Fräulein Julie – Der Kopf zwischen Himmel und Hölle

by on 10/29/2014

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© Alamode Film

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Eine Theateradaption mit einer Frau und einem Mann im Machtkampf, Leidenschaften und Abhängigkeiten, beengte Innenräume, seitenlange Dialoge. Das klingt beinahe wie die Beschreibung von Venus im Pelz, dem Kammerspiel von Roman Polanski aus dem vergangenen Jahr. Fräulein Julie funktioniert ganz ähnlich, ist aber doch ein völlig anderer Film. Basierend auf dem gleichnamigen Drama von August Strindberg erzählt er die Geschichte der Adligen Julie (Jessica Chastain), die sich die Zeit in der langen Mittsommernacht bei einem Tänzchen mit ihren Angestellten vertreibt. Dabei verliebt sie sich in ihren Diener John (Colin Farrell), der eigentlich mit der Köchin Kathleen (Samantha Morton) verlobt ist. Zwar steht er den gängigen Standesregeln zufolge unter ihr, als gebildeter und weit gereister Mann übt er jedoch eine starke Anziehungskraft auf die einsame Tochter des Barons aus.

Obwohl das Theaterstück von Strindberg zum Repertoire unzähliger Bühnen gehört, muss ich zugeben, es weder gelesen, noch jemals in einer Inszenierung gesehen zu haben. Ja, noch nicht einmal die diversen Verfilmungen von 1912 bis 1951 habe ich mir zu Gemüte geführt. Es sei mir verziehen, hoffe ich, und verweise ein bisschen altklug darauf, dass ein Film auch als Adaption ja durchaus für sich stehen kann. Trotzdem war ich dann doch neugierig und habe ein bisschen recherchiert. Es dauerte gar nicht lang, bis ich auf die Einleitung zum Stück stieß, in der der Autor 1888 seine Idee des Naturalismus ausführte. Nun bin ich alles andere als eine Verfechterin radikaler Werktreue, doch es scheint mir, als habe sich Regisseurin Liv Ullmann tatsächlich sehr akkurat an der Vorlage entlang gehangelt. Setzen wir also einmal voraus, dass der von Strindberg propagierte Naturalismus auch ihr Anspruch war. Es stellt sich mir also die Frage: wie gerecht wird sie ihrem Ziel? Und vor allem: was kann uns ein Werk aus dem Jahre 1888 im damaligen Stil heute noch sagen?

August Strindberg nannte in seinem Text eine ganze Handvoll Merkmale, die seine Idee des Naturalismus auszeichnen. Ich habe sie für meine Ausführungen auf drei zentrale Punkte herunter gebrochen. Wollen wir doch mal sehen, ob Fräulein Julie ihm gefallen hätte. An dieser Stelle noch eine Warnung: SPOILER ließen sich hier nicht vermeiden.

© Alamode Film

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1. Die Figuren müssen komplex und psychologisch lesbar sein

Wenn das mal nicht zutrifft, dann weiß ich auch nicht. Wer das Drama von August Strindberg kennt, weiß, dass die darin enthaltenen Figuren ziemlich kompliziert angelegt sind. Julie wurde von ihrer früh verstorbenen Mutter eher als Junge erzogen, leidet unter Liebesentzug jeglicher Art, will sich hingeben und gleichzeitig nicht Sklavin werden. John stammt hingegen aus der armen Unterschicht, will um jeden Preis in der Gesellschaft aufsteigen und beginnt dabei zu ahnen, dass sein Ziel vielleicht nicht unbedingt das Erstrebenswerteste ist. Fräulein Julie ist für seine Figuren ein einziger schmerzhafter, lange währender Prozess, eine Tour de Force sämtlicher nur vorstellbarer Gefühle und Machtkonstellationen zwischen zwei Menschen. Dass Jessica Chastain als Schauspielerin eine unvorstellbare Bandbreite abrufen kann, ist allgemein bekannt. Sie keift und schreit, schmeichelt und verführt, sie wird von der herrschsüchtigen Domina zum naiven Kind, zur Halbverrückten, deren getriebener Blick an ein aufgescheuchtes Huhn erinnert. Aber sogar der von mir in der Regel weniger geschätzte Colin Farrell füllt seine Rolle mit Bravour aus. Es gelingt ihm, seine doch im Grunde recht simpel motivierte Figur so nuanciert zu verkörpern, dass er uns in letzter Konsequenz ein Mysterium bleibt.

2. Der visuelle Stil soll der Wirklichkeit entsprechen

Länger als zwei Stunden kommen wir in das Vergnügen, Fräulein Julie auf der großen Leinwand zu betrachten – und für meinen Geschmack ist das doch etwas arg viel. Die extrem langsame Erzählweise gibt Liv Ullmann aber auch die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer auf Dinge zu lenken, die sich auf den ersten Blick vielleicht nicht erschließen. Fräulein Julie spielt sich in einer einzigen langen Nacht ab, in einem einzigen Schloss mitsamt dem angrenzenden Garten, zwischen nur drei Figuren. Natürliche Ausstattung und Beleuchtung, keine unnütz dramatisierenden Nebenhandlungen, nüchterne Kostüme, prosaische Dialoge – alle stilistischen Grundzüge des Naturalismus sind erwartungsgemäß gegeben. Liv Ullmann verzichtet aber auch auf ein paar absolut konventionelle Mittel des Films: zum Beispiel sehen wir nie establishing shots des kompletten Schlosses, Rückblenden auf die oft erwähnte Vergangenheit der Figuren oder eine Parallelmontage auf den heran nahenden Baron. Ganz im Gegenteil: wir sehen tatsächlich nur, was auch die Figuren sehen können. Und so erhalten wir auch mehr und mehr eine Ahnung davon, wie sie ticken, was sie empfinden. Ihre Leben drehten sich auf die eine oder andere Art seit jeher um dieses Schloss und die damit verbundenen Lebensweisen. Wie kann man bei dieser geistigen Fixiertheit nicht den Verstand verlieren?

3. Die Handlung soll sich auf das wahre Leben anwenden lassen

Kommen wir zur Probe aufs Exempel: die Anwendbarkeit. Denn Eines muss noch unmissverständlich festgehalten werden. Die Ansprüche des Naturalismus in allen Ehren – letzten Endes sehen wir in Fräulein Julie so wie bei jedem anderen Kunstwerk diesen Stils keine Repräsentation der Realität, sondern eine künstliche Inszenierung. Das fängt bei der konstruierten Handlung an (John will hinauf, Julie herab) und hört bei Stilmitteln wie der Kameraführung und Montage auf.

Nun lässt sich ein Kunstwerk nicht vollständig aus seiner Entstehungszeit herauslösen. Die Liaison einer Adligen mit ihrem Diener war Ende des 19. Jahrhunderts wohl noch undenkbar, ganz zu schweigen von einer daraus resultierenden Schwangerschaft. Dass ihr am Ende nichts anderes übrig bleibt, als sich den Selbstmord befehlen zu lassen, ist in einem Film aus dem Jahre 2014 aber eben doch etwas anachronistisch. Julie stirbt vielleicht in inszenierter Schönheit – aber sie stirbt. Geopfert in einem Machtspiel aus Klassen- und Gender-Unterschieden, Erziehungsideale versus innerste Bedürfnisse. Und dass Samantha Morton als brav sittsame Köchin auch noch repräsentiert, wie die perfekte fromme Frau ihrer Zeit sich zu verhalten hat, macht das Ganze nicht besser. All diese Fragen treiben unsere Gesellschaft und viele ihrer Individuen auch heute um – keine Frage. Und viel zu oft endet es für jemanden tragisch. Aber doch: ein kleiner Teil von mir hätte sich einen modernen und mutigen Twist von Liv Ullmann gewünscht, voller Stärke und Zuversicht. Denn wie sagt ein guter Freund immer so schön? Die Hölle fängt im eigenen Kopf an. Aber der Himmel auch.

Kinostart: 22. Januar 2015

 

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