Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe

by on 04/03/2014
© Alamode Film

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Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) ist Anfang zwanzig und lebt in Montréal, Kanada. Mit ihren Freunden verbringt sie viel Zeit bei den Proben eines Chores namens Les Muses de Montréal, denn ihr besonderes Talent ist ein absolutes Gehör. Sie geht mit der Clique in die Disco, singt Karaoke und manchmal schaut sie sich auch die pelzigen Bewohner einer nahe gelegenen Tierhandlung an. Besonders stolz ist sie auf die klimpernden Armreifen, die sie vom Freund ihrer Schwester Sophie (Mélissa Désormeaux-Poulin) aus Indien geschickt bekommen hat. Gabrielle ist auch verliebt: in Martin (Alexandre Landry), einen der anderen Sänger in besagtem Chor. Oh, und sie leidet unter dem Williams-Beuren-Syndrom (WBS).

Im Studium soll man ganz zu Beginn lernen, dass man rein gar nichts weiß. Diese Funktion übernehmen neben dem Studium bei mir die Filme. WBS, davon hatte ich schon mal gehört, klar. Aber dass ich sagen könnte, was es mit dieser Krankheit auf sich hat, wäre schon wieder reichlich übertrieben. Nun, jetzt bin ich ein kleines bisschen schlauer: tatsächlich beeinflusst dieser genetische Defekt das Aussehen der Betroffenen, oft auch den Intellekt und bringt andere Erkrankungen wie Diabetes mit sich. Die meisten Menschen mit WBS begegnen Fremden sehr offen. Eine weitere Besonderheit ist eine oft sehr stark ausgeprägte Musikalität, Rhythmusgefühl und die Bereitschaft, selbst ein Instrument zu erlernen. All diese Merkmale und Symptome bringt die Kanadierin Louise Archambault in ihren Film ein. Die Handlung entwickelt sich fast ausschließlich aus den Eigenschaften der Figuren heraus und wirkt doch glücklicherweise nur in einem erträglichen Rahmen konstruiert.

Um dem WBS in der Darstellung gerecht zu werden, spielt vor allem der Sound in Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe eine große Rolle. Dem feinen Gehör und der Musikalität der Betroffenen wird Rechnung getragen, indem die Klänge und Geräusche einen nicht unwesentlichen Teil der Narration übernehmen. Sie sind mindestens genauso wichtig wie der Dialog, um ein Gefühl für die Figuren und die Atmosphäre des Films zu bekommen. Sogar die Kamera korrespondiert mit den Tönen, wenn sie beispielsweise bei den Chorproben zwischen den Sängern hin und her mäandert, den einzelnen Stimmen nachspürt und auf diese Weise viel mehr offenbart, als wenn sie minutenlange Gespräche aufzeichnete.

© Alamode Film

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Besonders erfreulich an Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe ist aber nicht der filmische Stil, sondern eine sehr differenzierte Perspektive auf das Geschehen vor der Kamera, das die Menschen mit Behinderungen nicht zu Problemfällen deklariert, jedoch gleichsam auch Schwierigkeiten aufzeigt, mit denen sie und die Angehörigen sich beinahe täglich auseinandersetzen müssen. In öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie zumeist dem Gegaffe der übrigen Passanten ausgesetzt und der Wunsch nach einem völlig selbstständigen Leben in einer eigenen Wohnung bleibt für Gabrielle ein schöner Traum. Am schmerzlichsten sind aber die Vorbehalte, die ihr und ihrem Schwarm Martin aus nächster Umgebung begegnen. Es ist nämlich in erster Linie Martins Mutter (Marie Gignac), die die Beziehung zwischen den beiden um jeden Preis verhindern will. Nicht etwa aus Missgunst und purer Boshaftigkeit heraus, sondern durchaus mit einem guten Willen. Ohne dabei jedoch wahrhaben zu wollen, dass sie nicht nur ihren Sohn unglücklich macht, sondern auch eine völlig inakzeptable Haltung vertritt. Nachdem Gabrielle und Martin sich auf einer Party näher gekommen sind, berufen die Leiter des Therapie- und Kulturzentrums ein unerträgliches Beratungsgespräch mit den Familien ein, bei dem über die zwei Liebenden geredet wird, als seien sie nicht anwesende Kinder, über deren Köpfe hinweg ihr Privatleben bis ins kleinste Detail kontrolliert werden muss.

Dabei ist Gabrielle in erster Linie eine Frau wie jede andere auch – und Louise Archambault ist sich dessen bewusst. Deswegen scheut sie sich auch nicht, in ihrem Film alltägliche Kleinigkeiten zu zeigen, die zwar zutiefst menschlich, aber in den Medien doch noch immer ein Tabu sind. Wir bekommen zu sehen, wie sich Gabrielle ihr Insulin spritzt und nicht einmal ihr Menstruationsblut wird diskret vor der Kamera verborgen, als wäre es etwas Anrüchiges, etwas, das nicht zu jeder Frau gehört. Denn das ist Gabrielle vor allem: eine Frau mit Wünschen, Träumen und Problemen, so wie jede andere auch.

Kinostart: 24. April 2014

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