Fliegende Liebende

by on 05/16/2013

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© Tobis

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Seit Sprich mit ihr bin ich ein großer Fan von Pedro Almodóvar. Vor allem auch deswegen, weil es hierzulande nur selten die Möglichkeit gibt, spanische Kinofilme in der Originalsprache zu sehen und Almodóvars Werke zu den wenigen gehören, die hier in ihrer ursprünglichen Fassung eintreffen. Leider galt das für die Pressevorführung von Fliegende Liebende nicht, was ich insbesondere bei einer Komödie unvorteilhaft finde. Es mag also sein, dass meine etwas verhaltene Reaktion auf die Synchronisation zurückzuführen ist.

Ein Flugzeug kreist über Spanien. Es ist auf der Suche nach einem geeigneten Flughafen für eine Notlandung. Die Passagiere der zweiten Klasse wurden mit Schlafmitteln betäubt, um eine Panik zu verhindern, und nur die erste Klasse, sowie die Piloten und drei Stewarts sind noch bei Bewusstsein. Der begrenzte Raum wird zu einem Mikrokosmos, in dem die sozialen Regeln über Bord geworfen werden. Die Tabus des Lebens auf der Erde gelten nicht mehr und bald plaudern alle beherzt aus dem Nähkästchen der eigenen Sexualität. Doch auch das ist nur ein Ablenkungsmanöver. In Vorbereitung auf ein mögliches Ableben, beginnen die Passagiere sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen. Mit Hilfe eines Bordtelefons treten sie in Verbindung mit ihren Lieben. Auch hier gibt es keine Privatsphäre, keinen Schutzraum: In diesem Flugzeug ist alles öffentlich. Während sich die Crew endlich auf die Notlandung vorbereitet, fallen auch die letzten Hüllen und die Stunde der Wahrheit ist gekommen.

Rein vom Inhalt ausgehend, könnte Fliegende Liebende auch ein ernster Film sein oder zumindest einer dieser melancholisch-verdrehten Independent-Filme, wie sie die Amis gerne machen. Aber Pedro Almodóvar hat eine Komödie gedreht: quietschbunt und immer nah an der Grenze zwischen wohl proportionierter Übertreibung und Lächerlichkeit. Das Konzept lässt sich wohl am ehesten als „campy“ beschreiben. Sexualität, insbesondere Homosexualität, steht permanent im Zentrum der Gespräche der Passagiere, was in den kritischsten Momenten ein wenig an postpubertären Zwangsvulgarismus erinnert. Es ist schlicht unmöglich, sich Fliegende Liebende realistisch anzunähern. Wie Almodóvar selbst sagt: Dieser Film ist reinste Fiktion.

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Optisch ist das Konzept zweifelsohne gelungen. Das Design der erfunden Fluggesellschaft „Peninsula“ ist gerade so bunt, dass es nicht mehr real erscheint, gleichzeitig aber so standardisiert, dass wir den Bezug zur Realität gerade noch herstellen können. Almodóvars Lieblingsfarbe rot, die übrigens auch meine ist (vielleicht liebe ich seine Film deshalb so sehr), ist etwas weniger präsent, aber immer noch als Farb-Motiv erkennbar.

Weniger gelungen ist in meinen Augen die Komik, die mir leider nur selten echte Lacher entlocken konnte. Auch der komödiantische Höhepunkt, auf dem die drei Stewarts zu „I’m so exited“ von den Pointer Sisters eine Tanzperformance hinlegen, hatte auf mich ebenso wenig eine Wirkung wie auf die gestressten Passagiere des Flugzeugs. Durch das Übermaß an sexuellen Anspielungen wirkte Fliegende Liebende auf mich wie eine Arthaus-Version von American Pie. Neben Slapstick und eher platten, sexuell aufgeladenen Witzchen, sind es die Figuren, allen voran Javier Cámara als Kabinenchef Joserra und Carlos Areces als Stewart Fajas, die einen ansprechenderen Humor entfalten. Auch wenn sie als übertriebene Klischee-Schwule inszeniert werden, entwickelt ihr Schauspiel insbesondere in den Details – Mimik, sich wiederholende Gesten – eine gelungene Komik.

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Was aber soll nun dieses ewige Gerede von Blow Jobs, sexueller Identität, Dominanz und Rollentausch? Auch wenn der Regisseur über seinen Film sagt, dass das Urteil „Almodovaresk“ ihn eher ratlos stimme, ist dies genau die Bezeichnung, die in meinen Augen zutrifft. Die lange Reihe bekannter Gesichter – ganz zu Beginn haben Antonio Banderas und Penélope Cruz einen kurzen Gastauftritt – zusammen mit den altbekannten thematischen und farblichen Motiven erwecken den Eindruck der Selbstreferentialität, als würde sich Pedro Almodóvar in gewisser Weise selbst karikieren. Fliegende Liebende ist ein Film, dem man den Spaß ansieht, den Regisseur, Schauspieler und andere Beteiligte während des Drehs gehabt haben, aber nicht notwendiger Weise ein Film, der dem Publikum eben solchen Spaß bereitet wie der Filmcrew.

Auch wenn der Humor in meinen Augen – zumindest in der deutschen Version – nicht gut funktioniert, ist Fliegende Liebende ein erstaunlich kurzweiliges Filmvergnügen. 80% der Handlung spielen in den arg begrenzten Räumen des Flugzeuges und im Grunde sind die Teile der Handlung, die unten auf der Erde stattfinden, vollkommen verzichtbar. Schade, dass Almodóvar hier nicht noch konsequenter in der Umsetzung seiner Idee war und den Mikrokosmos Flugzeug dann doch immer wieder verlässt, anstatt ein reines Kammerspiel in luftigen Höhen zu inszenieren.

Es fällt mir schwer, an dieser Stelle ein Fazit zu ziehen. Humor ist eben Geschmackssache und während mich manch eine Episode eher ratlos die Stirn runzeln lässt, mag jemand anderes in schallendes Lachen ausbrechen. Bei einem bin ich mir jedoch sicher: Pedro Almodóvar hat genau den Film gemacht, den er machen wollte. Was wir davon halten, ist irgendwie sekundär. Ich glaube, Fliegende Liebende kann uns viel über seinen Filmemacher erzählen, darüber was ihn beschäftigt und was ihn amüsiert. Insofern ist mein Fazit, ich muss es leider noch mal sagen: „Almodovaresk“.

KINOSTART: 4. Juli 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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