Favourites Film Festival 2013 – Ein Erlebnisbericht

by on 08/25/2013

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© Favourites Film Festival

© Favourites Film Festival

Ich sehe die Leute schon von Weitem draußen stehen. Dann habe ich die Moabiter Kulturfabrik wohl gefunden, in der gerade das Favourites Film Festival stattfindet. Ich nähere mich dem Gebäude und stelle schnell fest: das hier ist anscheinend das perfekte Festival für entspannte Berliner Spätsommerwochenenden. Es gibt hier nicht den üblichen Berlinalestress, hektisches Hin- und Hergerenne, keine unüberschaubaren Programme, die die gesehenen Filme im Kopf zu einem unförmigen Bilderknäuel verschwimmen lassen, und ich finde hier auch nirgends den typischen Berliner Filmkritiker vom alten Schlag. Der ganz in schwarz gewandet und mit Intellektuellenschal unter seiner hochgezogenen Augenbraue auf dich kleinen Onlinejournalisten herabschaut. Stattdessen ein Durcheinander sämtlicher bunter Altersschattierungen von 20 bis 35, viele Rastazöpfe, Köpfe, denen ich ansehe, dass sie sich gerade überlegen, wie sie das Erlebte später auf ihrem Blog beschreiben werden, eine gute Prise studentisches Hipstertum und überall Hände, die sich an ihrer Club Mate festhalten.

Ich gehe dann mal rein. Der Filmrauschpalast liegt im ersten Stock des Gebäudes. Einen der dunkelgrün plüschigen Sessel suche ich mir aus, um der Dinge zu harren, die da kommen. Zuerst kommt kurz vor knapp ein unerwartet gewaltiger Schwall Menschen. Stühle und Hocker aus dem Vorraum werden hereingetragen, um jedem Zuschauer den Sitz zu bieten, für den er bezahlt hat, und dann geht es los.

Nach Wriezen heißt der erste Film, den ich hier zu sehen bekomme. Die Dokumentation von Daniel Abma gewann den Publikumspreis der DocuDays in Kiew und begleitet drei junge Männer, die aus der brandenburgischen JVA Wriezen entlassen werden. Jano dealt Drogen, Imo kann seine Aggressionen nur schwer unter Kontrolle halten und der ehemalige Neonazi Marcel wurde für den Mord am damals 16-jährigen Marinus aus Potzlow verurteilt. Ihre Taten und ihre Zeit in Wriezen machen sie zu Nummern im Strafregister, im Alltag leben die drei aber auch mit ganz normalen Problemen. Sie suchen Arbeit und Wohnungen, finden Freundinnen, werden Väter, kämpfen mit Rückfällen und Erinnerungen an das Vergangene. Für den gängigen Festivalzuschauer ist Nach Wriezen ein paradoxes Erlebnis, denn er wird mitgenommen in eine Welt, um die er meist wohl einen großen Bogen macht. Eine Welt, die dominiert wird von Aggressionen und Gangsterrap der übelsten Sorte, dem Zigarettenqualm schwangerer Frauen, missmutigster Laune und sterilen deutschen Behördenfluren, revidierten Hakenkreuztattoos und in verstörender Grammatik ausgetragenen Streits. Aber dann gibt es auch Momente fast kindlicher Unbeschwertheit und berührender Zärtlichkeit.

© HFF Konrad Wolf Potsdam

© HFF Konrad Wolf Potsdam

Besonders Jano ist der erklärte Sympathieträger, und dieser Eindruck verstärkt sich noch, als er nach dem Film gemeinsam mit dem Regisseur auf die Bühne kommt, um sich den Fragen des Publikums zu stellen. Er erzählt, wie es ihm nach Abschluss der Dreharbeiten ergangen ist und schnell entwickelt sich auch ein Gespräch darüber, wie Resozialisierung in Deutschland besser funktionieren könnte und ob Daniel Abma die kriminellen Taten mit seinem Film nicht sogar verharmlosen würde. Ich finde das nicht, denn Nach Wriezen stützt sich nicht auf manipulative Mittel, die Emotionen und Mitgefühl erzeugen. Er dokumentiert schlicht das Geschehen, und es ist das Leben selbst, das sich nicht in schwarz und weiß einordnen lässt.

Im Anschluss geht es schnell die Treppe hinunter ins Freiluftkino, denn hier wird heute Abend Kapringen (A Hijacking) gezeigt. Der dänische Spielfilm von Tobias Lindholm darf den Publikumspreis des schwedischen Göteborg International Film Festivals sein Eigen nennen. Ich habe nicht bedacht, dass Freiluftkinos draußen sind und friere, während meine Begleitung ob der exzessiven Raucher um uns herum leidet, aber der Streifen lässt uns diese suboptimalen Umstände schnell vergessen. Darin sehen wir die Crew eines dänischen Frachtschiffes, das irgendwo im Indischen Ozean in die Gewalt somalischer Piraten gerät. Der Koch Mikkel (Johan Philip Asbaek) spricht ein passables Englisch, und so wird er auserwählt, um zwischen dem Übersetzer Omar (Abdihakin Asgar) und seinem Chef in Dänemark zu vermitteln, während zuhause Frau und Kind auf ihn warten.

© Nordisk Film

© Nordisk Film

Kapringen ist ein Thriller, der zugegebenermaßen mit sehr konventionellen Mitteln arbeitet. Parallelmontagen, klar gezeichnete Figuren, auch der ein oder andere Twist ist vorhersehbar. Und doch gelingt es Tobias Lindholm, uns mit seinem Film ganz in den Bann zu ziehen. Wir sind bei Annäherungsversuchen zwischen Geiseln und Piraten dabei, wir fürchten um das Leben des Kochs und sind befremdet ob der eiskalt nüchternen Haltung, die das skandinavisch-amerikanische Befreiungsteam in einem sterilen, fensterlosen Büroraum angesichts der Situation einnimmt. Während der CEO in einer Gewissensfrage zwischen Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit festhängt, wird die Lage auf der Rozen immer kritischer. Ich kann verstehen, wieso Kapringen den Publikumspreis gewonnen hat, denn dieser handwerklich saubere Film schafft es, trotz seiner heiklen Atmosphäre auch viel Sympathien für seine Figuren aufzubauen.

Am nächsten Tag ertappe ich mich dabei, die Fahrt zum Festival mit einem entspannten Grundvertrauen in die dort wartenden Filme anzutreten, denn da hier nur Werke gezeigt werden, die auf anderen Filmfesten Publikumspreise gewonnen haben, können sie schließlich nicht allzu schlecht sein. Ich nehme also meinen Stammplatz im Filmrauschpalast ein und warte, bis Play von Ruben Östlund beginnt. Die dänisch-schwedisch-finnische Koproduktion hat in ihren Heimatländern für einige Kontroversen gesorgt, denn sie zeigt eine Gruppe fünf schwarzer Jugendlicher, die in Göteborg Kinder der weißen Mittelschicht ausrauben. Dazu setzen sie allerdings weder körperliche Gewalt, noch Drohungen ein, sondern entwickeln eine hinterhältige Manipulationsstrategie und inszenieren Rollenspiele, um ihre Opfer einzufangen. Und so trifft es auch Sebastian, Alexander und John, die den ganzen Tag mit elendig leidenden Gesichtsausdrücken in der Gewalt der fünf Jungen verbringen müssen.

© Fugu-Filmverleih

© Fugu-Filmverleih

Für mich bleibt Play vor allem als die filmgewordene EU-Verordnung über den Grad der zugelassenen Gurkenkrümmung in Erinnerung. Denn während die drei unschuldig naiven Jungs in eine ihnen völlig fremde und unkontrollierte Parallelwelt hineinrutschen, ist im übrigen Schweden das Leben bis ins kleine Detail geregelt. In einem Zug nach Göteborg löst eine hölzerne Kinderwiege Aufregung aus, die herrenlos im Gang steht, obwohl doch jegliches Blockieren der Gänge und Türen untersagt ist. Die Wiege sorgt für Verzweiflung beim Personal und für jede Menge Amüsement bei Passagieren und Publikum, denn die Absurdität der Situation wird nur noch überboten von dem Gespür des Regisseurs für Bilderkompositionen voll beißender Ironie.

Meine Zeit auf dem Favourites Film Festival ist leider stark begrenzt, trotzdem gewöhne ich mich schon wieder an diesen seltsamen Rhythmus: von Film zu Film, im Stundentakt in völlig unterschiedliche Welten und Thematiken einzutauchen und im fließenden Übergang ein Lebensgefühl entwickeln, das mit Alltag nicht mehr viel zu tun hat. Der nächste Film heißt Zaytoun und gewann den 3. Publikumspreis auf dem kanadischen Toronto International Film Festival. So langsam beschleicht mich das Gefühl, dass das Festivalpublikum in aller Welt ein Faible für Kinder hat, denn schon wieder bekomme ich hier einen Streifen über einen Heranwachsenden zu sehen. Der zehnjährige Fahed (Abdallah El Akal) ist ein palästinensischer Flüchtling im Jemen der 1970er Jahre und trainiert mit der PLO für die baldige Befreiung Palästinas von Israel. Als sein Vater in einem Bombenhagel stirbt, verhärtet sich seine Einstellung gegenüber dem Feind noch und Fahed ist zu allem bereit. Aber dann stürzt ein amerikanisches Flugzeug in der Nähe seines Camps ab und der Pilot (Stephen Dorff) gerät in Gefangenschaft.  Fahed befreit den Amerikaner, denn er hofft, von ihm an die israelische Grenze gebracht zu werden. Er will den kleinen Olivenbaum seines Vaters in die Erde seines alten Dorfes pflanzen.

© Senator Film Verleih

© Senator Film Verleih

Zaytoun ist trotz Story, Setting und Regisseur Eran Riklis ein in seiner Machart sehr amerikanischer Film. Schnitt und Kameraführung sind deutlich auf Illusionserzeugung ausgelegt, die Dialoge lassen keinen großartigen Interpretationsspielraum und der Soundtrack sorgt für den nötigen Schuss Emotionen. Trotzdem macht es Spaß, Fahed und Yoni dabei zuzusehen, wie sich ihre anfängliche Feindseligkeit immer mehr zu einer Buddy-Movie-Partnerschaft entwickelt. Im Publikum gibt es immer wieder Lacher und es fließt auch das ein oder andere Tränchen, und dann ist das Favourites Film Festival 2013 auch leider schon wieder vorbei. Als ich das Gebäude verlasse, steht ein großer Tross Feierwütiger vor der Tür, der nach der anschließenden Favourite Shorts Night den Abend mit Musik ausklingen lassen will. Die Brücke am Ibar von Michaela Kezele wird später am Abend zum Gewinner der Publikumspreis aller Publikumspreise gekürt und am Sonntag noch einmal im Freiluftkino aufgeführt. Ich bin da leider schon nicht mehr anwesend – dafür aber garantiert wieder im nächsten Jahr.

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