Gefühlt Mitte Zwanzig – Von Mozart bis Eye of the Tiger

by on 05/11/2015

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© Universum

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Es gibt in Gefühlt Mitte Zwanzig eine Szene, in der Josh Srebnick (Ben Stiller) an einem wirklich miesen Tag auf sein Fahrrad steigen will und am Laternenmast nur noch ein abmontiertes Rad vorfindet. Es steht dort wie ein ihn verhöhnendes Symbol. Nicht nur für diesen wirklich außerordentlich miesen Tag, sondern auch für die verzwickte Gesamtsituation, in der er sich befindet.

Josh ist ein Dokumentarfilmemacher, leidlich erfolgreich. Sein bestes Werk hat mittlerweile Jahre auf dem Buckel, genauso wie sein aktuelles Projekt, das einfach nicht so recht vorankommen will. Und auch seine Ehe mit Cornelia (Naomi Watts) tritt auf der Stelle. Die beiden sind Mitte Vierzig, die gemeinsamen Freunde kriegen neuerdings alle Kinder, die Spontaneität ist schon lange flöten gegangen. Wann waren wir noch gleich an diesem Wochenende in Rom? Ach ja, 2006. In einer Vorlesung lernt Josh eines Tages Jamie (Adam Driver) und seine Frau Darby (Amanda Seyfried) kennen. Die beiden sind Twentysomethings, er dreht ebenfalls Dokus, sie macht Eiscreme. Für Josh und Cornelia sind die beiden wie eine Frischzellenkur: sie leben im Hier und Jetzt, fahren Fahrrad und sammeln alte Platten, schreinern ihre Möbel selbst und besuchen in ihrer Freizeit ominöse Reinigungsrituale bei weiß gekleideten Schamanen. Wesentlich aufregender als die horrormäßigen Mutter-Kind-Veranstaltungen, zu denen die gleichaltrigen Freundinnen Cornelia mitschleppen. „Wenn du den ganzen Tag ein Baby betreust, wirst du selbst zu Einem“.

Mit Gefühlt Mitte Zwanzig hat der Regisseur Noah Baumbach nach Frances Ha einmal mehr eine leichtfüßige Komödie in New York gedreht, und dass er als der Woody Allen einer neuen Generation bezeichnet wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Indem er zwei unterschiedlich alte Paare einander gegenüber- (und sie manchmal auch nebeneinander) stellt, macht er nicht nur den 376. banalen Floskelfilm über das Leben, das Kinderkriegen und das Älterwerden, sondern liefert eine intelligente Abhandlung über das Verhältnis der Generationen zueinander. Eine Komödie mit einem Zitat aus dem 1873er Stück Baumeister Solness von Henrik Ibsen einzuleiten, erfordert schon einen gewissen Mut. Aber der trockene erste Eindruck täuscht: Der Baumeister Solness sprüht vor Witz – und das tut auch Gefühlt Mitte Zwanzig. Es wäre durchaus möglich, so ziemlich jeden einzelnen Satz im Drehbuch eins zu eins auf einen komplexen Diskurs zu übertragen – aber genauso gut funktionieren die Worte, die Schauspieler_Innen, die Inszenierung für sich genommen.

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Von dem Trailer sollte man sich dabei lieber nicht täuschen lassen. Er verkauft die typische Culture-Clash-Geschichte zwischen „alt“ und „jung“. Tatsächlich handelt Gefühlt Mitte Zwanzig aber viel eher von Grundsätzen. Grundsätzen des Lebens, der Kunst. Themen, die in der Sonntagsbeilage der Zeitung genauso behandelt werden wie in akademischen Aufsätzen: wird die ständige Präsenz von Kameras zur ultimativen Dokumentation oder büßt sie jegliche Bedeutung ein? Gehört die Kunst allen Menschen oder bedeutet, sie zu teilen gleichzeitig sie zu klauen? Wo ist eigentlich die Authentizität geblieben? Ist Wahrheit ein zu großes Wort? Und kreiert ein Zitat tatsächlich einen neuen Bedeutungszusammenhang oder sorgt es nur dafür, dass sein Urheber sich und sein kulturelles Wissen abfeiern kann? O-Ton Josh: „Für Jamie ist es bloß ein witziges Fundstück von Youtube, aber ich bin damit aufgewachsen!“

Noah Baumbach wäre nicht der gefeierte Filmemacher der er ist, würde er seine Themen nur auf der Dialogebene abarbeiten. Auch seine Inszenierung stimmt in all ihren Einzelheiten: Josh und Cornelia, Jamie und Darby sind kaum als psychologische Figuren interessant, sondern vielmehr als Repräsentanten ihrer Generation. Fremd lässt sie das uns trotzdem nicht erscheinen. Nur gerade so distanziert, dass wir das Mitdenken nicht vergessen. Der Soundtrack von Gefühlt Mitte Zwanzig wirkt derweil, als sei er direkt aus Jamies riesigem Plattenregal zusammengestellt: von Mozart über Soul bis hin zu „Eye of the Tiger“ ist alles dabei. Und Josh: „Ich erinnere mich noch daran, wie der Song damals als schlecht galt.“

Und ich? Vierundzwanzig Jahre bin ich alt. Habe ich mich und meine Generation in dem Film wiedergefunden? Nun, dazu muss ich sagen: ich bin manchmal eher gefühlt Mitte Vierzig. Meine gleichaltrigen Mitstudenten sind mir viel zu anstrengend und ich feiere auch selten auf der Straße oder verbringe meine Wochenenden vollgepumpt mit Halluzinogenen bei schamanischen Reinigungsritualen. Was ist mit mir? Diese Frage stellt auch Josh, als er sich eingestehen muss, dass ein hipper Hut aus ihm keinen jungen Mann mehr macht, sondern eben nur einen alten Mann mit Hut. Es ist die Frage, die wir uns stellen, wenn uns die sachlichen Argumente ausgehen. Verdienen meine Werte und ich es nicht, hochgehalten zu werden? Die Wahrheit ist: der Welt ist es völlig egal, ob ich ihren Fortschritt gutheiße oder am Laternenmast nur noch ein einzelnes Rad finde, und der nächsten Generation auch. Um darüber hinwegzukommen, kann ich akademische Abhandlungen schreiben. Oder so witzige, exzellente Drehbücher wie Noah Baumbach.

Kinostart: 16. Juli 2015

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