Für mehr Aktivismus im Filmjournalismus

by on 11/26/2014

Die Filmkritik ist nicht nur eine sterbende Zunft, sondern auch eine sterbende Textform. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich an dieser Stelle über die meines Erachtens bedauernswerten Strukturen meines Berufsstandes beklage und ich freue mich, dass Philipp von Serien Ninja den Mut – ja, den Mut! – gezeigt hat, sich ebenfalls kritisch mit den Entwicklungen im Filmjournalismus auseinanderzusetzen. Deshalb möchte ich mich nicht auf einen knappen Facebook- oder Blog-Kommentar beschränken, sondern hier ausführlich auf seine Ausführungen eingehen und sie durch meine eigene Perspektive erweitern.

Die Lüge der Nachwuchsförderung

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich mich im folgenden ausschließlich auf den Online-Journalismus beziehe, da mir dessen Strukturen auf Grund meiner bisherigen beruflichen Tätigkeit deutlich besser bekannt sind als die des Print-Journalismus, der jedoch definitiv mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat. Der maßgebliche Unterschied zwischen dem digitalen und gedruckten Wort ist, dass ersteres für die Leser_innen fast ausschließlich kostenlos zur Verfügung steht und es ist unbedingt wichtig, sich dieses Faktum beim Lesen der folgenden Zeilen stets vor Augen zu halten.

„Ninja Philipps“ berechtigte Entrüstung ist eine Reaktion auf die Ankündigung der englischsprachigen Moviepilot-Version, zukünftig vermehrt (nicht ausschließlich!) auf User-generierten Content zurückzugreifen. Freilich wird dies recht euphemistisch als Chance für die Fans verpackt, sich durch ihr Fachwissen zu profilieren, um schließlich vom Hobby-Schreiberling zur_m professionellen Journalist_in aufzusteigen. Und Philipp hat völlig Recht, wenn er sagt, dass sich die hoffnungsfrohen Filmnerds hier ihr eigenes Grab schaufeln. Denn schon jetzt ist es für professionelle Filmjournalist_innen kaum mehr möglich, in Anbetracht der Flut an kostenlosem Content noch faire Honorare durchzusetzen. Sprich: Wenn all die „ungeschliffenen Diamanten“, wie CEO Tobias Bauckhage sie in seinem Artikel nennt, einst geschliffene Diamanten sind, wird niemand mehr da sein, der sie als solche beschäftigen möchte. Denn wenn es tatsächlich um die Entdeckung und Förderung schlummernder Talente ginge, dann würden die zahlreichen Praktikant_innen, durch deren lediglich aufwandsentschädigte Arbeit Moviepilot (sowohl .de als auch .com) letztlich zu dem werden konnte, was es heute ist, nicht in den meisten Fällen arbeitslos das Unternehmen verlassen. Wenn es tatsächlich um die Nachwuchsförderung ginge, dann wäre die Einstellung einer_s Filmredakteur_in nach erfolgreich absolviertem Praktikum keine Ausnahmeerscheinung, sondern der Regelfall!

Für wen das Internet wirklich schreibt

Des Weiteren entzürnt sich Philipp über eine Kultur der ewigen Awesomeness. Wenn Fans die Berichterstattung übernehmen, ist mit Kritik nicht mehr zu rechnen. Angeblich, so Bauckhage in seinem Artikel, freuten sich die Leser_innen ohnehin viel mehr über positive Berichte, favorisierten Lob gegenüber der Kritik. Aus meiner eigenen Erfahrung als Moviepilot.de-Praktikantin kann ich dies nicht bestätigen. Vielmehr zeigte sich damals eine recht deutliche Vorliebe für eben jene Formate, die sich vornehmlich kritisch, wenn auch nicht zwingend differenziert, mit einem Thema auseinandersetzten, wie Beispielsweise „Der Aufreger der Woche“ oder auch „Vincent Vega eckt an“ – Textreihen, die schon im Titel versprechen, Anlass für fröhliche Hasstiraden zu liefern. Denn der Mensch meckert gerne und noch viel schöner ist es, wenn er gemeinschaftlich meckern kann.

Nein, die Kultur der ewigen Awesomeness dient nicht den Leser_innen, sie dient dem Profit, denn Verleiher und Filmstudios freuen sich freilich deutlich mehr über euphorische Lobhudeleien als über durchdachte Kritik. Und wer finanziert Filmseiten im Internet? Ganz sicher nicht die Leser_innen, sondern eben jene Filmindustrie, weshalb es nur logisch ist, dass es auch diese ist, die durch das Ergebnis zufrieden gestellt werden soll. Und – mit Verlaub – es ist mir ein Rätsel, dass die Mehrheit der Internetuser_innen noch immer glaubt, kostenloser Content sei tatsächlich kostenlos. Einmal Gehirn für die Nation, bitte!

Niemandem kann ein Vorwurf daraus gemacht werden, Geld verdienen zu wollen. Das gilt für Unternehmen wie Moviepilot genauso wie für mich und meine Kolleg_innen. In unserem kapitalistischen System – hier wertfrei als rein deskriptiver Begriff verwendet – ist das nun einmal überlebensnotwendig. Insofern sehe ich die Verantwortung nicht bei Tobias Bauckhage, den ich als Geschäftsmann zweifelsohne respektiere, wenn nicht gar bewundere. Ich sehe die Verantwortung viel mehr bei den Journalist_innen-Verbänden und uns Autor_innen selbst, die Leser_innen über die Strukturen des zeitgenössischen Journalismus zu informieren und sie für die prekäre Situation eben jener Menschen zu sensibilisieren, deren Arbeit sie als selbstverständlich kostenlose Dienstleistung begreifen.

Und deshalb nun ein paar klare Worte zur Filmkritik, die natürlich nur einen Teil des von Philipp angesprochenen Filmjournalismus darstellt.

Filmkritik oder versteckte PR?

Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich mich eigentlich schon seit Monaten nicht mehr als Filmkritikerin bezeichnen, denn den Großteil meiner Texte verfasste ich bis vor kurzem für Plattformen, die mir eine vorwiegend positive Berichterstattung vorschrieben. Bitte keine Verrisse, so die Anordnung. Mit dieser Ausgangsposition, auch jedem noch so himmelschreiend schlechten Film unbedingt immer noch etwas Positives abzugewinnen, nähert sich die Filmkritik auf gefährliche Weise der PR. Als ich schließlich zufällig entdeckte, dass meine „Kritiken“ in Absprache mit meinem Auftraggeber als Werbetexte für die Programmhefte einzelner Kinos verwendet wurden, beschloss ich die Zusammenarbeit mit eben jenem Medium zu beenden. Lieber gar keine Filmkritik als getarnte PR (ganz abgesehen vom damit verknüpften urheberrechtlichen Problem, denn über die Weitergabe dieser Texte wurde ich im Einzelnen nicht informiert).

Vermutlich ist den meisten Leser_innen nicht bewusst, dass das was sie lesen gar keine unabhängige Filmkritik, sondern querfinanzierte PR ist. Dabei liegt es doch auf der Hand: Wenn ich als Leser_in für den mir zur Verfügung gestellten Service keinen Cent bezahlen muss, wird die Finanzierung wohl durch eine andere Partei gewährleistet werden. Es sei denn, ich gehe davon aus, dass all die fleißigen Hände – Webentwickler_innen, Autor_innen, Grafiker_innen – aus purer Nächstenliebe für die Leser_innen unentgeltlich arbeiten. So wie es beispielsweise viele Blogger_innen tun. Es gehört zu den größten Missverständnissen unserer Zeit, dass wir das Internet zugleich als Produkt der Demokratie wie auch als demokratisierendes Werkzeug verstehen. Das Internet ist nicht demokratisch, es ist kommunistisch: Schaut her, es gehört uns allen und es ist ganz umsonst. Aber wie schon auf der Farm der Tiere gilt auch hier „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher“. Ein paar wenige verdienen mit dem Internet Unsummen. Der Rest muss sich mit dem Gefühl begnügen, etwas für das Gemeinwohl geleistet zu haben. Innerhalb eines kapitalistischen Systems funktioniert dies jedoch nicht, denn mit dem selbstlosen Dienst an der Leser_innen-Community kann ich weder meine Miete noch meinen Wocheneinkauf bezahlen.

Das fundamentale Missverständnis der Filmkritik

Ein weiteres Problem der Filmkritik ist ihre Gleichsetzung mit der Konsumempfehlung. Ein Großteil der kommerziellen – also durch wie auch immer geartete Honorare vergütete – Filmkritik ist von einer Amazon-Kaufempfehlung nicht weit entfernt. Wenn Sie Die Tribute von Panem mochten, wird Ihnen auch Divergent gefallen. So offensichtlich ist die Parallele in der Regel freilich nicht, sondern wird in Satzkonstruktionen wie „für Fans von…“ verpackt. Den aufmerksamen Leser_innen dieses Artikels ist es vermutlich bereits klar, aber ich möchte es dennoch betonen: Formulierungen dieser Art sind in den seltensten Fällen auf die_den Autor_in zurückzuführen, sondern auf eine unmissverständliche Anordnung des beauftragenden Mediums. Dahinter steht, einmal mehr, das liebe Geld. Diesmal jedoch das der Leser_innen: Ist dieser Kinobesuch meine Investition überhaupt wert? Auch das kann ich niemandem verübeln, aber eine Kaufempfehlung ist eine Kaufempfehlung und keine Filmkritik!

An dieser Stelle möchte ich mich deutlich von dem abgrenzen, was Philipp in seinem Text zur Profession des Filmjournalismus geschrieben hat. Ich bin nicht Filmkritikerin geworden, weil ich gerne reise oder weil ich den Glamour von Festivals und Premieren genieße, sondern weil ich den Film als eines der wichtigsten, weil einflussreichsten Medien unserer Zeit verstehe, mit dem ich mich kritisch auseinandersetzen möchte. Nicht umsonst verfasse ich – wann immer möglich – feministische oder pädagogische Filmkritiken, in denen ich meine Leser_innen beispielsweise dafür sensibilisieren möchte, welche geschlechterpolitischen Botschaften ein Blockbuster meist unbemerkt aussendet. Für diese Art der Filmkritik ist in einer Kultur der ewigen Awesomeness beziehungsweise der Konsum- und Kaufempfehlung kein Platz. Eigentlich dürfte ich mich deshalb schon lange nicht mehr als Filmkritikerin bezeichnen.

Eine aktivistische Filmkritik ist nicht genug

Doch wie geht es weiter? Was ist die Lösung? Ich selbst zweifle immer grundlegender an meiner Berufswahl, nicht weil sie kein Geld brächte, sondern weil ich, um von meiner Arbeit tatsächlich leben zu können, einen Großteil meiner berufsethischen Grundsätze über Bord werfen müsste. Ich bin zu sehr Idealistin, um mich ganz einem auf finanziellen Ertrag ausgerichteten Filmjournalismus zu verschreiben. Und ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir unsere Leserschaft dafür sensibilisieren können, dass sie statt nahrhaften, gehaltvollen Texten aktuell vor allem Fast Food konsumieren. Ich gebe den Glauben daran nicht auf, dass es Menschen gibt, die an einem qualitativ hochwertigen, gut recherchierten, von professionell ausgebildeten und fair bezahlten Autor_innen verfassten Filmjournalismus interessiert sind.

Ich glaube aber auch, dass wir Filmjournalist_innen gemeinsam unermüdlich daran arbeiten müssen, den Leser_innen die Probleme unseres Berufsstandes und die Notwendigkeit neuer Finanzierungsmodelle vor Augen zu führen, die uns wieder einen Filmjournalismus und eine Filmkritik ermöglichen, die diese Namen verdient haben. Der Verband der deutschen Filmkritik hat mit seinem Flugblatt zur aktivistischen Filmkritik bereits einen entscheidenden Schritt in diese Richtung unternommen, doch ist es an der Zeit, diese inhaltliche Diskussion um eine finanzielle zu erweitern. Es darf nicht nur darum gehen, wie Filmkritik sein sollte, sondern auch, wie diese sich finanzieren lässt! Wir müssen aufhören, uns demütig zu zeigen, weil ja der Beruf des Filmkritikers schon Geschenk genug sei. Dafür auch noch eine angemessene Bezahlung einzufordern, so die Meinung einiger Kolleg_innen, sei ja geradezu töricht, in jedem Fall aber unangemessen. Stattdessen müssen wir anfangen, unsere Arbeit wieder wertzuschätzen, uns nicht auf himmelschreiend ungerechte Honorare oder offensichtlich unethische Arbeitsbedingungen wie Schönschreiberei einzulassen. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir etwas ändern. Aber dazu braucht es Solidarität untereinander. Wer umsonst oder für Niedriglöhne schreibt, wer sich bewusst von der Filmindustrie querfinanzieren lässt, der trägt aktiv dazu bei, dass Filmkritik bald etwas sein wird, von dem wir nur noch unseren Enkel_innen erzählen können. „Damals… Anfang des 21. Jahrhunderts, als man sich mit dem Medium Film noch kritisch auseinandersetzte.“

Ja, das bedeutet Streit mit Auftraggeber_innen. Und ja, das bedeutet unter Umständen, dass unsere Arbeits- und Lebenssituation vorübergehend noch weitaus prekärer wird als sie eh schon ist. Aber wenn wir es nicht tun, werden wir in naher Zukunft alle von Bauckhages unbezahlten Rohdiamanten ersetzt. Und ich zumindest möchte das nicht.

One Response to “Für mehr Aktivismus im Filmjournalismus”

  • Markus says:

    Interessanter Artikel, der vieles ganz gut triff und dem ich insgesamt zustimme… aber diese elenden Gender Gaps machen ihn streckenweise fast unlesbar. Darüber hinaus ist dieser Unterstrich nicht nur hässlich, sondern auch diskriminierend: Enkel_innen? Manche haben aber auch einen Enkel_außen, was ist mit denen?

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