Fifty Shades of Grey – Überwältigende Langeweile

by on 02/12/2015
© Universal Pictures

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Den gestrigen Tag auf der Berlinale 2015 hatte ich eigentlich zum inoffiziellen Tag der Penisse erklärt, denn in diversen Filmen sprang in den unterschiedlichsten Kontexten das eine oder andere männliche Geschlechtsteil durch das Bild (siehe den wunderbaren Eisenstein in Guanajuato). Aber wie es die Ironie Hollywoods so will: ausgerechnet in dem Film, der offensiv mit dem Thema Sex wirbt, ist weit und breit nix zu sehen. Nun ja, es war zu erwarten.

Die Rede ist natürlich von Fifty Shades of Grey, diesem seltsamen Phänomen, das aus Fan-Fiction zum Glitzervampir-Franchise hervorging: Twilight plus ein bisschen Popo-Haue. Schon bei den Büchern war nur schwer verständlich, warum ausgerechnet diese Reihe einen unfassbaren Popularitätsschub erhielt, massenweise Hausfrauen sich plötzlich der sogenannten Clit-Lit verschrieben und Baumärkte Anstiege im Verkauf von Seilen und Kabelbindern verzeichneten. War doch Fifty Shades of Grey in seiner Drastik (und erst recht in seiner literarischen Qualität) nie auch nur im Ansatz vergleichbar mit sexuell versierten, explorativen, fantasievollen und bahnbrechenden Werken, die bereits vor Dekaden entstanden. Es ist im Grunde die alte Geschichte des Aschenputtels, hier eben in Form der unerfahrenen Literaturstudentin Anna (Dakota Johnson), die in eine Beziehung mit dem reichen Junggesellen Christian Grey (Jamie Dornan) gerät, der im Bett einige Vorlieben pflegt, die über Blümchensex hinausgehen. Nur dass der rettende Prinz hier eben nicht mit Kutsche, Schloss und Hochzeit lockt, sondern mit einem Hubschrauber, einem riesigen phallischen Hochhaus und sexuellen Entdeckungsreisen.

Vor kurzem war in einem Onlinemagazin zu lesen, dass irgendein Bischof Fifty Shades of Grey verurteile: der Film wende sich gegen herkömmliche Beziehungsmodelle und die Ehe. Ach, kann ich da nur aufseufzen, wenn es doch nur so wäre. Lange habe ich keinen so konventionellen, konservativen und gar prüden Film mehr gesehen. Das beginnt schon mit dem Offensichtlichen. Den Passagen, in die die meisten von uns irgendwo mal reingelesen haben, selbst wenn sie sich für die zugrundeliegenden Romane sonst nicht interessierten: die Sexszenen natürlich. Dass keine Geschlechtsteile in einem Hollywood-Blockbuster zu sehen sein würden, damit war natürlich zu rechnen. Generell verfolgt die Regisseurin Sam Taylor-Johnson aber einen so geleckten, aalglatten und sauberen Softporno-Werbestil, dass sich statt angespannter Aufregung eher Gähnen einstellt. Eins, zwei Nippelblitzer, eine Ahnung von Schamhaaren, zwei Klapse, drei langsame Kamerafahrten über Peitschen und müde vor sich hin schwingende Lederfesseln, für die Liebhaber des klassischen Klischees ein Eiswürfel und eine Pfauenfeder und wer wie ich sehnsüchtig interessiert auf die Blowjobszene gewartet hat, wird enttäuscht. Nix da, sowas zeigen wir in Hollywood nicht. Mit BDSM hat Fifty Shades of Grey überhaupt nichts zu tun.

© Universal Pictures

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Dafür leben die Figuren aber abseits des Schlafzimmers ihre Dominant-Submissive-Strategie munter aus, und an dieser Stelle wird es richtig ärgerlich. Der winzige Funken Persönlichkeit, der Anna zu Beginn auszeichnet – sie trägt einen halbwegs individuellen Kleidungsstil, fährt einen knuddeligen VW-Käfer und studiert ein durchaus Intelligenz abverlangendes Fach – wird ihr im Laufe des Filmes von Christian komplett ausgetrieben. Plötzlich trägt sie enge Kleidchen von der Stange und bekommt ein rotes „Frauenauto“ ungefragt auf’s Auge gedrückt, wird von ihren Freunden isoliert, darf nicht mal eben ihre Mutter besuchen und soll sich Christians Essensplänen unterwerfen. Der Protest bleibt äußerst schwächlich. Selbst Annas Jungfräulichkeit wird behandelt wie nichts als ein Versäumnis, das dringend bereinigt werden muss. Der Mann lässt sich dazu herab, wenigstens einmal seine Vorlieben außer Acht zu lassen, das arme Mädchen endlich zu entjungfern und muss sie fortan nur noch an die Schulter fassen, dann beginnt sie umgehend so unglaubwürdig zu stöhnen wie die Blondinen auf Youporn.

All das betrifft hauptsächlich die fragwürdigen Plotstrukturen, die die Autorin E.L. James in ihren Romanen vorgegeben hat. Aber auch als Film kommt Fifty Shades of Grey ausgesprochen schlicht daher. Wirkliche weibliche Lust ist hier zwar verpönt, trotzdem darf Anna natürlich gern in suggestiven Positionen inszeniert werden, wenn sie zum Beispiel mit naiven Rehaugen und stets leicht geöffnetem Mund zum riesigen phallischen Wolkenkratzer aufblickt. Die Romantik wird auf billige Klischees wie hell erleuchtete Skylines und einen traurigen Mann am Klavier reduziert. Überhaupt scheint hier auf jede kleine ‚Sünde‘ sofort die Absolution folgen zu müssen. Dann nimmt Christian wieder mit Grabesmine am Piano Platz und schweigt sich solange aus, bis ihm Anna ein paar küchenpsychologische Einsichten in seine schwierige Kindheit entlockt. Und immer wenn es öde zu werden droht, müssen anderweitige Überwältigungsstrategien herhalten: dann ist es wahlweise der Helikopter oder ein Gleitflieger, der zu überproduziertem Mainstreampop ein paar Runden drehen muss, damit auf der ganzen Welt gelangweilte Teenager und Hausfrauen aufseufzen und mit ihrem Hugo anstoßen können.

Kurz gesagt: In Fifty Shades of Grey paart sich Langeweile mit Ärgernissen, Prüderie und immer wieder dieser unfreiwilligen Komik. Lieber noch mal Secretary anschauen.

Fifty Shades of Grey auf der offiziellen Berlinale-Website

Kinostart: 12. Februar 2015

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