GET – Der Prozess der Viviane Amsalem

by on 09/23/2014

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© Salzgeber

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Vor ein paar Wochen war ich abends bei der Langen Nacht der Religionen in der größten Synagoge Deutschlands in der Berliner Rykestraße und habe mir ein bisschen was über das Judentum erzählen lassen, über das ich abgesehen von ein paar Feiertagsnamen irgendwie schändlich wenig weiß. Erstaunlich sei, so erzählte uns dort eine Frau, die frühe Gleichstellung der Geschlechter in jüdischen Gesellschaften gewesen. So konnten sich schon vor 3000 Jahren Frauen scheiden lassen, wenn sie dem Rabbi gute Gründe dafür lieferten: Misshandlungen, Nichtbeachtung, eine, wie es heißt, abstoßende Krankheit des Mannes. Tatsächlich ist diese uralte Tradition ziemlich beeindruckend. Was sich aber seit 3000 Jahren nicht verändert hat, kann in der heutigen Zeit durchaus trotzdem zum Problem werden.

So wie in GET – Der Prozess der Viviane Amsalem. Das Drama, das schon in Cannes 2014 in der Quinzaine des Réalisateurs lief, erzählt die Geschichte der titelgebenden Viviane Amsalem (Ronit Elkabetz) aus Israel, die fünf Jahre lang vor einem jüdisch-orthodoxen Rabbinatsgericht um die Scheidung von ihrem Ehemann Elisha Amsalem (Simon Abkarian) kämpfen muss. Seltsam, mag man sich dabei vielleicht sagen. Wenn die Frau so leidet – warum geht sie dann nicht einfach zu einer staatlichen Institution und lässt sich scheiden? Tatsächlich verhandelt der Film aber ein Problem, das sich tatsächlich immer wieder so in Israel zutragen kann, denn im Heiligen Land gibt es auch im Jahre 2014 noch keine zivile Eheschließung – und demnach auch keine staatliche Institution, die Scheidungen vollziehen kann. Die Ehe ist Sache der Religion. Will eine Frau sich scheiden lassen, muss sie vor dem Rabbinatsgericht Gründe vorbringen. Werden diese akzeptiert, darf der Mann ihr den sogenannten Get, den Scheidungsbrief überreichen und ihr damit ihre Freiheit zurückgeben. Das Problem dabei ist jedoch: der Mann kann zur Scheidung nicht gezwungen werden.

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Genau das ist auch Vivianes Schicksal. Ihr Mann weigert sich schlicht, die Trennung von seiner Frau zu akzeptieren. Und auch dem Gericht ist nicht so recht klar, warum sie so sehr darauf beharrt, nicht mit Elisha zusammenleben zu wollen: schließlich ernährt er die Familie, schenkte ihr Kinder, lässt ihr einige Freiheiten und schlägt sie nicht. Was kann die Frau schon mehr erwarten? Um den Prozess in Gang zu bringen, werden zahlreiche Zeugen vorgeladen, die über die Ehe der Amsalems aussagen sollen, dabei aber meist auch nur ihre eigenen Unzulänglichkeiten preisgeben. Und überhaupt ist es schon ein einziger Krampf, Elisha überhaupt dazu zu bringen, im Gericht zu erscheinen. Die Hilflosigkeit aller Beteiligten ist geradezu absurd, und wenn die drei Bärtigen hinter dem Richterpult vorschlagen, sie könnten Elisha zur Strafe den Führerschein entziehen – und Viviane daraufhin erklärt, er habe nie einen Führerschein gemacht – dann kann man als Zuschauer einfach nicht anders, als trocken aufzulachen und die nächstgelegene Petition zur Trennung von Staat und Religion unterschreiben.

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GET – Der Prozess der Viviane Amsalem spielt fast ausschließlich in einem kleinen, weiß gestrichenen und schmucklosen Gerichtsraum. Ein paar Tische und Stühle sind alles, was an Ausstattung zur Verfügung steht. Und ich kann auch nicht unbedingt sagen, dass das Werk von Ronit und Shlomi Elkabetz unterhaltsam ist. Warum also habe ich trotzdem vom Anfang bis zum Ende gebannt zugeschaut und gar nicht bemerkt, wie schnell zwei Stunden sich verflüchtigten? Zum einen liegt das an den vielen verschiedenen Stimmungen, die die Regisseure so meisterlich in diesem hermetischen Raum zu erschaffen wissen. Der Film changiert zwischen Tragödie und Komödie, Charakterstudie und kafkaesker Farce. Zum anderen ist es hervorragend gelungen, trotz der eingeschränkten Mittel komplexe Figuren zu zeichnen. Erwartbarerweise sticht besonders Viviane hervor, von Ronit Elkabetz als eine stolze und elegante Frau interpretiert, die selbst noch ihre Würde bewahrt, wenn sie angesichts der geballten Ignoranz und Ungerechtigkeit um sie herum für einen kurzen Moment die Fassung verliert. Ihre Entwicklung wird uns in subtilen Details gezeigt. Sie manifestiert sich in der Farbe ihrer Kleidung, ihrem Nagellack oder den Frisuren. Und trotz der melancholischen Unnahbarkeit, die diese Frau ausstrahlt, fällt es nicht schwer, Empathie für sie zu empfinden, sofort auf ihrer Seite zu stehen. Viviane trägt durch diese theatrale Odyssee, sie ist der aktive Part, sie kämpft, hinterfragt, verzweifelt. Und doch ist sie diejenige, deren Stimme einfach nicht zählt. GET – Der Prozess der Viviane Amsalem macht sie sichtbar – und viele Frauen, denen es in der Realität nicht anders geht.

Kinostart: 15. Januar 2015

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