Filmkritiker wie wir?

by on 04/27/2015

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Ich möchte eine Frage auf Facebook unserer Bloggerkollegen von Kopf & Kino zum Anlass nehmen, um nicht nur die Frage von Kopf & Kino aus meiner persönlichen Sicht zu beantworten, sondern auch um ein paar Gedanken über unsere Arbeit als Filmkritiker und Journalist zu formulieren.

Im konkreten Fall geht es um ein Interview mit Robert Downey Jr. zu Avengers 2: Age of Ultron, bei dem Journalist Krishnan Guru-Murthy seinem Interviewpartner Fragen zu seinem Vater, Drogen, u.ä. gestellt hat und dieser darauf das Interview beendete. Das Video dazu könnt ihr Euch auf der Seite von Moviepilot anschauen.

Allen voran, Guru-Murthy ist mehr oder weniger dafür bekannt, dass er in seinen Interviews provozieren will, wie dieses Interview mit Tarantino zu Django Unchained zeigt. Es ist glaube ich daher mehr als offensichtlich, dass diese „Provokationen“ Teil des Programms sind und auch ein bisschen von Ef­fekt­ha­sche­rei anmuten. Doch wie auch Kopf & Kino anmerken, stellt sich hier die Frage: „Muss sich ein Schauspieler im Interview persönliche und indiskrete Fragen generell gefallen lassen?“.

Zu Beginn möchte ich gleich eine Lanze für die Schauspieler und Schauspielerinnen brechen. Wer als Journalist schon einmal bei einer Pressekonferenz im großen Stil dabei war, der weiß wieviel Stress das sein kann – für alle. Ein Beispiel aus jüngster Zeit an das ich mich erinnere, war die Pressekonferenz zu Chappie im Hotel de Rome in Berlin: 2 Tage, an den der Cast von Interview zu Interview „gereicht wurde“ und zwischendrin noch eine Pressekonferenz vor versammelter Mannschaft abhalten musste. Und auch wenn die Schauspieler selbst hochbezahlt sind, ist das für jeden Menschen eine Stresssituation und stellenweise merkt man es den müden Gesichtern der Stars auch an. Zumal im konkreten Fall der Termin in Berlin, nur einer von mehreren Stopps auf der weltweiten Promotions-Tour des Films war.

Jetzt versetzen wir uns mal in die Rolle des Schauspielers und schenken uns auch hier die Tatsache, dass diese mehr als genügend Geld dafür bekommen. Ich stelle es mir mehr als anstregend vor, zum x-ten Mal die gleichen Fragen zum Film zu hören, wie z.B.: „Was hat Sie am meisten an diesem Projekt gereizt?“ oder „Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?“. Ich hatte in diesem Zusammenhang auf der Berlinale 2015 ein paar Diskussionen mit meinen Festivalfreunden. Wir haben uns gefragt, welche Art von Fragen man den Stars eigentlich stellen sollte bzw. was man am Besten sagt, wenn man ihnen auf der Straße – was auf der Berlinale keine Seltenheit ist – sagen würde. „Ich fand ihren Film toll!“ haben sie bestimmt schon tausend Mal gehört. Vielleicht wären sie über die ungewöhnliche Frage: „Wie gefällt Ihnen Berlin?“ oder „Was trinken Sie lieber? Wein oder Bier?“ sogar erfreuter, denn im Endeffekt sind es auch nur Menschen. Ja, vielleicht wären sie auch über einen Kommentar wie „Ich fand den Film jetzt nicht so toll“ auch ganz erfreut.

Damit wären wir wieder bei uns Journalisten und Filmkritikern.
Tatsache ist, dass wir oft dazu tendieren den Interviewpartnern die gleichen und redundaten Fragen zu stellen. Das kommt vielleicht daher, dass wir von Termin zu Termin hetzen und nicht die Ruhe finden, um uns mal Gedanken über gute Fragen zu machen. Ich persönlich versuche und möchte es auch weiterhin versuchen, ein Interview so zu gestalten, dass es weder für den Interviewpartner noch für mich selbst zur Routine wird und wir beide dabei neue interessante Aspekte entdecken. Leider ist es aber so, dass man mit der Zeit auch eine Art negative Routine im Job entwickelt. Eine Routine, die sich auch in anderen Formen äußert und dann dazu führt, dass man in seiner Tätigkeit keine Erfüllung findet und nur noch das stellenweise genervte Standartprogramm abspult. Das ist Gott sei Dank nicht bei allen so, doch gerade bei solchen Journalisten die länger dabei sind, schleicht sich dieses Phänomen oft unbemerkt ein und führt auch unbemerkt zu einer leichten berufsbedingten Arroganz – besonders gegenüber den Filmen. Vermutlich würden diese Personen ihre Arroganz gegenüber den Personen die den Film gemacht haben, nicht raushängen lassen – was das umso schlimmer macht.
Lange Rede, kurzer Sinn. Wir sollten uns bei jedem Interview, jeder Premiere oder jeder exklusiven Berichterstattung vor Augen führen, dass wir als Filmkritiker und Journalisten in einer seltenen Position sind. (Dass das oft zu wenig finanziell honoriert wird, ist eine andere Debatte). Wir mögen zwar dafür gearbeitet haben und auch weiterhin hart dafür arbeiten, doch wir sind oft in einer Position, um die uns der normale Filmbegeisterten (die – so möchte ich mal uns allen unterstellen – wir ja auch sind) im Kern beneiden. Ich persönlich kann sagen, dass ich froh über diese Gelegenheit bin und ich weiß auch, wieviele meiner Freunden und Bekannten mich darum beneiden.
Wir sollten nicht vergessen, dass trotz aller Mühen aber auch Privilegien die mit unserer Tätigkeit einhergehen, wir auch eine Verantwortung haben, nicht für uns sondern auch gegenüber den Menschen die uns gegenüber sitzen und die selbst Menschen sind. Dahingehend sollten wir uns auch immer vor Augen führen, in welchem Kontext wir ein Interview machen. Im Fall Guru-Murthy war es nunmal ein Interview zum Film Avengers 2: Age of Ultron und da haben Fragen (besonders intime Fragen), die nichts mit dem Thema des Interviews zu tun haben, eigentlich nichts zu suchen.

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