Für Immer Adaline – Die Erlaubnis zu Altern

by on 06/24/2015
© Universum

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Adaline – Die Edle bedeutet dieser Name und tatsächlich sieht Adaline Bowman (Blake Lively) aus wie eine echte, edle Lady. Das wurde ihr wahrscheinlich auch beigebracht. Wenn wir Frauen ehrlich sind, wurde das dem überwiegenden Großteil von uns schon von klein auf beigebracht, mal mehr, mal weniger ausgeprägt: Sei hübsch, mach etwas aus dir und deinem Aussehen, behalt deine Probleme lieber für dich, diese Farbe hier bringt deine Augen noch viel besser zur Geltung, nimm die Beine zusammen, die gut gemeinten Ratschläge sind zahlreich.

„Wie ist das möglich?“, wird Adaline zum ersten Mal gefragt, als sie im Alter von 45 Jahren in Begleitung ihrer jugendlichen Tochter eine alte Freundin wieder trifft. „Ihr seht aus wie Schwestern, du hast dich kein bisschen verändert.“ In diesem Fall ist der Satz nicht nur eine Floskel. Und was für die alte Freundin und wahrscheinlich auch unzählige Menschen nach einer unwiderstehlichen Verheißung klingt, erweist sich als Fluch.

Im Alter von 29 – wir schreiben die Dreißiger Jahre – rast Adaline bei einem Unfall mit ihrem Auto in einen eiskalten Tümpel und der Schock, dem ihr Körper ausgesetzt ist, führt dazu, dass sie ab jenem Moment keinen einzigen Tag mehr altert. Nie mehr. Keine Falte mehr, kein graues Haar. Für Immer Adaline von Lee Toland Krieger erzählt die Geschichte einer Frau, die zur alten Seele in einem ewig jugendlichen Körper wird. Ihre Geschichte hat etwas Magisches, Märchenhaftes, auch wenn der Regisseur den unglaublichen Vorgängen mit wissenschaftlichen Erklärungen zu Leibe zu rücken versucht. Dabei mag nicht immer alles notwendig oder plausibel erscheinen, nicht immer alles handwerklich perfekt gemacht sein. Man möge es Für Immer Adaline verzeihen, denn dieser Film transportiert eine wunderbare Botschaft. Zwischen den Zeilen seiner polierten und üppig ausgestatteten Märchenhaftigkeit erzählt er viel über die Repräsentation von Frauen im 19. Jahrhundert, von ihren Stärken und ihren Opfern. Und am Ende erlaubt er es ihnen sogar zu altern. Der Weg dahin ist jedoch beschwerlich, und wer SPOILER scheut, sollte an dieser Stelle das Lesen besser einstellen.

Von den 1920er Jahren bis in die Jetztzeit – Adaline lebt in einer männlich dominierten Zeit, einer von männlichen Denkweisen und Konventionen beherrschten Gesellschaft. Das bekommt sie auch immer wieder zu spüren: sicher, alle sind hilfsbereit und freundlich zu ihr, schließlich ist sie eine ausnehmend attraktive ‚junge‘ Frau. Aber das sozial konstruierte Gefälle ist stets zu spüren. Wenn Adaline in einer Bank ihr Geld anlegen will, wird sie über klügere Möglichkeiten belehrt, in ihrem Job ist sie die unauffällige Sekretärin und was weiß eine Frau schon über das Boxen? Wer mag dieser jungen Blonden etwas zutrauen? Der Punkt ist: sie weiß es tatsächlich besser. Sie schöpft aus Jahrzehnten wechselhafter Lebenserfahrung, sie studiert Medizin, um sich selbst zu erforschen, sie spricht unzählige Sprachen, wird des Lernens nicht müde. Nur redet sie nicht darüber, diesen Schwur hat sie sich selbst gegeben – sich und ihrer Tochter zuliebe.

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In den 1950er Jahren wird erstmals der misstrauische US-Staatsapparat auf Adaline aufmerksam, das FBI will sie wegen ihrer unklaren Vergangenheit befragen. Schweren Herzens lässt sie ihre Tochter zurück und flieht vorerst nach Europa, zieht alle zehn Jahre um und lässt keinen Menschen mehr an sich heran. Ein Hund wird zu ihrem einzigen Gefährten, ihre Tochter (jetzt dargestellt von Ellen Burstyn) ist mittlerweile eine alte Frau. Sie wählt die Unauffälligkeit zugunsten des Anscheins eines normalen Lebens. Zugunsten der Ruhe. „Ich hatte Angst, wie eine Kuriosität behandelt zu werden“, wird Adaline spät im Film ihrem alten Freund William (Harrison Ford) gestehen. Und im Grunde genommen könnte dieser Satz aus dem Mund einer jeden Frau kommen. Ob nun mit dem vermeintlich perfekten Körper im Minirock unterwegs oder speckig, faltig, ungekämmt: der Körper einer jeden Frau ist öffentliches Eigentum, er wird ungefragt beobachtet und beurteilt, rund um die Uhr. Die bewusste Entscheidung für die Unauffälligkeit erscheint da manches Mal verlockend. Aber ist sie auch die richtige Entscheidung?

Es gibt diese Filme, die von kaputten Männern erzählen, die sich bekämpfen und zerreißen, während ihre Frauen einfach weitermachen, das tägliche Leben regeln, alles am Laufen halten und dafür nie auch nur einen Funken Aufmerksamkeit erhalten werden. Für Immer Adaline ist die Abstraktion dieses Modells: ihr jahrzehntelanges Leben ist mit der Stadt San Francisco untrennbar verwoben. Hier starb ihr erster Mann bei dem Bau der Golden Gate Bridge, hier saß sie vor Dekaden in jenen alten Kinos, die heute nur noch verfallene Autowerkstätten sind. Ungesehen und ungehört hat sie ihr Leben geführt, ihre Opfer gebracht. Sie hat alle Belehrungen perfekt verinnerlicht: immer hübsch und gepflegt, gebildet aber nicht zu offensiv, stets zurückhaltend, leidend nur im Stillen. In eines der alten Kinos führt sie schließlich Ellis (Michiel Huisman), den ersten Mann, mit dem sie sich nach langem Zögern auf ein Date einlässt. Der Blick auf die vergilbte Leinwand wird dabei zu einem vielsagenden Symbol. Wie sahen wohl die meisten Frauen aus, die über die Jahre auf dieser Leinwand zu sehen waren? Schlank, perfekt geschminkt, die Beine stets zusammengenommen, reizend höflich und zurückhalten, im Zweifel vor Allem da, um die männlichen Helden zu bewundern.

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Selbst Für Immer Adaline nimmt diese Konvention auf: auf dem Filmplakat ist Blake Livelys Gesicht so stark glattretuschiert und mit dem Weichzeichner traktiert, dass sie beinahe nicht mehr menschlich wirkt und schließlich sehen wir zwei Stunden lang eine hübsche, junge Schauspielerin auf der Leinwand. Mit dem Unterschied, dass Lee Toland Krieger ihre Opfer dabei sehr wohl thematisiert. Nachdem Adaline ihren Hund einschläfern lassen musste – übrigens eine wahrlich herzzerbrechende Szene – sitzt sie einsam in ihrer Wohnung und weint bitterlich. Wir verstehen, dass ihre Tränen bei aller Trauer nicht nur dem Hund gelten. Sondern auch der unabänderlichen Ungerechtigkeit, die ihr unausweichliches Schicksal zu sein scheint, ihr Leben bestimmt, ihr Potential hemmt, ihr das persönliche Glück versagt. Der Tatsache, dass Schönheit und Jugend zur Bürde werden können, sobald ihre Besitzerin auf diese beiden Attribute reduziert wird.

Die Sache mit dem Opfer beinhaltet jedoch eine Tücke: der Grat ist schmal, der zwischen dem tugendhaften Erbringen eines Verzichts liegt und dem bewussten Verharren in einer passiven Position, die Bequemlichkeit erlaubt und vielleicht sogar etwas Mitleid. In Für Immer Adaline muss es erst 2015 werden, damit Adaline sich endlich dafür entscheidet, nicht mehr wegzulaufen, ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Es ist genau dieser Moment der Selbstermächtigung, in dem sich für sie erneut alles abrupt ändert. Lee Toland Krieger lässt wieder einen magisch ästhetisierten Unfall geschehen, über Biologie und Physik kann Adaline trotz des neu gewonnenen Selbstvertrauens nicht bestimmen. Das ändert aber nichts an ihrer frei getroffenen Entscheidung: In dem Augenblick, in dem sie sich selbst eine Veränderung erlaubt, darf sie sich verändern. Ein wenig später wird sie vor dem Spiegel ihr erstes graues Haar entdecken. Der Bann der erzwungenen Perfektion ist gebrochen. Wie sie darauf reagiert? „Alles in Ordnung. Perfekt.“ Und das ist es. Damit ist alles in Ordnung.

In der Pressemitteilung zum Kinostart wird Für Immer Adaline als epische Liebesgeschichte zum Träumen angepriesen, es heißt: „wahre Liebe findet dich durch alle Zeiten.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Frauen (und Männer) im Publikum sich zu mehr als zum Träumen verführen lassen.

Kinostart: 09. Juli 2015

Pressespiegel auf film-zeit.de

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