Frankenweenie

by on 01/22/2013

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© Disney Enterprises, Inc.

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Tim Burton hatte in meinen Augen stark abgebaut. Die charakterlosen, routinierten Stil-Selbstbeweihräucherungen Alice im Wunderland und Dark Shadows machten mir klar, dass Herr Burton von nun an künstlerisch vollkommen ausgebrannt sein muss. Wie ich mich geirrt habe. Die Pressevorstellung zu Frankenweenie ließ mich lachen, nachdenklich werden und gelegentlich sogar die ein oder andere Träne unterdrücken.

Dabei ist die Geschichte denkbar einfach. Frankenweenie ist die Neuauflage des gleichnamigen Burton-Kurzfilms aus den 80er-Jahren. Ein Junge belebt seinen überfahrenen Hund mittels Frankensteinscher Blitzkur wieder, nur damit dieser von seiner suburbanen Umgebung als Monster gebrandmarkt wird. Der neue Frankenweenie spinnt diese Geschichte in schwarz-weißer Stop-Motion-Optik weiter: Victor Frankenstein (Originalstimme: Charlie Tahan) ist ein nachdenklicher Junge in der Vorort-artigen Stadt New Holland. Seinen Hund Sparky (Frank Welker) liebt er über alles, doch eines Tages wird er überfahren. Durch seinen Physiklehrer (Martin Landau) erfährt er, dass die Nervensysteme von Lebewesen mit elektrischen Impulsen funktionieren. Natürlich flickt er also seinen Hund wieder zusammen und belebt ihn in einer gewitternden Nacht wieder. Gleichzeitig steht ein Wissenschaftswettbewerb an, den auch sein Schulkollege Edgar (Atticus Shaffer) gern gewinnen würde. Das Plappermaul verrät Victors Geheimnis und bald nutzen auch die ebenfalls am Sieg interessierten Nassor (Martin Short, der auch Mr. Frankenstein spricht), Toshiaki (James Hiroyuki Liao), Bob (Robert Capron) und „das seltsame Mädchen“ (Catherine O’Hara, die auch Mrs. Frankenstein spricht) Victors Methode. Mit gefährlichen Resultaten, die das ohnehin schon merkwürdige New Holland in ein Phantasmagorium der Alptraumgestalten verwandeln.

Merkwürdigkeit ist Tim Burtons Steckenpferd. Die Figuren sehen ungesund aus und fast alle haben mehr oder weniger unheimliche Ticks, was im Gegensatz zur biederen Vorstadtkulisse steht. Wer sich hier an Edward mit den Scherenhänden erinnert fühlt, liegt richtig. Denn obwohl das Merkwürdige bei den letzten Filmen von Tim Burton nur noch eine Stilübung um ihrer Selbst willen war, ist Frankenweenie eine Rückkehr zu den Wurzeln: Die „Weirdness“ ist ein Mittel zum Zweck einer Aussage über das Außenseitertum und dessen manchmal vorteilhaftere Blickwinkel. Das gelingt in Frankenweenie (hoffentlich nicht) ausnahmsweise mal wieder. Für alle, die den Verlust eines Haustiers erlebt haben oder sich das zumindest vorstellen können, bringt Frankenweenie alte Gefühle auf authentische, wenn auch um Fantasy-Elemente bereicherte Weise wieder zum Vorschein. Es geht um die Grenzen der menschlichen Kontrolle über die Welt (Herrschaft über Leben und Tod) und die Tatsache, dass wir irgendwann einfach loslassen müssen. Noch mehr aber geht es um die Tatsache, dass wir damit nicht gleichzeitig unsere Fantasie loslassen müssen und der Tod auch anders betrachtet werden kann.

Auf dieser Grundlage funktioniert Burtons makaberer Humor wieder und selbst sein gelegentlich an pseudomelancholische Hobby-Goths erinnernder Stil ist nicht mehr lästig, sondern passend. Es ist lustig, wenn eine Katze prophetisch die Anfangsbuchstaben der Freunde ihres Frauchens kackt und es ist lustig, wenn ein inspirierender Wissenschaftslehrer gefeuert werden soll, weil er (seine Worte) „in die Gehirne“ seiner Schützlinge gelangen möchte. Die Bewohner von New Holland werden so oft bösartigst auf die Schippe genommen, sind aber gleichzeitig mit soviel Liebe ausgestattet, dass keine Figur nur zum Wegwerfmaterial wird. Eine kleine Ausnahme ist hierbei wohl Elsa Van Helsing: Die von Winona Ryder gesprochene Tochter des Bürgermeisters und Besitzerin von Sparkys geliebter Pudeldame ist scheinbar eben nur das: Die Besitzern der Pudeldame und bei Bedarf die Jungfrau in Nöten. Ich kann nicht alles haben.

Frankenweenie ist trotzdem eine gelungene Parodie auf das Vorstadtleben, aber auch ein Fest für Horror-Fans. Kaum eine Minute vergeht, in dem nicht eine Referenz an alte Klassiker gebracht wird. Ob nun Frankenstein, Frankensteins Braut, Die Munsters, Gremlins, japanische Kaiju-Filme wie Godzilla oder die trashigen Horrorfilme der Marke Hammer (Dracula), alle werden verarbeitet. Dabei werden wir nie aus der Geschichte gerissen, die Referenzen sind mehr Randnotizen in Form von Gags, Hintergrundgegenständen, Fernsehfilmen oder Manierismen, kleine Hommagen, die sich nicht aufdrängen und für Fans das kleine bisschen mehr an Charme bedeuten. Immer wieder kehrt der Film zu seinem narrativen Herz zurück, vergisst nie, dass hier eine Geschichte um einen Jungen und seinen Hund (oder umgekehrt) erzählt wird.

Das Bemerkenswerteste an Frankenweenie ist aber das, was er den Kindern zutraut. Mit FSK 12 wird zwar auf Nummer sichergegangen, aber trotzdem sind der schwarze Humor und das ernste Themengebiet von Frankenweenie fordernd, für manche Kinder vielleicht zu fordernd. Allerdings bin ich damals auch bei Aladdin weinend aus dem Kino gerannt, meine Einschätzung ist nicht unbedingt repräsentativ für heutige Kinder. Aber selbst, wenn es ein paar Kindern dann doch zuviel sein sollte: Tim Burton hat kapiert, dass die Naivität in einem Kinderfilm nicht gleichzusetzen ist mit grenzdebilem Simplizismus, dass Kinder durchaus ihr Hirn gern benutzen und sich dieses ruhig auch mit ernsterem Stoff zermartern können (und sollen).

Ich weiß nicht, was den plötzlichen Aufschwung in Tim Burtons Ouevre gebracht hat: War es das Medium Kinderfilm? Stop-Motion? Der Verzicht auf den Standard-Cast mit Helena Bonham-Carter und Johnny Depp? Die Tatsache, dass ihn der Kurzfilm Frankenweenie wieder zu seinen Wurzeln brachte? Jeder und keiner dieser Faktoren könnte sich positiv auf Frankenweenie ausgewirkt haben. Tim Burton ist plötzlich nicht mehr „faul“ (sofern ein Millionen-schwerer Regisseur faul sein kann) und lässt Kreativität walten. Mir egal, was ihn dazu getrieben hat: Bitte mehr davon.

KINOSTART: 24. Januar 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

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