tragen wie ‚Die Filmsprache‘, ‚Das erwachsene Kind‘ oder ‚Sadomasochismus‘. Sie beinhalten Interviews, Fotos, Archivaufnahmen und Ausschnitte aus seinen Spielfilmen, vor allem aber beinhalten sie die Worte, die Ideen und den Geist Fassbinders, der auf der Leinwand quasi noch einmal für 106 Minuten zu einem ambivalenten Leben erwacht – als ein menschlicher Mythos, der auf die harte, kalte Realität gründet. Das Anerzogene sei im Leben schließlich leichter umzusetzen als die Utopie, so sagt er es selbst. Oder wie es in einem seiner Lieblingssongs heißt: „Freedom is just another word for nothing left to lose.“

Fassbinder – Lieben ohne zu fordern auf der offiziellen Berlinale-Website

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