Finding Vivian Maier – Eine zauberhafte Nanny

by on 02/10/2014
© Berlinale

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Zum Dasein eines Street Photographers gehört eine ganze Menge Chuzpe. Er muss sein Handwerk beherrschen wie kein anderer, denn es steht ihm keine professionelle Studioatmosphäre zur Verfügung, das Licht kommt woher es will, die Menschen auf der Straße halten nicht still, der Moment ist flüchtig. Damit kommen wir schon zum zweiten Punkt: Der Street Photographer lebt permanent in der Angst, den einen magischen Augenblick zu verpassen. Und nicht zuletzt begibt er sich nicht selten in akute Gefahr. Nicht jeder Mensch auf der Straße will zum Subjekt einer Fotografie werden. In dunklen Ecken und verräucherten Hinterhöfen, in den weniger angesehenen Stadtteilen zu fotografieren, ist nicht immer nur ein Spaß. Und dann stelle man sich das Ganze noch mit einer Horde Kinder im Schlepptau vor.

Niemand hätte dieser schmalen, zurückhaltenden Frau mit den altmodischen Klamotten zu ihren Lebzeiten wohl die drahtseilartigen Nerven einer Straßenfotografin zugetraut. Aber genau das war Vivian Maier. Rollen wir ihre Geschichte von hinten auf: Der junge Historiker John Maloof recherchiert für ein Buchprojekt und ersteigert zu diesem Zweck eine Kiste voller alter Negative. Ohne es zu erwarten, hebt er einen lange verschollenen Schatz. Die Bilder der unbekannten Fotografin sind große Kunst. Sie hat ein Gespür für Licht und Komposition, für interessante Perspektiven und den richtigen Moment. Diese Fotos sind zu schade, um in Kisten auf einem Dachboden zu verrotten. John Maloof startet also ein ganz neues Projekt: er lässt die Bilder entwickeln, initiiert Ausstellungen und Bücher und versucht, die Werke Vivian Maiers in Museen zu bringen. Und er versucht, etwas über diese geheimnisvolle Person herauszufinden, deren Bilder Menschen auf der ganzen Welt in ihren Bann ziehen. Was er herausfindet, ist schier unglaublich: Vivian Maier war in den 1950er und 60er Jahren eine Nanny im Großraum Chicago und schoss in dieser Zeit zwar über unfassbare 100.000 Fotos – aber sie zeigte sie nie auch nur einer Menschenseele.

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Finding Vivian Maier ist das Dokument der Suche nach einer großen Künstlerin und einer geheimnisvollen Persönlichkeit. Einer Frau, die immer eine Rolleiflex bei sich trug und in ihrer Lebensart fast an Franz Kafka erinnerte. Er arbeitete in einer Versicherung, um Zeit zum Schreiben zu finden, sie arbeitete als Nanny, um die Freiheit für ihre ausufernden Spaziergänge zu haben. John Maloof und Charlie Siskel spüren in ihrem Film alte Weggefährten der mysteriösen Frau auf, von denen es ehrlicherweise nicht allzu viele gibt. Es sind neben einer alten Freundin hauptsächlich die Kinder, die Maier vor Jahrzehnten betreute. Sie alle erzählen ihre Variante der Geschichte, und langsam setzen sich die Puzzleteile zu einem erkennbaren Bild zusammen. Vivian Maier hatte schon zu Lebzeiten ein Geheimnis aus sich gemacht: niemand durfte je ihr Zimmer betreten, geschweige denn ihre Fotos sehen. Nicht einmal über ihre Herkunft verriet sie etwas. Ihre alten Weggefährten hielten sie aufgrund ihres französischen Akzents allesamt für eine Europäerin und fallen aus allen Wolken, als Maloof ihnen berichtet, Maier sei in New York geboren worden.

Bei all der Geheimnistuerei stellt sich natürlich irgendwann die Frage, ob die Veröffentlichung von Finding Vivian Maier, aber auch von all den Bildbänden und Ausstellungen eigentlich richtig waren. Schließlich hat die Frau einen Großteil ihrer Energie darauf verwendet, ihre Werke und Geheimnisse vor den Menschen zu verstecken. Ob es Vivian Maier so recht gewesen wäre, ihre Arbeit in aller Öffentlichkeit ausgebreitet zu sehen? Ob sie sich überhaupt der Tatsache bewusst war, dass ihre Bilder wirklich gut waren? John Maloof ist sich dieser Fragestellung durchaus bewusst und gibt sogar an einer Stelle zu, sich deswegen manchmal etwas schuldig zu fühlen. Sein Film verhandelt die ganze Zeit über unterschwellig diese Problematik: Gehört die Arbeit eines Künstlers in erster Linie ihm oder der Öffentlichkeit? Zeugt es von Bescheidenheit, von fehlendem Selbstvertrauen oder doch sogar von Egoismus, die eigenen Werke allen anderen vorzuenthalten?

Im Fall Vivian Maiers ist diese Frage wirklich schwierig zu beantworten. Die Filmemacher verzichten bei all ihren außerordentlichen Fähigkeiten nämlich glücklicherweise darauf, aus der Frau eine Künstlerin zu machen, die übermenschlich verehrenswert über dem Boden schwebt. Sie zeigen sie vielmehr als durchaus komplizierte Person mit einer ausgeprägten dunklen Seite. Sie hatte eine große Faszination für Kriminalität, nahm ihre Schützlinge mit in die schäbigsten Ecken der Stadt und machte auch vor drakonischen Strafen nicht Halt wenn die lieben Kleinen nicht nach ihrer Pfeife tanzten. Aber so rätselhaft die Frau auch bis zum Schluss bleibt: Letztlich ist Finding Vivian Maier einfach rund. Wir bekommen reichlich bisher unveröffentlichte Fotografien Maiers zu Gesicht, sind anderthalb Stunden lang absolut von ihrer Geschichte gefesselt und nicht zuletzt ist die Dokumentation auch filmisch mit einem gelungenen Händchen gesegnet. Alles andere würde den großartigen Arbeiten Maiers auch nicht gerecht. Sie bleibt bis zum Ende ein Mysterium. Na, so ist das eben mit Straßenfotografen. Sie sind mitten drin und doch nie so richtig mit dabei. „Ich bin sowas wie ein Spion“, so drückte es Vivian Maier einmal selbst aus. Das trifft es auf den Punkt.

Finding Vivian Maier auf der offiziellen Berlinale-Website

Kinostart: 26. Juni 2014

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