filmosophies Berlinale-Rückblick – Teil 1

by on 02/19/2013

Das Festival ist vorbei und die alljährliche Post-Berlinale-Depression kündigt sich an. Nach zehn Tagen, in denen Schlaf, Nahrung und Körperpflege durch Filme ersetzt wurden, braucht wohl jeder erst mal eine Phase der psychischen und physischen Regeneration. Daher komme ich auch erst jetzt dazu, die Berlinale 2013 und vor allem ihre Gewinner Revue passieren zu lassen.

 

Meine persönlichen Gewinner

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte sich die Preisverleihung folgender Maßen gestaltet.

 

Gloria© Berlinale

Gloria
© Berlinale

Golder Bär: Gloria

… weil mir der Film auf allen Ebenen (Stil, Drehbuch, Botschaft) gefallen hat und dazu noch einer der wenigen Filme dieses Wettbewerbs war, die mich unterhalten und nicht nur deprimiert haben.

 

Großer Preis der Jury: Jafar Panahi (Closed Curtain)

… wegen der erschwerten Produktionsbedingungen, die dennoch einen wunderbaren Film hervorgebracht haben.

 

Den Alfred Bauer Preise lasse ich mal aus, da ich offensichtlich nicht verstanden habe, was „neue Perspektiven“ in diesem Zusammenhang bedeuten. Bei Vic + Flo Saw A Bear habe ich die nämlich nicht gesehen.

 

Harmony Lessons© Harmony Lessons Film Production

Harmony Lessons
© Harmony Lessons Film Production

Silberner Bär für die beste Regie: Emir Baigazin (Harmony Lessons)

… weil er es irgendwie geschafft hat, diese schreckliche Geschichte in schönen Bildern zu erzählen.

 

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Paulina García (Gloria) & Luminita Gheorghiu (Child’s Pose)

… weil die beiden Damen sich in ihrer Großartigkeit nichts nehmen.

 

Silberner Bär für den besten Darsteller: Andrzej Chyra (In the Name of)

… weil es auf Grund der wenigen starken Männerfiguren in diesem Wettbewerb eigentlich keine ernstzunehmende Konkurrenz gibt.

 

Side Effects© Berlinale

Side Effects
© Berlinale

Silberner Bär für das beste Drehbuch: Scott Z. Burns (Side Effects)

… weil er uns mit seinen zahlreichen Wendungen auf Trab hält und es außerdem schafft, ein gesellschaftlich relevantes Thema (Rolle der Pharmakonzerne in den USA) unterhaltsam zu verpacken.

Den Preis für eine herausragende künstlerische Leistung verleihe ich George Sluizer, weil mir Dark Blood als filmisches Experiment außerordentlich gut gefallen hat.

Außerdem führe ich das Goldene Bärchen ein, mit dem die größte Überraschung belohnt wird. In diesem Fall ist das Shia LaBeouf für The Necessary Death of Charlie Countryman, weil ich im Leben nicht gedacht hätte, dass der Transformers-Star wirklich schauspielern kann.

Meine Meinung zu den tatsächlichen Gewinnern

Dass Child’s Pose im Kampf um die Bären ganz vorne mitspielt, war irgendwie klar. Ich stehe jedoch nach wie zu der in meiner Kritik geäußerten Meinung, dass ich den Film nicht weiterempfehlen würde. Er mag künstlerisch wertvoll und für Fans des Arthouse-Kinos interessant sein, aber ein Publikumshit wird er dennoch nicht werden. Ins deutsche Kino kommt der rumänische Gewinner mit Hilfe von X-Verleih übrigens in jedem Fall. Die Vergabe des Hauptpreises ist für mich weder eine Überraschung noch ein Anstoß zu Ärger oder Kritik. Ähnlich ergeht es mir bei An Episode in the Life of an Iron Picker, der den Großen Preis der Jury erhielt. Ich fand den bosnischen Film in seiner Gratwanderung zwischen Dokumentar- und Spielfilm durchaus interessant, hätte ihn jedoch im Vergleich zu den anderen Beiträgen nicht so stark eingeschätzt. Alfred Bauer Preis für Vic + Flo? Es ist mir ein Rätsel. Offenbar habe ich entweder den Film oder den Sinn dieses Preises nicht verstanden.

Die beste Regie für David Gordon Green (Prince Avalanche) kann ich im Grunde nur befürworten, denn der Film war eine willkommene Abwechslung in diesem tiefdeprimierenden Wettbewerb. Aber trotz meiner Vorliebe für die besondere Atmosphäre des US-amerikanischen Independentkinos kann ich die Wahl der Jury hier nur schwer nachvollziehen. Da gab es meiner Meinung nach doch deutlich stärkere Konkurrenz. Paula García ist natürlich eine großartige Wahl für die beste Hauptdarstellerin, aber den Silbernen Bären für den besten Darsteller mit Nazif Mujic einem Laien zu geben, der sich selbst spielt, finde ich doch… naja… opportun. Die Auswahl an auffälligen Männerrollen war in der Tat klein, doch gab es mit Andrzej Chyra in In the Name of und Timur Aidarbekov in Harmony Lessons meiner Meinung nach auch „echte“ Schauspieler, die in Frage gekommen wären. Für mich wäre sogar August Diehl in Layla Fourie ein Kandidat gewesen, auch wenn mir der Film selbst überhaupt nicht zugesagt hat. Mit seiner gelungenen Darstellung eines komplett undurchsichtigen Mannes, der zugleich erotische Anziehung wie auch Furcht bei der Hauptfigur auslöst, hat er für mich den (dürftigen) Spannungsbogen der Geschichte quasi alleine getragen.

Was mich jedoch vollkommen irritiert, ist die lobende Erwähnung für Inch’Allah ausgerechnet von der Ökumenischen Jury. Ich empfinde den Film als derartig einseitig, dass ich mir vor lauter Ärger bei der Vorführung sogar den Applaus verkniffen habe. Statt ein ausgewogenes Bild des Nahostkonflikts zu zeichnen und damit die Basis für gegenseitiges Verständnis zu legen, schafft Inch’Allah durch seine starke palästinensische Perspektive und die Verteufelung der Israelis meines Erachtens nach neue Fronten.

Grundsätzlich bin ich aber mit den Entscheidungen der Jurys „zufrieden“ und gehe darüber hinaus davon aus, dass insbesondere die Wettbewerbsjuroren von ihrem Fach doch deutlich mehr Ahnung haben als ich. An dieser Stelle ist ein bisschen Demut angebracht. Man kann ja nicht immer nur meckern. Nicht mal als Kritikerin.

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