filmosophies Berlinale-Rückblick – Teil 2

by on 02/20/2013
Dieses Bild aus Hong Sangsoos "Nobody's Daughter" spiegelt in etwa meinen Zustand am 10. Berlinale-Tag© Jeonwonsa Film Co.

Dieses Bild aus Hong Sangsoos „Nobody’s Daughter“ spiegelt in etwa meinen Zustand am 10. Berlinale-Tag
© Jeonwonsa Film Co.

So ein Filmfestival besteht ja nicht nur aus der Preisverleihung und so möchte ich im zweiten Teil meines Berlinale-Rückblicks ein paar persönlichere Betrachtungen sowie grundsätzliche Verbesserungsvorschläge zum Besten geben.

 

Jenseits der Stille

Im Gegensatz zu allen (!) anderen großen europäischen Filmfestivals findet die Berlinale im Winter statt. Daher lässt sich die eine oder andere Erkältung natürlich nicht vermeiden. Schlafentzug und Fast-Food tun ihr Übriges um nach einigen Tagen auch den letzten Kollegen erkranken zu lassen. Das hat eine beträchtliche Geräuschkulisse zur Folge, nicht nur – aber auch – im Kino. Man stelle sich das so vor: Das Licht erlischt, der Vorhang des Berlinale-Palasts öffnet sich, der altbekannte Trailer läuft. Dann wird es still, denn ein deprimierender und sparsam inszenierter Wettbewerbsfilm ohne Musikuntermalung beginnt. Der erste Huster erklingt. Dann der zweite. Der Dritte. Und immer so weiter. Als gäbe es ein geheimes Spiel namens „Jenseits der Stille“, dessen Ziel es ist, dass jeder Huster von einem weiteren abgelöst wird, so dass der Zuschauerraum ja nie zur Ruhe kommt. Ein Glück premierte Contagion seiner Zeit in Venedig. In Berlin wäre sicher eine Massenpanik ausgebrochen.

 

Auch im Journalistenschreibzimmer fühlte ich mich durch hustende und schniefende Kollegen manchmal ein wenig belästigt, versuchte meine strapazierten Nerven jedoch stets durch ein freundliches Lächeln zu kaschieren, schließlich ist niemand freiwillig krank. Da Schlafentzug bei mir jedoch meist umgehend zu einer Senkung der akustischen Toleranzgrenze führt, litt ich unter meinem freundlichen Antlitz Höllenqualen. Die Krönung all dieser Geräusche war mein Sitznachbar in Dark Blood. Nicht nur, dass er permanent seinen Schnodder genüsslich hochzog, statt sich zu schnäuzen (er besaß Taschentücher, was ich bemerkte, als er EINMAL davon Gebrauch machte). Er warf sich auch mit einer derartigen Dynamik wiederholt in seinen Sitz, dass die Vibration mich jedes Mal aus meinem eigenen herauszukatapultieren schien. Die Krönung dieser Performance war jedoch musikalischer Art, denn der Kollege fing mitten im Film an, ein Lied zu summen! Ob es sich hier um die Folge eines Fiebertraumes oder doch kulturell bedingter, abweichender Kinoverhaltensregeln handelte, wage ich nicht zu beurteilen.

 

Inhaltliches: Der Kritiker-Suizid-Quotient (KSQ)

Die Berlinale 2013 war vor allem eins: deprimierend. Ich kann mich nicht entsinnen, dass mir dies im vergangenen Jahr ebenso stark aufgefallen wäre, obwohl ich grundsätzlich vermute, dass es sich hier um eine notwendige Grundstimmung handelt. Während ich mich schon vielfach gefragt habe, wodurch sich Panorama- und Wettbewerbsfilme eigentlich unterscheiden, liegt eine notwendige (wenn auch nicht hinreichende Bedingung) für eine Bären-Trophäe auf der Hand. Je mehr ein Film deprimiert, desto besser sind seine Chancen. Dabei sollte vor allem die Handlung den Zuschauer betrüben, es kann aber auch nicht schaden, die Geschichte besonders sparsam zu inszenieren und unaufgeregt zu erzählen. Filmmusik ist was für den Mainstream und für Leute, die nicht in der Lage sind, das Kino intellektuell zu durchdringen. Wir Arthaus-Bewohner benötigen Derartiges nicht. Es geht auch ohne. Die Probleme, die der Film zur Sprache bringt, sollten möglichst weltumspannend sein, möglichst gravierend und relevant und aussichtslos und es ist unbedingt notwendig, dass sie nicht nur am Rande thematisiert werden, sondern den Schwerpunkt des Films bilden. In keinem Fall ist es zu akzeptieren, dass ein Film ein schweres Thema unterhaltsam verpackt, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Je weniger Leute der Film anspricht, desto besser. Die Qualität eines Berlinale-Wettbewerbs errechnet man durch den KSQ – den Kritiker-Suizid-Quotienten. Dabei teilt man die Anzahl der Kritiker, die sich während und auf Grund des Wettbewerbs das Leben genommen haben, durch die Anzahl der Filme, die sie jeweils vor ihrem Tod im Laufe des Festivals gesehen haben. Dabei wird stets ein KSQ von 1,0 angestrebt.

So habe ich den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb erlebt, mit einigen wenigen Ausnahmen. Gloria, Prince Avalanche und vor allem Side Effects behandelten zwar immer noch schwere Themen, taten dies aber auf unterhaltsame Art und Weise. Ich sehe daran nichts Falsches. Im Gegenteil empfinde ich es als Leistung, wenn es einem Filmemacher gelingt, ein breites Publikum für ein wichtiges Thema zu sensibilisieren. Also wenn es schon darum geht, gesellschaftliche Missstände in den Fokus zu rücken, warum dann nicht auf eine Weise, die auch Zuschauer jenseits der alten Festivalhasen anlockt?! Dass trotzdem noch Platz für künstlerisch anspruchsvolles Kino bleibt, versteht sich ja von selbst. Eine ausgewogene Zusammenstellung wäre meiner Meinung nach jedoch erstrebenswert.

 

Zehn Ideen für die Berlinale 2014

Ich spreche mich hiermit für folgende, ganz praktische Veränderungen aus:

  1. Das Festival legt nach genau 5 Tagen eine Pause ein, in der sowohl Kritiker als auch Veranstalter und Hardcore-Privatzuschauer ihre Kräfte sammeln können.
  2. Wenn es an einem Tag nur zwei statt drei Pressevorführungen zu Wettbewerbsfilmen gibt, wird die erste Vorstellung in den Slot der zweiten geschoben, so dass alle einmal ausschlafen können.
  3. Neben dem Schreibzimmer für Journalisten wird ein Schlafzimmer mit Feldbetten eingerichtet, in dem jedem akkreditierten Festivalteilnehmer eine halbe Stunde Power-Napping zusteht.
  4. Das Mitbringen von Getränken in den Berlinale Palast ist verpflichtend, um eventuelle Hustenanfälle durch die Aufnahme von Flüssigkeit abzuschwächen.
  5. Neben Wasser ist Club Mate kostenlos verfügbar. Wenn dies aus Kostengründen nicht möglich ist, wäre es das mindeste, diesen Müdigkeitskiller zu Einkaufspreisen im Pressebereich anzubieten.
  6. Die BMWs, mit denen die Stars von ihrem Hotel zum Kino transportiert werden, stehen auch den Kritikern zur Verfügung, die auf diesem Wege insbesondere in den späten Abendstunden nicht mehr auf die BVG angewiesen sind. Das Bilden von Fahrgemeinschaften versteht sich von selbst.
  7. Den Kollegen, die des Englischen nicht mächtig sind und daher auf ein Voice-Over in ihrer Landessprache per Kopfhörer zurückgreifen müssen, steht ein separates Screening zur Verfügung, um die Kollegen, die in der Schule aufgepasst haben, akustisch zu entlasten.
  8. Pressevorführungen, bei denen abzusehen ist, dass sie eine große Masse an Journalisten anziehen werden, finden in Kinosälen angemessener Größe statt.
  9. Wer bei einer Pressekonferenz eine dumme Frage stellt, wird für den aktuellen und kommenden Tag gesperrt, darf aber selbstverständlich der Veranstaltung noch still beiwohnen.
  10. Statt eines Berlinale-Katalogs, in den niemand mehr reinschaut, weil er in Gänze online steht und unfassbar schwer ist, gibt es wieder qualitativ hochwertige Berlinale-Taschen, die man tatsächlich das Festival über verwenden kann, um Laptop, Wasserflasche und Notizblock zu transportieren. Alternativ kann auch ein Kasten Club-Mate bestellt werden.

Für weitere Vorschläge bin ich offen. Vielleicht können wir ja gemeinsam ein paar „Thesen“ formulieren und diese an den Berlinale-Palast anschlagen.

 

In diesem Sinne: Ich freue mich auf nächstes Jahr!

2 Responses to “filmosophies Berlinale-Rückblick – Teil 2”

  • Ich möchte hiermit nachdrücklich meine Unterstützung der Punkte sieben bis zehn zum Ausdruck bringen. Wenigstens sollte aber vor(!) der Verwendung der Kopfhörer eine Einführung in ihre Benutzung verpflichtend sein – und auch die Lautstärke sollte nicht mehr beliebig eingestellt werden können.

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