Frau Ella und das deutsche Wohlfühlkino

by on 03/25/2014

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© Warner

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Mein erstes Aufeinandertreffen mit Frau Ella fand lange vor der folgenschweren Entscheidung statt, die Verfilmung des gleichnamigen Romans mit Matthias Schweighöfer zu besetzen. Über zwei Ecken, genauer gesagt über eine Ecke, kannte ich nämlich den Verfasser des zu Grunde liegenden Romans, Florian Beckerhoff. Nein, nicht persönlich, aber wir hatten einen gemeinsamen Freund, der mir von dem Buch und auch seiner Verfilmung erzählte. Leider habe ich die Möglichkeit, den Roman zu lesen, damals nicht genutzt, weshalb ich nun nicht mit Sicherheit sagen kann, wer die Schuld an Frau Ella trägt: Regisseur Markus Goller, Drehbuchautor Dirk Ahner oder eben Florian Beckerhoff selbst.

Die Geschichte ist simpel, wie für einen deutschen Film des 21. Jahrhunderts gemacht und nebenbei auch recht vorhersehbar. Ein junger Mann namens Sascha (Matthias Schweighöfer) wird mehr oder weniger unfreiwillig zum besten Freund der fast 90-jährigen Frau Ella (Ruth-Maria Kubitschek) und unternimmt mit ihr und seinem Kumpel Klaus (August Diehl) einen Roadtrip, um Ellas verlorene Jugendliebe wiederzufinden. Dass er dabei eigentlich vor seiner eigenen Beziehung davon rennt, beziehungsweise sich durch die Reise neu erfinden muss, um verantwortungsvoll seinen Mann zu stehen, könnte auch Herrn Schweighöfers eigener Ideenfabrik entstammen, erinnert diese Storyline doch zu sehr an seine drei Regiewerke.

Aber es ist nicht nur der Inhalt, der unangenehme Assoziationen und Erinnerungen wachruft. Schon das Intro – die Kamera schwebt bei herzerweichender Klimpermusik über Berlin – könnte ebenso gut die Einleitung zu Männerherzen 3, der nächsten Fortsetzung der Zwei-Keinohr-Was-auch-immer-Tiere oder eben dem neuesten Schweighöfer-Streich sein. Die bonbonfarbene Inszenierung trägt ihren Teil dazu bei, dass Frau Ella sich in die Kategorie vollkommen austauschbarer Wohlfühlkomödien einreiht, von denen wir meiner Meinung nach ohnehin genug haben.

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Nun ist an Wohlfühlkomödien auf den ersten Blick gar nichts auszusetzen. Der Name sagt ja schon, dass sie Gutes im Sinn haben. Aber „gut“ ist eine Sache für’s deutsche Fernsehen (da haben „gute“ Filme auch ein Alleinstellungsmerkmal); das Kino aber braucht Größe. Großartige Geschichten, großartige Charaktere, großartige Szenarien, Spielorte und so weiter. Der Schmuseeinheitsbrei des deutschen Kinos aber ist nichts anderes als eine Valium, die uns heimlich untergejubelt wird und die uns vorgaukelt, dass das was wir da sehen tatsächlich Sinn mache: Die Logik der einen einzigen großen Liebe.  Wenn Du Menschen von den Missständen ihrer Welt ablenken willst, erzähle ihn, der einzige Sinn im Leben sei die Suche nach der einzigen (!) großen Liebe und sie werden für nichts anderes mehr Zeit haben als die Evaluierung, ob das aktuelle Gegenüber denn wirklich die beste, die perfekte, die extra für sie geschaffene Partie sei. Politik und gesellschaftliche Missstände verlieren ihre Bedeutung wenn Frau oder Mann darüber in Verzweiflung geraten, dass sie ihre Chance vielleicht schon verpasst haben. Denn, so lehrt uns  Frau Ella: Das, was wir am Ende bereuen, sind die Dinge, die wir NICHT getan haben.

Aber zurück zum Film selbst, wenn auch noch zum Thema Logik. Während ich über Unwahrscheinlichkeiten in bestimmten Genres gerne hinwegsehe (ich verweise hier gerne auf meinen Artikel zum neuen Captain America Streifen), erwarte ich von einer grundsätzlich in der Realität angesiedelten Wohlfühlkomödie doch eine gewisse Faktentreue. Soll heißen: Matthias Schweighöfer kann Ruth-Maria Kubitschek nicht mal eben so weiteres mit dem Rollstuhl die Treppen in seine Wohnung hochtragen. Das ist selbstredend nur ein kleines Beispiel, aber es zerstört vollkommen unnötigerweise die filmische Illusion, reißt mich aus dem gerade eintretenden Valium-Taumel und macht mir schmerzlich bewusst, was für einen Müll ich mir eigentlich gerade ansehe.

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Es schmerzt mich in diesem Fall besonders, da ich zu dem Romanautoren aus obig genannten Gründen durchaus eine Verbindung spüre. Auch konnte ich in dem Verhältnis der beiden jungen Männer und der alten Dame eine interessante Eifersuchtsdynamik entdecken, die jedoch derart im Ansatz verbleibt, dass sie wohl von einem Großteil der Zuschauer gar übersehen wird. Traurig auch der krampfhafte (und scheiternde) Versuch, aus dem Treffen der Generationen Humor zu generieren. Statt Amüsement stellte sich lediglich das penetrante Gefühl von „gewollt und nicht gekonnt“ ein. Abschließend muss ich schweren Herzens zugeben, dass mich Ruth-Maria Kubitschek als Frau Ella nicht überzeugen konnte, was ich in Anbetracht ihrer Karriere nur einem Regiefehler zuschreiben kann. Marcus Goller gelingt es einfach nicht, die reife Schauspielerin und ihre jungen Gegenüber kohärent und glaubwürdig miteinander zu inszenieren. Eine der Parteien wirkt stets wie ein Fremdkörper. Und Schwiegersöhnchen Matthias Schweighöfer ist als  Unysmpath einfach eine Fehlbesetzung. Keine Sekunde glaubte ich, dass Sascha mit seinem Verhalten sein gesamtes soziales Umfeld vergrault hat.

So bleibt Frau Ella am Ende leider wirklich nur durchschnittliches deutsches Wohlfühlkino. Eine nette Geschichte über die Macht der Liebe, ein Plädoyer für das Mehrgenerationenhaus und ein Roadtrip vorbei an malerischen Kulissen, die im Märchenfilm besser aufgehoben wären. Dazu noch viel Klaviermusik, die mir so offensichtlich Tränen abringen will, dass ich schon aus reinem Protest nicht weine. Weil ich es satt habe, solche Filme zu sehen. Weil ich es satt habe, durch seichte Liebesgeschichten verblödet zu werden. Und weil ich es satt habe, Matthias Schweighöfer sogar dann in derselben Rolle zu sehen, wenn er nicht Regie führt.

DVD-Verkaufsstart: 28. März 2014

Pressespiegel bei film-zeit.de

Wem Matthias Schweighöfer für einen guten Film ausreicht:

One Response to “Frau Ella und das deutsche Wohlfühlkino”

  • Paranoyer says:

    Ein schöner, wenn auch verzweifelter Text. Aber ich kann das Gefühl gut nachvollziehen. An Wohlfühlfilmen per se ist wirklich nichts auszusetzten, aber aus deutschen Landen kommt in dieser Hinsicht kaum etwas passables. Da bleibe ich doch lieber bei Richard Curtis.

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