Frankophones Dreierlei – filmosophie.com besucht die Französische Filmwoche

by on 12/15/2013
© Katrin Doerksen

© Katrin Doerksen

Nachdem ich mit Madame empfiehlt sich und Violette zunächst zwei Filme auf der Französischen Filmwoche gesehen hatte, die zu den größeren dort gezeigten Produktionen gehörten und einen baldigen deutschen Kinostart vorweisen können, standen als nächstes drei kleine Filme an, die es in deutschen Lichtspielhäusern wohl nicht so schnell wieder zu sehen geben wird. In einigen Fällen ist das schade, in anderen weniger.

Une bouteille à la mer – Liebe im Schatten der Politik

Filme und andere Auswüchse der Popkultur können unsere Denkweisen stärker prägen, als wir es im ersten Moment manchmal wohl vermuten wollen. An mir stelle ich manchmal ganz unmittelbar fest, dass Filme etwas mit mir machen, etwas in mir auslösen. Es gab Anfang des Semesters eine Phase, in der wir in der Uni permanent Filme über Krieg und Bombenattentate sahen und plötzlich schaute ich mich in der U-Bahn nach verdächtig dreinschauenden Personen und allzu weiten Mänteln um. Ganz ähnlich geht es Tal (Agathe Bonitzer) im Drama Une bouteille à la mer von Thierry Binisti. Nur, dass ihr Misstrauen keine eingebildete Paranoia ist, sondern einer realen Bedrohung entspringt. Tal lebt in Jerusalem und obwohl sie eine lebenslustige junge Frau ist, traut sie sich kaum, mit dem Bus zu fahren oder den Nachmittag in einem Café zu bringen, denn immer wieder sind diese öffentlichen Orte Ziele von Selbstmordanschlägen. Während sich Eltern und Freunde, die israelische Gesellschaft im Allgemeinen an die ständige Gefahr gewöhnt und ihrem Alltag nachgeht, sträubt sich alles in Tal dagegen, den üblichen Galgenhumor zu adaptieren und den schwelenden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, Juden und Moslems einfach so als gegeben hinzunehmen. Also bittet sie ihren Bruder, einen Soldaten, an der Grenze eine Flaschenpost von ihr ins Meer zu werfen. Naim (Mahmud Shalaby) aus Gaza findet die Nachricht und antwortet.

© Diaphana Films

© Diaphana Films

An Une bouteille à la mer bin ich völlig ohne Vorwissen und Erwartungen herangegangen, und manchmal sind es genau diese Filme, die uns letztlich am nachhaltigsten beeindrucken. Nicht nur bildet die kleine Produktion den Nahostkonflikt in allen möglichen Aspekten ab, ohne dabei für eine Seite Partei zu ergreifen, seine Stärken liegen vor allem in der nuancierten Figurenzeichnung. Tal steht im Mittelpunkt der Geschichte und generell ist sie die treibende Kraft hinter der Handlung. Von ihr geht nicht nur die Idee der Flaschenpost und somit einer unter Umständen unbequemen Kontaktaufnahme aus, sie schreckt auch nicht so schnell zurück, als Naim ihr anfangs mit unverhohlener Feindseligkeit gegenübertritt. Aber auch die Nebenfiguren in Une bouteille à la mer sind vielschichtig angelegt. Eine interessante Persönlichkeit ist beispielsweise Naims Mutter Intessar (Hiam Abbass), die im konservativ geprägten Gaza als alleinerziehende und gleichzeitig berufstätige Mutter ohne Kopftuch nicht nur Unterstützung von ihrer Umgebung erfährt. Sie ist es, die ausdrücklichen Wert auf die Bildung ihres Sohnes legt und ihn entgegen den Willen der Patriarchen in der Familie davon überzeugt, seinen Weg zu gehen. Durch die umfassende Perspektive, die Thierry Binisti in Une bouteille à la mer auf den Nahostkonflikt und seine Protagonisten entwickelt, eignet sich dieser Film für jedes Publikum, ob Nachrichtenboykottierer oder Fachspezialist, Teenager oder älteres Semester.

J’aime regarder les filles – Politik im Schatten der Liebe

Etwas schwieriger sieht die Sache schon bei J’aime regarder les filles aus. In der Komödie von Fred Louf spielt Pierre Niney, den wir demnächst im Biopic Yves Saint Laurent als legendären Modeschöpfer sehen werden, den Abiturienten Primo, der seine Zeit lieber im Theater und beim Lesen verbringt, als in der Schule. Besonders seinem Vater und Bruder gefällt das gar nicht, denn mit der Arbeit in einem kleinen Blumenladen in der französischen Provinz finanzieren sie ihm ein Zimmer in Paris, obwohl sie nicht unbedingt an den Sinn von Primos Bildungsweg glauben. Eines Abends lernt der Schüler auf einer Party die hübsche Gabrielle (Lou de Laâge) aus einer gutbürgerlichen Pariser Familie kennen und verguckt sich sofort in sie. Aber Gabrielle gehört zu einer Gruppe konservativer Jugendlicher, die in ihrer Freizeit gern teure Weine verkosten, den pastellfarbenen Pullover am liebsten über die Schulter geworfen tragen und auf alle Linken herabsehen. Eigentlich so gar nicht Primos Einstellung. Aber er will dazugehören, und so beginnt er, mal eben aus dem Stegreif einen neuen Familienstammbaum zu erfinden, mit dem er in seiner neuen Umgebung nicht unangenehm auffällt.

© Bac Films

© Bac Films

Die Besonderheit von J’aime regarder les filles ist wohl die Zeit, zu der der Film spielt: nämlich im Jahre 1981 während der Wahl Francois Mitterands, des ersten sozialistischen Präsidenten der Republik. Vor allem für die konservativen Kreise Frankreichs war seine Wahl damals mit zahlreichen Ängsten vor Planwirtschaft, Verstaatlichung und sowjetischen Panzern auf der Champs-Élysées verbunden und dieser historische Kontext bietet einen überaus interessanten Hintergrund für die Komödie. Genau hier liegt aber auch das Problem, denn Fred Louf vergibt die Chance, aus seinem Film ein politisch oder gesellschaftlich bedeutsames Werk mit bleibendem Wert zu machen. Die Vorurteile der linken und rechten Lager belässt er lediglich in Andeutungen, die den humorigen Teil seines Films zementieren sollen. So bleibt J’aime regarder les filles letztlich doch nur eine zwar unterhaltsame, jedoch weitgehend banale Teenagerkomödie.

Goodbye Morocco – Ein Film erstickt an seiner Handlung

Tja, auch das gibt es: Goodbye Morocco ist wahrscheinlich der schlechteste Film, den ich bisher auf einem Festival gesehen habe. Schade eigentlich. In dem Krimidrama von Nadir Moknèche spielt Lubna Azabal die Bauleiterin Dounia, auf deren Baustelle in der Nähe von Tanger ein christliches Grab mit jahrhundertealten Fresken gefunden wird. Der wertvolle Fund kommt Dounia gerade recht: Seit ihre gesellschaftlich geächteten Beziehung mit einem serbisch-stämmigen Muslim (Radivoje Bukvic) öffentlich wurde, darf sie ihren kleinen Sohn kaum noch sehen und möchte mit ihm das Land verlassen. Ihre Pläne beginnen jedoch aus dem Ruder zu laufen, als plötzlich ein nigerianischer Bauarbeiter (Ralph Amoussou) auf mysteriöse Weise verschwindet und Dounia mit unliebsamen Kollegen einen Pakt schmieden muss, um die Vorgänge auf der Baustelle zu vertuschen.

© Les Films du Losange

© Les Films du Losange

Es ist wahrscheinlich schon aus der Inhaltsangabe herauszulesen: die Story von Goodbye Morocco ist hanebüchen. Und obwohl Nadir Moknèche vom Beziehungsdrama über die Mutter-Sohn-Beziehung und bahnbrechende archäologische Funde bis hin zum Mordfall wirklich alle möglichen Register zieht, kommt das Resultat in seiner Dramaturgie und Atmosphäre kaum über die Stimmung eines beliebigen ZDF-Krimis hinaus. Es will einfach keine rechte Spannung aufkommen, denn der Regisseur reiht lieber Schicksalsschläge aneinander statt sich wirklich für die Belange seiner Figuren zu interessieren. Selbst Dounia, die als Protagonistin die meiste Zeit über auf der Leinwand zu sehen ist, bleibt für uns Zuschauer eine ungenau gezeichnete Karikatur ohne Persönlichkeit, klare Eigenschaften oder auch nur nachvollziehbare Gefühlsregungen. Auf diese Weise ist es natürlich schwierig, irgendeine Form von Empathie für die Figuren zu entwickeln und als Goodbye Morocco in einem hochgradig tragischen Ende kulminiert, verlassen wir nur schulterzuckend den Kinosaal.

Auch diese Erfahrungen müssen auf Festivals hin und wieder anscheinend einfach sein. Ich verbleibe in großer Spannung auf den Film, mit dem dem Französische Filmwoche 2013 endet: Molière auf dem Fahrrad.

Vier Filme, die ich zum Ausbau der Kenntnisse über das gegenwärtige französische Kino empfehle:

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