Genug Gesagt – Mehr als der letzte Film von James Gandolfini

by on 11/28/2013

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© 20th Century Fox

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Das war er nun also: einer der letzten Filme des großen James Gandolfini. Als der durch die Rolle des angeschlagenen Mafioso Tony Soprano berühmt gewordene Darsteller im vergangenen Sommer eines plötzlichen Herztodes starb, war ich davon genauso erschüttert wie alle anderen auch. Kurz darauf begann die Marketingmaschinerie zu Genug Gesagt anzulaufen und US-Kritiker überschlugen sich gegenseitig mit Lob – und so sehr ich mich auf einen guten Film mit Gandolfini freuen wollte, so sehr war da auch eine kleine, fiese Fistelstimme in meinem Ohr, die mir unablässig zuflüsterte: die versuchen nur, Profit aus dem Tod des Hauptdarstellers zu schlagen, bei Genug Gesagt handelt es sich ganz bestimmt um eine 08/15-Komödie.

Schließlich erhielt der Film seinen deutschen Kinostart, eine Pressevorführung wurde angekündigt und alle warteten im gut besetzten Saal darauf, James Gandolfini noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen. Als er nach etwa fünf Minuten Laufzeit erstmals auftauchte, so hatte ich das Gefühl, hielt das Publikum kurz inne: Wow, da ist er. Seltsam, einen Menschen da vorne überlebensgroß zu sehen, ihn sprechen zu hören und gleichzeitig zu wissen, dass es ab sofort nur bei den schon existierenden Bildern von ihm bleiben wird. Allein wegen James Gandolfinis Ableben würde Genug Gesagt immer ein besonderer Film sein, so viel war augenblicklich klar. Nun kam aber die Bewährungsprobe aufs Exempel: Würde er auch ohne diese besonderen Hintergründe funktionieren?

Eva (Julia Louis-Dreyfus) ist eine Masseuse mit reichlich anstrengenden Kunden: der eine riecht aus dem Mund, die Nächste redet unablässig und der Dritte hilft ihr nie, die sperrige Massageliege die Treppe zu seiner Wohnung hinaufzuschleppen. Sie muss sich damit herumschlagen, genau wie mit den anderen privaten Problemen: Scheidung, die Tochter verlässt bald das Elternhaus, um aufs College zu gehen, der Alltag plätschert so dahin. Wie gut, dass sie auf einer Party nicht nur eine neue Kundin kennenlernt, sondern gleich auch noch eine neue Freundin: mit Marianne (Catherine Keener), ebenfalls geschiedene Poetin, kann sie über alle möglichen persönlichen Probleme reden. Und dann taucht auch noch ein potentieller Mann fürs Leben auf der Bildfläche auf: Albert (James Gandolfini) ist vielleicht ein bisschen zu rund geraten und versteht nicht besonders viel von vorteilhafter Kleidung, dafür bringt er sie zum Lachen. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell eine enge Partnerschaft. Blöd nur, dass Eva irgendwann zu ahnen beginnt, dass Albert der Exmann ihrer Freundin ist, die ihr tagtäglich Horrorgeschichten über die beendete Ehe erzählt. Eva kann nicht verhindern, Albert zunehmend mit anderen Augen zu sehen.

© 20th Century Fox

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Ganz genau, das klingt nicht so wahnsinnig originell und RomComs haben bei mir ohnehin einen äußerst schwierigen Stand. Zum Glück schafft es die Regisseurin Nicole Holofcener aber immer wieder, gekonnt das Genre zu brechen. Es mögen vielleicht Luxusprobleme sein, die die Figuren in Genug Gesagt umtreiben, sie mögen vielleicht viel zu durchdacht gekleidet und ihre Häuser viel zu perfekt eingerichtet sein, um letztlich ein wirklich authentisches Bild sogenannter normaler Mittelstandsfamilien abzugeben. Die Inszenierung aber, die wirkt rundum natürlich. Scheinbar beiläufig verfolgt die Kamera die Gespräche der Figuren, die teilweise beinahe improvisiert wirken. Es ist ein überaus charmantes Drehbuch, das hier umgesetzt wurde und das unaufgeregt, ehrlich und voll von klugem Humor die durchschnittlichen Dramen durchschnittlicher Menschen aufs Korn nimmt. Was genau macht dann aber überhaupt den Schauwert des Filmes aus, ließe sich eventuell kritisch fragen. Normale Menschen mit alltäglichen Problemen in unspektakulärer Inszenierung bei ihrem Leben zuzuschauen, dafür muss ich doch nicht extra ins Kino gehen.

© 20th Century Fox

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Dann allerdings würde ich auch eine gelungene Abwechslung zu den gefühlten hunderttausenden Streifen verpassen, in denen junge, schöne Menschen mit Modelmaßen eine komplett illusionäre perfekte Liebe propagieren. Der Alltag ist nun einmal meist unvollkommen und unspektakulär, und so ist es auch die Liebe und unser liebster Mensch. Alle Figuren in Genug Gesagt haben ihre Fehler: ob sie permanent die Zwiebeln aus der Guacamole herausfischen, zwanghaft jeden Tag ihre Wohnung umdekorieren oder ihrer Umwelt einfach nicht eingestehen können, dass ihnen der Gedanke, von Zuhause wegzugehen, eine Scheißangst macht. Wir müssen einfach damit leben. In diesem Film fällt das Hinwegschauen über kleine Fehlerchen nicht zuletzt wegen des gelungenen Casts sehr leicht. So spielt die immer wieder umwerfende Toni Colette eine frustrierte Ehefrau und Mutter, die mit den Nerven völlig am Ende ist. Außerdem kommen wir hier in einer Nebenrolle in den Genuss des Schauspieldebüts von Tavi Gevinson, die bisher eher als 13-jährige Gründerin des weltweit einflussreichen Modeblogs The Style Rookie, als Verlegerin und Allroundtalent durch die Onlinemagazine tingelte. Ihre Leistung ist vielleicht nicht oscarreif, lässt aber auf einiges noch unerschlossenes Potential hoffen.

Und dann ist da natürlich auch noch James Gandolfini in einer Rolle, die den Parts in seiner übrigen Filmographie komplett zuwider läuft. „Du hast mein Herz gebrochen“, sagt er in einer Szene zu Eva, und spricht damit einen Satz aus, der nach den üblichen Maßstäben als unendlich kitschige Plattitüde daherkäme. Wie er ihn allerdings sagt, bricht unser Herz gleich mit.

Kinostart: 19. Dezember 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

James Gandolfini in einigen wunderbaren Rollen:

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